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Frauenförderung

Fortschritt im Schneckentempo

Von links nach rechts: Marcel Schütz, Daniela de Ridder, Jan-Martin Wiarda, Franziska Broer, Carola Franzen, Hans-Peter Blossfeld. Bild: Helmholtz/Anne Steuer

Ob Hochschulen, Forschungseinrichtungen oder Wissenschaftsministerien: Alle reden von Chancengleichheit. Von den gleichen Karrieremöglichkeiten für Männer und Frauen. "Warum dauert das dann solange?", fragen sich viele. In Berlin diskutierten Soziologen, Politiker und Wissenschaftler über Königswege und Karrierepfade.

Auf dem Podium: 
  • Hans-Peter Blossfeld, Bildungsforscher und Soziologe am European University Institute Florenz
  • Franziska Broer, Administrative Geschäftsführerin am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung
  • Daniela de Ridder, Personalberaterin und SPD-Wissenschaftspolitikerin
  • Carola Franzen, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Helmholtz-Zentrum Dresden-Rossendorf
  • Marcel Schütz, Organisationsforscher an der Universität Oldenburg
Moderation: Jan-Martin Wiarda
Dass Frauen in der Wissenschaft gleiche Chancen wie Männer haben, mag auf den ersten Blick nicht viel mit Gartenbesitzern und kleinen Tieren zu tun haben. Die SPD-Politikerin Daniela De Ridder zog am Montagabend dennoch diesen Vergleich: „Es gibt Fortschritt in der Frauenförderung“, sagte sie. „Allerdings ist er eine Schnecke. Jeder, der schon einmal einen Garten bestellt hat, weiß jedoch, sie bewegen sich.“ Daniela De Ridder gab damit in ihrem Impulsvortrag das Bild vor, das die Diskussion der Veranstaltung Fokus@Helmholtz für den Rest des Abends bestimmen sollte.

Immerhin, räumte De Ridder ein, gab es in den letzten 15 Jahren eine Verdoppelung des Frauenanteils an den Professuren: Betrug er im Jahr 1999 über alle Fachdisziplinen hinweg noch 9,8 Prozent, waren es im Jahr 2013 rund 21 Prozent. „In der Exzellenzinitiative beispielsweise ging nichts mehr ohne Gender-Konzept, also ohne die Geschlechterthematik. Auch im Bund wurde einiges vorangebracht, etwa das Professorinnenprogramm“, sagte sie. Dennoch sei das nicht der allein glücklich machende Königinnenweg. Nicht nur Strukturen müssten geändert werden. Es gehe vielmehr auch darum, Kulturen zu beeinflussen. „Die Kulturen, die das Geschlechterverhältnis betreffen, müssen offener werden. Sonst ist nichts gewonnen“, meinte die Politikerin.

Bereits in ihrem Grußwort war Stephanie Dittmer, die Leiterin des Bereichs Strategie und Helmholtz-Akademie bei der Helmholtz-Gemeinschaft, auf den Ruf nach dem Königinnenweg eingegangen. Er  zeige doch, dass sich trotz toller Beispiele zu wenig tue und das auch noch zu langsam, „dass man also irgendwie und irgendwann auf einen Durchbruch hofft“, meinte Dittmer.

Zu den Erfolgen der Wissenschaftsorganisation zählte sie, dass rund 42 Prozent aller 6.000 in der Helmholtz-Gemeinschaft Promovierenden Frauen seien. „Doch im Lauf der Postdoc-Phase gehen so viele verloren, dass der Frauenanteil in den Führungspositionen nur noch 15 Prozent beträgt.“ In der Wissenschaft liege Helmholtz da jedoch immer noch gut im Mittelfeld.

Um diese Situation weiter zu verbessern, tue die Gemeinschaft einiges: „Wir verpflichten role models, erfolgreiche Wissenschaftlerinnen und administrative Kräfte“, sagte Dittmer. „Wir achten bei Auswahlverfahren auf paritätische Besetzungen, und dort, wo das nicht möglich ist, auf wenigstens 30 Prozent Frauen. Wir suchen international für herausgehobene wissenschaftliche Positionen aktiv nach Frauen.“ Und man achte bei Bewertungen von beruflichen Lebensläufen auf Familienzeiten – übrigens nicht nur bei Frauen, sondern auch bei Männern.

Fragen, die in diesem Zusammenhang auch bei der Helmholtz-Gemeinschaft diskutiert würden, seien etwa, ob Quoten oder Programme Frauen dabei helfen, mit Männern beruflich gleichzuziehen. Und worin das Problem eigentlich bestehe. „Müssen sich Frauen mehr zutrauen, ihre Einstellung verändern oder müssen sich die eher männlich geprägten beruflichen Umfelder ändern?“, fragte Dittmer. Müsse man also von der Frauenförderung zur Systemförderung oder zur Entwicklung des Systems kommen? Das waren Fragen, die in der anschließenden Diskussionsrunde immer wieder auftauchten.

Zum Einstieg in die lebhafte und kontroverse Debatte gab der Moderator des Abends, Jan-Martin Wiarda, zu: „Wir haben den Begriff Frauenförderung extra gewählt, auch um ein bisschen zu polarisieren.“ Denn man müsse ja erst einmal klären, ob das das Gleiche wie Chancengerechtigkeit oder Gleichstellung bedeute. „Was sind denn jetzt erfolgversprechende Karrierepfade und Strategien für junge Frauen?“, fragte Wiarda.

Der Bildungsforscher Hans-Peter Blossfeld erklärte den raschen Anstieg des Frauenanteils in den letzten 10 Jahren damit, dass es durch den Generationenwechsel bei den Professoren viele Vakanzen gegeben hat und die Frauenförderung bei den Berufungen zu guten Ergebnissen geführt hat. Da diese Stellen heute aber durch junge Professoren und Professorinnen langfristig besetzt seien und der weitere Ersatzbedarf sinkt, erwartet er trotz Frauenförderung in der Zukunft einen weniger schnellen Anstieg des Anteils der Professorinnen.  

Franziska Broer betonte dagegen die Bedeutung von Förderprogrammen auch in der Zukunft: „Die Frauenförderung ist kein Selbstläufer“, sagte sie. „Wir brauchen auch Programme zur Frauenförderung und Zielquoten.“ Es gebe zwar immer nur eine begrenzte Anzahl von freien Stellen. Die Zahlen zu den Neubesetzungen im W3-Bereich in den Helmholtz-Zentren hätten in der Vergangenheit aber sehr deutlich gezeigt, dass die Anzahl der berufenen Frauen sehr gering war. Erst gezielte Rekrutierungs-Programme und die Diskussionen um die Zielquoten hätten zu einer deutlichen Veränderung des Frauenanteils bei Neuberufungen geführt.

Blossfeld wies dann auf einen anderen Punkt hin, nämlich, dass „geschlechtsspezifische Lebenslaufregime“ immer noch vorherrschend seien. „Wir haben heute auf den ersten Blick die traditionelle Rollenverteilung bei Paaren nicht mehr“, sagte er. „Auf den zweiten Blick aber zeigt sich, dass sie sich zwar demokratisch organisieren, doch nur solange bis das erste Kind kommt.“ Dann konzentriere sich der Mann auch heute noch auf die Karriere, die Frau auf die Kinder. „In der Mitte des Lebens machen Frauen häufig Teilzeit“, sagte Blossfeld. „Da läuft noch immer ein altes Programm ab.“

Und wie ist das bei den Wissenschaftseinrichtungen? Funktionieren auch sie nach alten Mustern? Der Organisationssoziologe Marcel Schütz meinte, viele junge Wissenschaftler befürchteten heute durchaus, im Nachteil zu sein, wenn sie sich zum Thema Gleichstellung äußern. „Wir haben von den Unis zwar ein sehr demokratisches, emanzipiertes Bild“, sagte er. „Die traditionellen Strukturen und Hierarchien sind aber nach wie vor da.“ Kontrovers Stellung zu beziehen, erfordere auch heute Mut. Da seien Nachwuchswissenschaftler durchaus gefordert, Haltung zu zeigen. Seit einigen Jahren gebe es zudem immer höhere Ansprüche an eine wissenschaftliche Karriere. „Da baut sich ein hoher Anpassungsdruck auf.“

So tauchte für den Moderator Wiarda die Frage auf, warum sich Frauen das überhaupt antun. Die wissenschaftliche Mitarbeiterin Carola Franzen antwortete offen, dass ihr Beruf und Karriere ebenso wichtig seien wie die Familie. „Im Studium ist man noch naiv genug zu glauben, es gehe beides“, sagte sie. „Mein erstes Kind habe ich mit 25 bekommen. Ich wollte bewusst früh Kinder bekommen und ich bereue es nicht, zu Hause geblieben zu sein.“ Doch ihrer Karriere habe der daraus resultierende geringere Hirsch-Index eindeutig geschadet. „Ich bin in Studium und Promotion eine der besten gewesen, nur danach nicht mehr, wegen der Kinder. Die Zeit, in der ich nicht in der Wissenschaft war, wird mir als Nachteil angerechnet“, sagte sie. Warum Sie dennoch an der Wissenschaft festhalte, beantwortete sie mit einem klaren Bekenntnis. „Weil es einfach Spaß macht“, sagte Franzen. „Es ist trotz allem ein toller Beruf.“

Wird Frauenförderung denn in 20 Jahren überhaupt noch ein Thema sein? „Franziska Broer antwortete zum Abschluss der Diskussion zuversichtlich: „Wir sind dann auf jeden Fall weiter, aber nicht am Ziel“, sagt sie. „Viele Dinge wären einfacher, wenn das Thema Familie gleichmäßig auf beide Elternteile verteilt wäre. Es stimmt mich optimistisch, dass es schon heute viele Männer gibt, die sich für mehr Elternzeit und Zeit mit der Familie einsetzen.“ Marcel Schütz gab den Zuhörern mit auf den Weg: „Wir als Männer haben nicht das Problem, dass wir bei diesem Thema völlig unterbelichtet sind.“  Und Jan-Martin Wiarda betonte, dass von einer konsequenten Frauenförderung am Ende alle profitierten: Die Frauen, die Männer, das ganze Wissenschaftssystem.

Stimmen der Diskutanten:

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