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Ukraine-Krise

Ein gutes Argument, die Energiewende zu beschleunigen

Bild: Fotolia.com

Deutschland ist abhängig von russischen Gaslieferungen. Das muss nicht so bleiben, sagt Holger Hanselka, Präsident des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) und Vizepräsident der Helmholtz-Gemeinschaft

Durch seine Annektierung der Krim ist Russland von einem politisch verlässlichen Partner des Westens zu einer geopolitisch unsicheren Größe geworden. Der Westen reagierte mit ein paar diplomatischen Sanktionen , die sich als zunächst wenig durchschlagend erwiesen. Seit auch die Auseinandersetzungen in der Ostukraine eskalieren, verschärft die Gruppe der sieben führenden Industrienationen, zu denen auch Deutschland, Frankreich und die USA gehören, ihren Ton. Anfang der Woche hat sich die G7 auf einen Energie-Pakt geeinigt, der ganz offen über Notfallmaßnahmen spekuliert, falls der russische Präsident Putin der Europäischen Union den Gashahn zudrehen sollte. Und so gleichzeitig den Weg freimacht für schärfere Sanktionen gegen Russland. Doch was würde passieren, wenn es tatsächlich zu solch einer Sanktionsspirale käme? Was hieße das konkret für die künftige Energieversorgung in Deutschland?

Nach noch vorläufigen Daten bezog Deutschland im Jahr 2013 rund 38 Prozent seines Erdgasverbrauchs aus Russland, 26 Prozent aus den Niederlanden, 20 Prozent aus Norwegen und sechs Prozent aus anderen Ländern. Aus eigener Produktion kann Deutschland nur rund zehn Prozent seines Bedarfs decken. Insofern ist klar: Obwohl Deutschland sich seit Jahren bemüht, seine Abhängigkeit von Russland zu verringern und das benötigte Gas von möglichst vielen unterschiedlichen Ländern zu beziehen, und obwohl Deutschland die viertgrößten Gasspeicherkapazitäten der Welt besitzt, werden wir nur für eine sehr begrenzte Zeit ohne russische Erdgaslieferungen auskommen - es sei denn, wir nehmen Einschränkungen für die Bevölkerung und die Industrie in Kauf. Und dieses Szenario berücksichtigt noch nicht einmal, dass Deutschland mit seinen Gasreserven im Krisenfall wahrscheinlich andere EU-Länder unterstützen müsste.

Wie aber ließe sich die bestehende Abhängigkeit von russischen Erdgaslieferungen, wenn schon nicht kurzfristig, so doch auf Dauer verringern? Verschiedene Optionen sind verfügbar - technische, ökonomische und politische.

Holger Hanselka ist Präsident des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) und Vizepräsident der Helmholtz-Gemeinschaft für den Forschungsbereich Energie. Foto: Andrea Fabry, KIT

An erster Stelle steht die Reduzierung des Gasverbrauchs! Die Gasnachfrage zu senken, also sowohl zu sparen als auch die vorhandene Energie effizienter einzusetzen, ist grundsätzlich einfacher und günstiger, als neue Lieferanten zu finden. Erdgas dient vor allem der Wärmeerzeugung. Daher wird es darauf ankommen, noch entschiedener als bislang in die Wärmedämmung von Wohn- und Industriegebäuden, die so genannte thermische Sanierung, zu investieren. Was wir außerdem brauchen, sind wirksamere Energieumwandlungsverfahren. Zum Beispiel moderne Gasbrenner für die Gebäudeheizung.

Eine positive Auswirkung werden auch Power-to-Gas-Anlagen haben, die Erdgas durch synthetisches Gas ersetzen können, wenn auch die absoluten Zahlen anfangs bescheiden sein werden. Auch Biogas trägt bereits heute zum Ersatz von Erdgas bei. Die in Deutschland vorhandenen Schiefergasreservoirs mithilfe von Fracking, also per hydraulischer Rissbildung, zu erschließen, könnte ebenfalls zur Entspannung beitragen, wie die aktuelle Situation in den USA und Kanada anschaulich zeigt. Hierbei müssen natürlich die möglichen Umweltrisiken und die in Deutschland vorherrschende öffentlichen Skepsis berücksichtigt werden. Auf jeden Fall aber bedarf es auf all diesen Gebieten gezielter Forschung und Entwicklung.

Neben den technischen gibt es ökonomisch denkbare Optionen. All jene Länder, aus denen Deutschland bereits Erdgas bezieht, könnten ihr Angebot noch leicht steigern. Der bisherige Anteil Russlands jedoch ließe sich damit nicht abdecken. Bleibt die Möglichkeit, auf Importe aus außereuropäischen Ländern wie USA oder Kanada zurückzugreifen. Da es heute aber keine entsprechenden Gaspipeline-Verbindungen gibt, müsste das Gas als Flüssiggas transportiert werden. Verflüssigung und Kühlung sind technisch aufwendig und teuer. Außerdem verfügt Deutschland nicht über die dazu erforderlichen Flüssiggas-Terminals. Experten gehen davon aus, dass die Bauzeit solcher Anlagen mindestens drei Jahre beträgt und dass Flüssigerdgas überdies erst gegen Ende dieses Jahrzehnts ökonomisch konkurrenzfähig sein wird.

Und schließlich die politischen Optionen. Für die Energiewende, das heißt den geplanten Umbau des deutschen Energiesystems bis zum Jahr 2050, liefert die Ukraine-Krise gute Argumente - und auch dafür, die für sie nötige Forschung zu beschleunigen. Die deutliche Erhöhung des Anteils erneuerbarer Energien, die Steigerung der Energieeffizienz, die Reduzierung des Gesamtenergieeinsatzes, die Installation von Speichern für Strom, Gas und Wärme sowie die thermische Sanierung des deutschen Gebäudebestands - mit diesen Maßnahmen reduzieren wir nicht nur die Emission von klimaschädlichen Treibhausgasen. Wir verringern gleichzeitig die Abhängigkeit Deutschlands von Energieimporten.

So eindrucksvoll die Liste des Möglichen auch ist, es gilt die Erkenntnis, dass die kurzfristig wirksamen Patentlösungen fehlen. Zahlreiche Staaten in Europa bleiben zumindest mittelfristig auf Energielieferungen aus Russland angewiesen. Zum Glück jedoch verläuft die Abhängigkeit nicht einseitig: Russland selbst braucht die Länder als Abnehmer, um an dringend benötigte Devisen zu kommen. Die Moskauer Regierung erzielt mit der Energiewirtschaft die Hälfte der Staatseinnahmen. Überdies ist Russland auf den Import von westlichen - nicht zuletzt deutschen - Technologien angewiesen, um seine Industrie und Infrastruktur zu modernisieren. Auch ein Blick in die Vergangenheit macht Mut: Selbst in den dunkelsten Zeiten des Kalten Krieges hat Russland seine Gaslieferungen niemals eingestellt oder künstlich verknappt. 

So bleibt hoffentlich die Zeit für Deutschland und Westeuropa, an den Lieferalternativen zu arbeiten. Zeit, die es jetzt zu nutzen gilt.

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