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Interview

„Jede Zeile wird dreimal umgedreht“

Der Ethikrat bei seiner konstituierenden Sitzung im April. Bild: Deutscher Ethikrat / Reiner Zensen

Im Deutschen Ethikrat ringen Philosophen, Theologen und Naturwissenschaftler um gemeinsame Positionen. Das Genome Editing etwa stand letzte Woche auf der Jahrestagung in Berlin zur Diskussion bevor es in die reguläre Sitzung ging. Wir sprachen mit der Biologin Ursula Klingmüller, die in diesem Jahr neu in den Rat berufen wurde.

Glückwunsch zu Ihrer Berufung in den Deutschen Ethikrat!

Vielen Dank!

Haben Sie davon per Brief erfahren oder hat man Sie angerufen? Und wer hat Sie vorgeschlagen?

Ich bekam einen Anruf und musste zunächst zusichern, dass ich mit niemandem darüber spreche, bis meine Ernennung offiziell bekanntgegeben wird. Vorgeschlagen wurde ich offenbar durch die Regierung.

Für wie lange gilt die Berufung?

Für vier Jahre und man kann einmal wiederberufen werden.

Beschränkt sich die Arbeit des Ethikrats auf die monatlichen Sitzungen?

Wir legen uns auf Themen fest und bilden Arbeitsgruppen, in denen wir unsere Empfehlungen ausarbeiten. Das sind dann zusätzliche Termine und dazu gehört sehr viel Textarbeit, also Schreiben und Redigieren.

Die Jahrestagung am 22. Juni steht unter dem Thema Genome Editing. Das ist Ihr Fachgebiet. Andere Themen kommen eher aus philosophischen Richtungen …

Das genau ist ja so spannend. Die Mitarbeit in diesem Gremium empfinde ich als eine Bereicherung. Ich war immer schon sehr gerne interdisziplinär unterwegs, arbeite seit vielen Jahren mit theoretischen Physikern zusammen, um mathematische Modelle für biologische Prozesse zu erstellen. Mit Juristen, Philosophen, Theologen an einer Fragestellung zu arbeiten, ist jetzt noch einmal eine ganz neue Dimension.

Wie war denn Ihr Einstand im April?

In der Vorstellungsrunde habe ich mir die Erfahrungen der Kollegen in entsprechenden Gremien angehört und mich anschließend so vorgestellt: Ich bin Grundlagenforscherin, ich bin Naturwissenschaftlerin, aber ich liebe die interdisziplinäre Arbeit und freue mich sehr über die neue Herausforderung und die Möglichkeiten, Neues zu lernen. Mich interessiert beispielsweise, wissenschaftlich herauszufinden, wie die Zellen entscheiden. Diese Formulierung hat der Jurist in unserer Gruppe gleich aufgegriffen und gesagt: „Frau Klingmüller, darüber müssen wir uns noch unterhalten …“ Da freue ich mich drauf.

Der Ethikrat soll zu bestimmten Themen Stellungnahmen abgeben. Aber längst nicht am Ende eines jeden Treffens. Wovon hängt das ab?

Wir sammeln aktuelle, gesellschaftlich besonders relevante Themen und entscheiden gemeinsam, welche sich dafür eignen, eine Stellungnahme auszuarbeiten. Das ist auch eine Frage der Ressourcen, denn diese Stellungnahmen sind sehr umfangreich. Und wir brauchen freie Kapazitäten, wenn aus der Politik eine Anfrage zu einem besonders aktuellen Thema kommt, um diese dann zügig zu bearbeiten.

Wird so eine Stellungnahme mit einfacher Mehrheit verabschiedet oder spiegelt sich darin die individuelle Meinung jedes Mitglieds wider?

Die Stellungnahmen werden in Arbeitsgruppen mit etwa zehn Teilnehmern erarbeitet – und da wird jede Zeile dreimal umgedreht bis es ein gemeinsam verabschiedeter Text ist.

Gerade weil es ja um hoch kontroverse und auch philosophische Themen geht, sagt doch sicher immer jemand: Ich sehe das völlig anders…

Absolut. Genau dieses Kontroverse herauszuarbeiten, finde ich so interessant. Oft sprechen Menschen aneinander vorbei, weil sie Begriffe mit unterschiedlichen Dingen assoziieren und davon ausgehen, dass der andere das genauso versteht. Wie: „Die Zellen entscheiden.“ Für mich ist das eine ganz normale Phrase, und ich war sehr erstaunt, dass man das auch anders verstehen kann, auf der juristischen Ebene.

Wie würden Sie denn Genome Editing auf deutsch ausdrücken?

Das ist ein Begriff, den wir auch im Deutschen immer auf Englisch benutzen. Weil die wissenschaftlichen Ausdrücke ins Deutsche übersetzt meist wenig elegant klingen. Es geht um eine technisch mögliche, gezielte Veränderung des Erbguts.

Wird am Ende dieser Tagung am 22. Juni eine Stellungnahme stehen?

Das Thema wurde vom Ethikrat in seiner alten, bis April gültigen Zusammensetzung vorbereitet. Es ist Thema der diesjährigen Haupttagung, aber ob daraus eine Stellungnahme entsteht wird sich noch entscheiden. Das hängt damit zusammen, dass sich die Interessenzusammensetzung im Gremium verändert hat.

Gibt es zum Genome Editing eine Position des Ethikrates?

Wir werden eine Position herausbilden, aber jetzt wird sie noch keine Form annehmen, die wir bereits vorlegen könnten.

Und wie ist Ihre Sicht auf das Thema?

Das Genome Editing ist ein wunderbares Werkzeug für uns als Wissenschaftler, es birgt aber auch Gefahren und führt uns an die Grenzen des ethisch Verantwortbaren. Für mich ist Genome Editing eine Möglichkeit, Hypothesen aus der Systembiologie zu überprüfen, indem wir tatsächlich eine Zelle so manipulieren können, dass bestimmte Komponenten fehlen. Das Genome Editing hat aber noch eine ganz andere Dimension: Wenn es darum geht, in die Keimbahn des Menschen einzugreifen, also in Ei- oder Samenzellen, wird es sehr fragwürdig. Denn hier steht die Frage der „Selbstoptimierung“ im Raum.

Letztlich kann man als Ethikrat immer sagen: Wir geben eine Stellungnahme ab, aber, liebe Politik, liebe Gesellschaft, es ist eure Sache, was ihr daraus macht …

Jeder von uns im Ethikrat ist mit großem Engagement dabei und würde alles daran setzen, dass die Stellungnahmen auch umgesetzt werden. Deshalb würde sicher niemand sagen: Das ist unsere Meinung, nun macht damit, was ihr wollt.

Bild: Ethikrat/Reiner Zensen

Ursula Klingmüller ist Systembiologin am Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg. Dort etablierte sie 2003 eine Nachwuchsgruppe, die 2007 in eine Abteilung umgewandelt wurde. 2011 berief sie die Universität Heidelberg zur Professorin. Die Wissenschaftlerin hat zahlreiche deutsche systembiologische Forschungskonsortien geleitet und ist Mitglied im Beirat mehrerer europäischer systembiologischer Gesellschaften. Von 2007 bis 2015 war sie Mitglied im Kuratorium des DKFZ.

Der Deutsche Ethikrat besteht aus 26 Mitgliedern, die von der Bundesregierung und dem Bundestag vorgeschlagen werden. Aufgabe des Gremiums ist es, die Politik in ethischen Debatten zu beraten. Dabei soll der Rat zum einen als Dialogforum wissenschaftliche Spezialdiskurse zusammenführen, zum anderen Stellungnahmen und Empfehlungen für die Politik entwickeln. Unter den Mitgliedern des Ethikrates sind Theologen, Philosophen, Juristen sowie Naturwissenschaftler und Mediziner. In der Vergangenheit hat der Rat unter anderem Stellungnahmen zur Präimplantationsdiagnostik, genetischer Diagnostik, Inzest und anonymer Kindesabgabe (Babyklappen) erarbeitet. Eine Stellungnahme zum Genome Editing wird erwartet.

Website Deutscher Ethikrat

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