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Gast-Kommentar

Fusionsforscher, sucht den Dialog!

Bild: fotogestoeber - Fotolia

Seit Jahrzehnten versuchen Forscher, die Kernfusion als Energiequelle zu erschließen.

Sie gilt als nahezu unerschöpflich und ungefährlich. Doch muss sie von der Gesellschaft auch akzeptiert werden. Ein Kommentar von Norbert Lossau

Forschern gelang es jüngst, eine aus dem All kommende Gravitationswelle zu messen. Es gibt sie also, die vor 100 Jahren von Albert Einstein vorhergesagten Schwingungen der Raumzeit. Manche fragten sich aber, was wir von dieser Erkenntnis haben. Kann sie den Fortschritt beflügeln und irgendein Problem der Menschheit lösen?

Das Wissen um die Existenz dieser Wellen wird sich nicht auf den Alltag von Menschen auswirken. Der geglückte Nachweis ist aber ein Beleg für die fantastische Fähigkeit einiger Menschen, allein mit der Kraft der Gedanken Realitäten vorherzusehen, für die es noch keine technischen Zugänge gibt.

Die Vorhersage der Quarks oder des Higgs-Teilchens sind weitere Beispiele. Mathematische Theorien sind so mächtig, dass Physiker etwas prognostizieren können, was sich erst später als richtig erweist. Dass es im Fall der Gravitationswellen ein ganzes Jahrhundert dauerte, bis eine Folgerung aus der Allgemeinen Relativitätstheorie dingfest gemacht werden konnte, lässt uns noch stärker über die Genialität Einsteins staunen.

Seit gut einem halben Jahrhundert sagen Physiker voraus, dass es mithilfe der Kernfusion möglich sein sollte, eine unerschöpfliche Energiequelle zu erschließen. Noch ist das nicht gelungen, obwohl intensiv daran geforscht wird. Wenige Tage vor der Nachricht über die Gravitationswellen ging in Greifswald am Max-Planck-Institut für Plasmaphysik, einem Mitglied der Helmholtz-Gemeinschaft, der Forschungsreaktor Wendelstein 7-X in Betrieb. Dieser sogenannte Stellarator öffnet neue Perspektiven, weil er nach einem anderen Prinzip funktioniert als der bislang favorisierte Reaktortyp Tokamak.

Norbert Lossau (56) ist Ressortleiter Wissenschaft bei WELT/N24

Es hat immer Skeptiker gegeben, die energieliefernde Fusionskraftwerke für unrealistisch hielten, weil die Herausforderungen zu groß seien. Doch es war auch eine riesige Herausforderung, Detektoren zu bauen, die sensibel genug für den Nachweis von Gravitationswellen sind. Das hielten manche für nicht möglich. Sogar Einstein nicht. Die Entdeckung der Gravitationswellen wird den Fusionsforschern Mut machen. Hier wie dort ist es der menschliche Geist, der ein Ziel erkennen, anstreben und erreichen kann – sei es aus reinem Erkenntnisstreben oder mit der konkreten Absicht, eine neue Energiequelle zu erschließen. Noch sind auf dem Weg zum Fusionskraftwerk viele Hürden zu nehmen. Doch bislang spricht nichts dagegen, dass das Ziel grundsätzlich erreichbar ist.

Bei der Fusionsforschung ist der gesellschaftliche Dialog besonders wichtig. Während die Gravitationswellen-Astronomen mit harmloser Technik in einsamen Gegenden hantieren, geht es bei der Kernfusion um nukleare Anlagen, die Gigawatt-Mengen an Strom erzeugen sollen. Auch wenn Experten betonen, dass die maximalen Unfallfolgen bei einem Fusionskraftwerk rund 1000-mal kleiner als bei einem Kernkraftwerk wären, so könnte selbst das die Akzeptanz beeinträchtigen.

Was eine zu spät geführte gesellschaftliche Debatte bedeuten kann, haben wir bei der Magnetschwebebahn „Transrapid“ erlebt. Milliarden flossen in die Entwicklung dieser Technologie. Als sie nach vielen Jahren anwendungsreif war, stellte sich heraus, dass der Bau einer Trasse in Deutschland gar nicht gewollt war. Dumm gelaufen. Doch die Vorhersage, dass die Technik funktionieren würde, war immerhin richtig.

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