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Kommentar

Hinterm Tellerrand geht’s weiter!

Bild: fotogestoeber - Fotolia

Für die Lösung vieler gesellschaftlicher Herausforderungen setzt die Politik vorwiegend auf die Kraft der Naturwissenschaften. Welch ein Versäumnis. Ein Kommentar von Ursula Mommsen-Henneberger.

Der Klimawandel, eine wachsende Weltbevölkerung, Migranten und Flüchtlinge in historischem Ausmaß, die globale Datenflut – diese konfliktreiche Gemengelage, die sich um viele weitere Punkte fortsetzen ließe, stellt auch Deutschland vor enorme Herausforderungen. Und was macht die Politik? Sie neigt nur allzu oft dazu, kritische Entwicklungen zu ignorieren und allein durch naturwissenschaftliche Forschung und Innovation bewältigen zu wollen. Doch die global verflochtenen Probleme sind damit allein nicht zu lösen. Vielmehr wächst die Notwendigkeit, dass die Naturwissenschaften über den Tellerrand des eigenen Geschehens hinausblicken: Am Beitrag der Gesellschaftswissenschaften führt kein Weg vorbei. Sie können mit ihren Erkenntnissen wichtige Informationen in die öffentliche Debatte und die politische Steuerung von Gesellschaften im Umbruch tragen.

Nehmen wir das Beispiel Flucht: Forscher vieler Disziplinen könnten hier ihre Erkenntnisse gewinnbringend zusammentragen. Naturwissenschaftler können dabei helfen, Daten über Klimaveränderungen, Wanderungsbewegungen und vieles mehr beizusteuern. Migrationsforscher analysieren die sozialen Ursachen. Ökonomen untersuchen die Folgen der internationalen Wirtschaftsbeziehungen für arme Länder. Soziologen forschen in den immer größer werdenden Flüchtlingscamps, wie eine menschenwürdige Unterbringung aussehen kann.

<b>Ursula Mommsen-Henneberger (65) </b> war viele Jahre Redakteurin der Deutschen Presse-Agentur (dpa) und bis Ende Januar 2016 verantwortlich für das dpa-Dossier Bildung Forschung; seitdem ist sie im Ruhestand. Bild: Jindrich Novotny;

Und doch gibt es diese Zusammenarbeit noch immer zu selten. Denn der Transfer solcher Erkenntnisse in Politik und Gesellschaft braucht bestimmte Bedingungen. So muss es stabile Institutionen geben, über die sich Forscher systematisch einbringen können, um von Politik und Öffentlichkeit gehört zu werden. Hier sind Bund, Länder und Universitäten gefragt. Ferner könnte das Büro für Technikfolgenabschätzung beim Bundestag seine Aufgaben stark um soziale Aspekte erweitern. Denkbar ist außerdem ein jährliches Gutachten – ähnlich wie der Wirtschaftsbericht – zu gesellschaftspolitischen Brennpunkten. Es müsste interdisziplinär erarbeitet sein und medienwirksam vorgestellt werden.

Im Vergleich zu den Naturwissenschaften sind die Geistesund Sozialwissenschaften Nachzügler im Wissenstransfer wie in der Wissenschaftskommunikation. Von einem generellen Transport-Defizit sozialwissenschaftlicher Themen in die Praxis spricht auch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG). Sie hat eigens eine Förderlinie zum Erkenntnistransfer aufgelegt. Doch darunter sind nur wenige geförderte Projekte aus den Sozialwissenschaften. Der Grund: Es gibt zu wenige Bewerbungen.

Die Gesellschaftswissenschaften müssen sich also auch selbst ändern. „Raus aus dem Elfenbeinturm“ heißt es für sie. Es gibt interessante Vorbilder: etwa das Zentrum für Wissenschaftskommunikation des Exzellenzclusters „Religion und Politik“ der Universität Münster. Die mit dem Zentrum strukturell an der Hochschule verankerten Kommunikatoren stellen bewusst die gesellschaftliche Relevanz ihrer Forschung in den Mittelpunkt. Ein anderes Modell kann die Zusammenarbeit zwischen Forschern der Freien Universität Berlin und dem Auswärtigen Amt sein. In einem Wissensaustausch untersuchen hier Rechts-, Politik- und Geschichtswissenschaftler zusammen mit Diplomaten Handlungsmöglichkeiten der deutschen Außenpolitik in zerfallenden Staaten.

Solche Projekte sollten Ansporn für Wissenschaftler und Politiker sein, wechselseitige Berührungsängste abzubauen und neue Formate des Informationsaustauschs zu finden. Längerfristige Perspektiven müssen verstärkt in die Politik einfließen. Denn allein die aktuellen Herausforderungen fordern mehr als ein machtpolitisches „Fahren auf Sicht“.

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