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Forschungsschifffahrt

Ein Platz auf der SONNE

SONNE während einer Probefahrt im Juni 2013. Bild: Jan Steffen, GEOMAR

Eine neue Ära der Forschungsschiffahrt hat mit der Fertigstellung der SONNE begonnen. Die Meeresbiologin Barbara Springer durfte bei einer der ersten Fahrten von Hamburg nach Warnemünde dabei sein. Ein Bericht über Herz und Gehirn des Schiffes.

Hamburg, 23.11.2014, 08.30 Uhr: Wir überqueren die Überseebrücke, an der das größte, fahrtüchtige Museums-Frachtschiff der Welt seinen Liegeplatz hat. Sie ist jedoch nicht das Ziel heute Morgen, sondern ein anderes Schiff, das direkt gegenüber festgemacht hat, das neue Forschungsschiff SONNE.

Ich habe das Glück, an einer Gästefahrt von Hamburg nach Warnemünde teilzunehmen. Diese Fahrt ist Teil einer zweiwöchigen Vorstellungsreise der SONNE mit Stops in Wilhelmshaven, Bremen, Hamburg, Warnemünde und Kiel. Dort werden der Öffentlichkeit bei Open-Ship-Veranstaltungen die Technik des neuen Schiffes und die Arbeit an Bord präsentiert.

Die Mitfahrt ermöglicht haben mir Niels Jakobi, Kapitän in der Leitstelle Deutsche Forschungsschiffe an der Universität Hamburg, und deren Leiter, Detlef Quadfasel. Die Leitstelle koordiniert neben der neuen SONNE bereits die Forschungsschiffe MARIA S. MERIAN und METEOR und war von Anfang an auch bei den Planungen zur SONNE beteiligt. Die neue SONNE wird überwiegend im Pazifik und Indischen Ozean unterwegs sein und löst das 36 Jahre alte Forschungsschiff gleichen Namens ab.

FS SONNE an der Überseebrücke in Hamburg: Foto: S. Ammann

Niels Jakobi und ich überqueren die Gangway und melden uns bei dem Wachhabenden an. Dann sehe ich mich um und freue mich, dass ich unter den Gästen und der Mannschaft ein paar bekannte Gesichter entdecke, die ich noch aus meiner Zeit als aktive Meereswissenschaftlerin kenne.

Wir plaudern ein wenig, dann beziehe ich meine Einzelkammer, die mit etwa zehn Quadratmetern viel Platz und ein eigenes Bad bietet. Das ist komfortabel, wenn man bedenkt, dass auf den meisten anderen Forschungsschiffen winzige Zweierkammern üblich sind.

10.00 Uhr: Die Gangway wird entfernt, die Leinen werden gelöst, und die SONNE verlässt den Liegeplatz. Das erste, was mir auffällt, ist die Ruhe auf dem Schiff: Ich höre keine Motorengeräusche und spüre kaum Vibrationen.

Lotsenwechsel nach dem Hamburger Hafen. Foto: B. Springer

An Bord befindet sich auch der revierkundige Hafenlotse, er berät den Kapitän während des Auslaufmanövers im Hamburger Hafen. Nach kurzer Fahrt geht er von Bord und wird vom Elblotsen abgelöst. Lotsen werden bei dieser Fahrt fast die ganze Zeit an Bord sein, um den Käpten bei den jeweiligen Kanaldurchfahrten zu unterstützen.

Das Wetter ist leicht diesig, zumindest regnet es nicht. Ich gehe mit den anderen auf das sogenannte Peildeck, das sich direkt über der Brücke befindet. Von dort haben wir einen guten Überblick auf die vorbeiziehenden Hafenanlagen, den Fischmarkt und die Elbhänge.

Nach etwa 45 Minuten erreichen wir die Schiffsbegrüßungsanlage Wedel, die uns mit dem Lied „Muss I denn zum Städele hinaus“ und der Nationalhymne zur weiteren Fahrt verabschiedet. Diese Anlage hat eine lange Tradition, alle in Hamburg einlaufenden und auslaufenden Schiffe werden begrüßt beziehungsweise verabschiedet. Für uns Gäste ein berührender Moment.

Bis zum Mittagessen bleibt noch Zeit für eine Führung in das Herz des Schiffes: die Maschinenräume. Der leitende Ingenieur zeigt uns den Maschinenwachraum. Hier befinden sich Computer und Anzeigegeräte der Motoren und Aggregate, die das Schiff am Laufen halten. In den einzelnen Maschinenräumen selbst ist es warm und zum Teil so laut, dass wir Ohrstöpsel tragen müssen. Wir gehen vorbei an Kompressoren, die Hochdruck für die seismischen Untersuchungen erzeugen, an der Vakuumverdampf-Frischwasseranlage, die aus dem Meerwasser Frischwasser herstellt und einem Gewirr an weiteren Geräten. Beeindruckend sind auch die beiden Wellen, die die beiden großen Festpropeller mit einem Durchmesser von 3,25 Metern antreiben. Damit kann das Schiff eine Reisegeschwindigkeit von 12 Knoten (etwa 22 Stundenkilometer) erreichen. Als Manövrierhilfen gibt es noch je einen ausfahrbaren Ruderpropeller vorne und hinten sowie einen Wasserstrahlantrieb (Pumpjet), der sich um seine eigene Achse drehen und das Schiff im Forschungsbetrieb exakt auf Position halten kann.

Abschließend besichtigen wir den Windenraum, in dem auf großen Trommeln die Drähte und Einleiter- bzw. Lichtwellenleiter für die Forschungsgeräte auf und abgetrommelt werden. Die Kabel und Drähte haben eine Länge von 18.000 Metern; so können die Wissenschaftler auch Proben bei großen Wassertiefen nehmen.

Bei Seegang kann die SONNE Wasser zwischen zwei Tanks hin und her pumpen, um so dem Schlingern entgegenzuwirken. Diese Tanks befinden sich im Rumpf des Schiffs. Weiterhin befinden sich im vorderen Teil des Rumpfs unterhalb der Wasserlinie seitlich ausfahrbare Flossen, die das Schiff weiter stabilisieren.

Die SONNE ist nach den neuesten Umweltstandards konzipiert, konstruiert und gebaut und wurde mit dem Umweltzeichen Blauer Engel ausgezeichnet. Das Schiff fährt mit Diesel statt Schweröl und hat einen Katalysator zur Abgasnachbehandlung. Der Müll wird an Bord getrennt, zerkleinert, komprimiert und gelagert und dann im Hafen entsorgt.

11.30 Uhr: Es gibt Mittagessen in der geräumigen Messe, dem Speisesaal der SONNE. Den anschließenden Kaffee trinken wir in der geräumigen Lounge nebenan und sehen die Elbmarschen an den großen Panoramafenstern vorbeiziehen.

Eigentlich könnte ich jetzt schön ein wenig Mittagsruhe halten, aber das Programm ist so spannend, dass ich schnell wieder zum Treffpunkt im Hangar komme. Barbara Donner und Jana Stone vom MARUM Bremen zeigen die acht großen Labore, in denen von den verschiedenen meereskundlichen Instituten Ausstellungen zu aktuellen Forschungsthemen ausgerichtet wurden. Das Spektrum reicht von der Erkundung des noch weitgehend unbekannten Meeresbodens der Tiefsee über Biodiversitätsforschung, Rohstofferkundung, Naturgefahren, Klimaforschung und die Erforschung von Stoffkreisläufen.

Führung durch die Labore der SONNE. Foto: B. Springer

15.00 Uhr: Jetzt wird es nochmal spannend, es geht in die Nord-Ostsee-Kanal. Die SONNE fährt in Brunsbüttel vorsichtig in die Schleuse ein – hier ist Präzision gefragt. Vorher hat wieder der Lotse gewechselt. Eine halbe Stunde später öffnen sich die Schleusentore wieder und geben den Weg in den 100 Kilometer langen Kanal frei, der eine der meist befahrenen Schifffahrtsstraßen der Welt ist.

Die SONNE fährt in die Schleuse von Brunsbüttel ein. Foto: B. Springer

Der Kanal ist über einhundert Jahre alt und in dieser Zeit mehrfach verbreitert worden. Dennoch können größere und breitere Schiffe nicht überall passieren. Hierzu gibt es sogenannte Weichen: Verbreiterungen des Kanals mit Haltepfählen, an die das Schiff heranmanövriert wird und das entgegenkommende Schiff abwartet.

Später schaue ich auf dem Arbeitsdeck noch die Ausstellung einiger Geräte und Messinstrumente aus dem Expeditionsalltag an und probiere in einem Simulator für das ferngesteuerten Tauchfahrzeug QUEST aus, wie es wäre, einen Unterwasserroboter zu steuern. Puh, die Koordination von Gerät und Greifarm ist ziemlich kompliziert und anstrengend – in den Wissenschaftssendungen im Fernsehen sieht es immer so leicht aus...

Dämmerung auf dem Nord-Ostsee-Kanal. Foto: B. Springer

16.30 Uhr: Ich steige hoch zur Brücke, wo Niels Jakobi eine Führung durch das Gehirn des Schiffes gibt. Überall blinken Anzeigen und Bildschirme. Von hier aus wird das Schiff vom jeweils wachhabenden Offizier oder dem Kapitän manövriert. Der Kanallotse steht beratend dabei. Die Brücke besitzt mehrere Fahrstände: Im vorderen Teil die Elemente zur Überwachung und Steuerung auf Transits und in der überhängenden Steuerbordnock einen Fahrstand mit allen wichtigen Anzeigen, der dynamischen Positionierungsanlage, Radar, einem Arbeitsplatz für Wissenschaftler für die Stationsarbeiten. Hier hat der Wachoffizier einen hervorragenden Blick über das Arbeitsdeck, von dem aus die wissenschaftlichen Geräte eingesetzt werden.

17.30 Uhr: Es gibt Abendessen, das reichhaltig ausfällt mit warmen Speisen sowie Brot und Aufschnitt. Wer hier mehrere Wochen mitfährt und nicht aufpasst, hat sicher ein paar Pfund mehr auf den Rippen, vermute ich.

19.00 Uhr: Angelika Brandt vom Zoologischen Institut der Universität Hamburg hält einen Vortrag über ihr Fachgebiet, die Erforschung von Biodiversitätsmustern und deren Ursachen in verschiedenen marinen Regionen. Sie wird während der Jungfernfahrt der SONNE mit ihrem Team und Kollegen des Kieler Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung GEOMAR Proben in einer der größten tektonischen Bruchzonen des Atlantiks nehmen. Sie wollen dabei herausfinden, ob der Mittelatlantische Rücken als Unterwasser-Gebirge im Atlantik eine natürliche Grenze für die noch wenig erforschten Lebewesen am Meeresboden darstellt. Hierzu werden die Tiere per Unterwasserkamera beobachtet und gezählt.

Nach dem Vortrag treffen sich die Gäste in der Lounge und lassen bei einem Getränk den abwechslungsreichen Tag auf der SONNE Revue passieren.

23:50 Uhr: Die SONNE passiert die Schleuse in Holtenau, wo einige Gäste das Schiff verlassen. Wenig später gehe ich in meine Kammer und freue mich, dass sich das Schiff nun auf der Ostsee doch ein wenig bewegt und ich sanft in den Schlaf geschaukelt werde.

Die Schleuse in Kiel-Holtenau bei Nacht. Foto: B. Springer

Am nächsten Tag stehe ich um 7 Uhr wieder auf. Bald kommt auch schon Warnemünde in Sicht, wo das Schiff um 08.00 Uhr am Passagierkai festmacht. Schade, denke ich – schon ist die Reise vorbei. Ich packe meine Sachen, mache noch ein paar letzte Fotos und verabschiede mich von meinem Mitreisenden, bevor ich von Bord gehe. Bei strömendem Regen werfe ich noch einen letzten Blick auf das Schiff und hoffe, dass ich vielleicht irgendwann einmal wieder eine Reise mitmachen kann.

Weitere Informationen zum neuen Forschungsschiff SONNE finden Sie auf der Webseite der Leitstelle Deutsche Forschungsschiffe: www.ldf.uni-hamburg.de/de/sonne.html

Einlaufen in Warnemünde. Foto: B. Springer

Neue und alte SONNE

Am 17. November 2014 wurde das neue, 116 Meter lange deutsche Forschungsschiff SONNE in Wilhelmshaven in Dienst gestellt. Die Baukosten betrugen rund 124 Millionen Euro. In den kommenden 30 Jahren wird es als Forschungsplattform vor allem im Indischen und im pazifischen Ozean unterwegs sein.
 
Am 2. Dezember 2014 ist SONNE zur siebten und letzten Probefahrt ausgelaufen. Unter der Fahrtleitung von Fritz Abegg (GEOMAR Kiel) wurden auf der Fahrt von Kiel nach Las Palmas Tests mit dem Unterwasserroboter ROV KIEL 6000 durchgeführt. Die erste wissenschaftliche Fahrt SO 237 begann am Abend des 14. Dezember in Las Palmas. Weihnachten und Silvester werden die Wissenschaftler und Besatzungsmitglieder auf See verbringen.

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