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Standpunkte

Können wir unsere Daten schützen?

Bild: iStock

Müssen wir uns von der Vorstellung einer geschützten Privatsphäre endgültig verabschieden oder können moderne Verschlüsselungstechniken uns retten? Zwei unterschiedliche Blickwinkel zur digitalen Datensicherheit in Zeiten von PRISM, Tempora & Co

Kryptographie könnte eine Lösung sein

Der Informatiker Jörn Müller-Quade ist Professor für IT-Sicherheit am Karlsruher Institut für Technologie. Er beschäftigt sich mit einem Dilemma: Datenschutz ist ein hohes Gut - aber zugleich können offen verfügbare Informationen wichtige Fortschritte ermöglichen. In seiner Forschung will er beides kombinieren. Daten könnten verschlüsselt gesammelt und verarbeitet werden

Jörn Müller-Quade ist Professor für Kryptografie und Sicherheit am Karlsruher Institut für Technologie. <br /> Foto: Gabi Zachmann/KIT

Der Schutz persönlicher Daten ist eine wesentliche Voraussetzung für unsere Freiheit. Würde alles bekannt werden, was wir tun, änderten wir unser Verhalten. Unser Handeln wäre ständig mitbestimmt von der Angst um unser Bild in der Öffentlichkeit, um die Karriere und um Freundschaften. Das Recht auf Selbstbestimmung würde dadurch eingeschränkt, freie Wahlen wären kaum noch möglich. Zusätzlich ist zu bedenken, dass nicht jeder, der Daten sammelt und auswertet, auf unser Wohl bedacht ist.

Ohne Datenschutz verbreiten sich Informationen ungehindert. Einbrecher profitieren von Energieverbrauchsdaten und Verkehrsdaten, aus denen sie schließen, wo sie ungestört einbrechen können. Wenn Krankendaten öffentlich werden, können Menschen bei der Arbeitssuche oder beim Abschluss von Versicherungen benachteiligt werden.

Datenschutz kann aber auch hinderlich sein. Für die Energiewende ist es viel besser, wenn wir über die Verbraucher Bescheid wissen und Ressourcen optimieren können. Der Verkehr würde besser fließen, wenn eine zentrale Instanz wüsste, wer wann wohin fahren will und dadurch optimale Routen empfehlen könnte. Und: Würden wir etwa Medizindaten zentral auswerten, könnten seltene Krankheiten besser geheilt und Nebenwirkungen schneller erkannt werden.

Eine Lösung könnte in der modernen Kryptographie liegen, die inzwischen mehr als verschlüsselte Kommunikation bietet. Denkbar sind etwa so genannte sichere Berechnungen: Bei ihnen wird mit Daten gearbeitet, die aber soweit anonymisiert sind, dass außer dem Ergebnis nichts bekannt wird. Dadurch ist es möglich, Ressourcen wie etwa bei der Verkehrsführung oder der Patientenbehandlung zu optimieren, ohne dass die individuellen Daten zentral gespeichert oder ausgewertet werden. Für kleinere Anwendungen ist dies heute schon möglich, für Berechnungen auf großen Datenbeständen ist noch einiges an Forschung nötig. Das Beste aus beiden Welten zu bekommen, das ist eines unserer Ziele.

Ein wirkungsvoller Datenschutz ist utopisch

Der Publizist Christian Heller hat sich für einen radikalen Umgang mit dem Datenschutz entschieden: Er legt als Blogger sein gesamtes Leben offen. Seinen Kalender und selbst privateste Notizen stellt er ins Internet (www.plomlompom.de). Auf Privatsphäre verzichtet er von vornherein selbst.

Christian Heller, Foto: CC-BY Fiona Krakenbürger

Die Technologien zum Aushorchen, Archivieren und Analysieren unseres Lebens breiten sich immer weiter aus. Wer sie meiden will, muss sich anstrengen: Straßen, Plätze und Geschäfte sind voller Überwachungskameras; jeder unserer Klicks wird von Internet-Diensten nachverfolgt, immer mehr Mitmenschen versenden per Handykamera, Twitter und bald auch Google Glass live im Internet, was sie gerade erleben. Das schränkt unsere möglichen Zufluchtsorte für die Privatsphäre immer weiter ein.

Schaffen Datenschutzgesetze Abhilfe? Ihre Grundprinzipien - Datensparsamkeit, Zweckbindung und Kontrolle von Daten - verpuffen im Netz. Jede Handlung erzeugt hier Daten in Massen, die mit minimalem Aufwand verbreitet und kopiert werden können und sich (wenn überhaupt) nur mit maximalem Aufwand wieder einfangen lassen. Durch je mehr fremde Rechner die Daten laufen, umso eher werden sie auf andere Arten analysiert oder verwendet, als bei ihrer Erzeugung geplant war.

Regionales Datenschutzrecht versagt vor dem so globalen wie anarchischen Internet. Der Kampf gegen Datensünder wie Facebook scheitert aber nicht nur an deren Fluchten in lockerere Rechtsordnungen, sondern auch an denen, die er schützen soll: den Menschen selbst. Kommunikationsbedürfnis, Neugier und Bequemlichkeit treiben Menschen millionen- bis milliardenfach in die Arme solcher Daten-Maschinerien, sie füttern und legitimieren sie und fordern ihre Weiterentwicklung - und das beim anhaltenden exponentiellen Wachstum computertechnischer Kapazitäten.

Zuletzt scheitert Datenschutz an denen, die ihn als Recht für uns durchsetzen sollen: den Staaten. Deren Behörden und ihre internationalen Kooperationen schaffen mitunter die monströsesten Überwachungsapparate. Als direkte Produkte politischer und amtlicher Entscheidungen wären diese am ehesten gesetzlich zu bändigen - besäße Datenschutz als Staatsauftrag relevantes Gewicht. PRISM, Tempora & Co aber zeigen, wie wenig wir uns auf Staat und Recht als Garanten der Privatsphäre verlassen können.

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