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Klimawandel

Eisschmelze verursacht kältere Winter in Europa

Bild: Hannes Grobe, AWI

Es klingt paradox: Klimaforscher rechnen wegen der globalen Erwärmung mit kälteren Wintern in Europa. Das Arktiseis schmilzt, dadurch verschieben sich die Luftströmungen, die unser mildes Winterwetter bestimmen. Die Forscher halten das Phänomen aber für vorübergehend.

Grau, regnerisch und warm. Der Dezember dieses Jahres könnte einer der wärmsten der letzten Jahrzehnte werden. Nichts deutet derzeit auf weiße Weihnachten und klirrenden Frost hin. Doch ein Monat und ein Winter sagen noch nichts über größere meteorologische Trends aus. Japanische Klimaforscher haben gezeigt, dass sich kältere Winter in Mitteleuropa häufen könnten. Der Grund: Durch das Schmelzen arktischer Eismassen verschieben sich große Luftströmungen.

Das Team um Masato Mori von der Universität Tokio führte mehr als 100 verschiedene Computersimulationen durch, in denen die Wissenschaftler gezielt durchspielten, welchen Einfluss eine starken bis geringe Meereisbedeckung in der Barentssee auf die Temperaturen in Eurasien hat. Ihre Simulationsmodelle zeigten: Taut aufgrund der Klimaerwärmung das Meereis in der Arktis, kommt es woanders zu Temperaturschwankungen – und zwar vermehrt in Mitteleuropa und in Teilen Asiens. Durch diesen Effekt hat sich die Wahrscheinlichkeit für extrem kalte Winter in den gemäßigten Breiten Eurasiens inzwischen sogar mehr als verdoppelt.

In welchem Zusammenhang das schwindende Meereis in der Arktis und die Kälteschübe in Europas stehen, weiß Klaus Dethloff, Professor für Atmosphärenphysik am Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung. Auch sein Team hat dieses Phänomen untersucht. „Schmilzt in warmen Sommern arktisches Meereis stärker, heizt die Sonne den dunkleren Ozean zunehmend auf. Der erwärmt sich stärker als die ihn umgebende Atmosphäre. Folglich wird auch die Luft über dem Wasserspiegel wärmer, steigt auf, die Atmosphäre wird instabiler“, erklärt der Physiker. „Dadurch verstärken sich bestimmte seitliche Luftströmungen in der Arktis und beeinflussen die globalen Zirkulations- und Luftdruckmuster.“

Eines dieser Muster ist die Nordatlantische Oszillation mit dem Azoren-Hoch und Island-Tief. Sie bestimmt wesentlich das Wettergeschehen in unserer Region, vor allem in Herbst und Winter. Ist dieser Luftdruckgegensatz hoch, entsteht normalerweise ein starker Westwind. Er trägt im Winter warme, feuchte Luftmassen bis nach Europa. „Bleibt dieser Wind aus, dringt häufiger kalte arktische Luft bis nach Europa vor und beschert wärmeren Breiten eisige Winter“, sagt Dethloff. Je weniger sommerliche Eisbedeckung in der Arktis, desto stärker falle der Effekt in der darauf folgenden kalten Jahreszeit aus.

Werden europäische Winter nun künftig kälter und schneereicher? „Langfristig gesehen vermutlich nicht“, resümiert Klaus Dethloff. „Die Klimamodelle des IPCC (Intergouvermental Panel on Climate Change) deuten darauf hin, dass bei steigendem CO2-Gehalt in der Atmosphäre das Eis der Arktis weiter schmelzen wird. Der derzeitige Trend winterlicher Kälteeinbrüche dürfte bald schon abnehmen, auch wenn einzelne strenge Winter in wärmeren Gefilden statistisch jederzeit möglich sind. Das sehen auch Masato Mori und seine Kollegen von der Universität Tokio so. Ihre Simulationen weisen ebenfalls darauf hin, dass sich bis zum Ende dieses Jahrhunderts die Effekte des Klimawandels durchsetzen. Steigende Temperaturen mildern dann die winterlichen Kälteeinbrüche weitgehend ab.

Nature Geoscience 7, 869–873 (2014) Robust Arctic sea-ice influence on the frequent Eurasian cold winters in past decades 

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