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Kommentar

„Die Menschen müssen mitmachen“

<b>Geofaktor Mensch</b> Ideen für neue Energiequellen gibt es viele. Auf welche wir bei der Energiewende in welchem Maße setzen, hängt stark von unserer Akzeptanz im Alltag ab. Bild: denisismagilov/Fotolia

Der Geowissenschaftler Reinhard Hüttl über die Herausforderungen der Energiewende, den Startvorteil der deutschen Verbraucher angesichts des bevorstehenden Umbaus des globalen Energiesystems und den Austausch mit den Geistes- und Sozialwissenschaften.

Es geht nicht nur um rein technische Fragen, wenn in Deutschland der Umbau der Energieversorgung hin zu nachhaltigen Energiequellen diskutiert wird. Die geplanten Maßnahmen greifen tief in das Alltagsleben jedes Einzelnen ein, wie allein der Blick auf die vorgesehenen Änderungen deutlich macht: Es geht um den Ausstieg aus der Kernenergie bis 2022, um die geringere Nutzung fossiler Energieträger, den Ausbau der Erneuerbaren Energien, eine stärker dezentrale Energieversorgung, den Ausbau großer Stromübertragungstrassen und regionaler Verteilernetze sowie um mehr Energieeffizienz. Diese Maßnahmen gehen aus der Empfehlung der Ethik-Kommission „Sichere Energieversorgung“ hervor, die unter dem Eindruck der Katastrophe von Fukushima die nachhaltige Bereitstellung von Energie thematisiert hatte. Betrachten wir das in Zahlen: Als Endenergie standen im Jahr 2014 bundesweit 8647 PetaJoule zur Verfügung. Diese gingen zu 29 Prozent in den industriellen Verbrauch, zu 30 Prozent in den Verkehr, zu 26 Prozent in den Verbrauch durch die privaten Haushalte und zu 15 Prozent in den Bereich Gewerbe/Handel/Dienstleistungen. Diese auf den ersten Blick eher gleichmäßige Verteilung der Endenergie in die jeweiligen Verbrauchssektoren wird allerdings dadurch deutlich relativiert, dass etwa 56 Prozent des Endenergieverbrauchs im Verkehr von den privaten Haushalten verursacht werden. Damit wachsen die privaten Haushalte mit insgesamt 42 Prozent zum größten Einzelposten unter den Endenergieverbrauchern an. Unsere Gesellschaft, unsere private Lebensweise ist also ein bestimmender Faktor für den Energieverbrauch und folglich auch für die Umgestaltung des Energiesystems.

Reinhard Hüttl war Mitglied der Ethik-Kommission „Sichere Energieversorgung“. Er ist Vorstandsvorsitzender des Helmholtz-Zentrums Potsdam – Deutsches GeoForschungsZentrum GFZ und Präsident von acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften. Foto: David Ausserhofer/acatech

Von der Endenergie muss die Nutzenergie unterschieden werden, also die Energiemenge, die tatsächlich für die jeweils gewünschte Energiedienstleistung verwendbar ist. Bei der Umwandlung der Endenergie in Nutzenergie geht etwa die Hälfte verloren. Auch hier gilt: die Lösung dieses unzureichenden Nutzungsverhältnisses ist mehr als nur eine rein technische Frage. Nehmen wir das Beispiel Erdöl: Nur rund 17 Prozent des in Deutschland verbrauchten Mineralöls gehen in den so genannten nicht-energetischen Verbrauch, vom ubiquitären Plastik über Lippenstift bis zum Medikament. Die übrigen 83 Prozent werden verbrannt, aber jeder Geowissenschaftler weiß, dass Erdöl ein viel zu wertvoller Stoff ist, um ihn zu verbrennen. Wie wir mit dieser Ressource umgehen, ist Teil des Themenkomplexes „Geofaktor Mensch“. Oder, anders ausgedrückt: Es geht um die Frage, wie nachhaltig der Mensch im System Erde wirtschaftet.

Die Klimadebatte zeigt beispielhaft, dass sich der Mensch als global wirkende Einflussgröße bemerkbar macht. Dabei handelt es sich nicht nur darum, wie bestimmte Energieträger genutzt werden. Nein, in dieser Frage spiegelt sich das gesamte Thema der gerechten Verteilung der globalen Ressourcen – und jenes, wie wir mit den Abfallprodukten umgehen, also etwa mit den Treibhausgasen, für die wir die Atmosphäre als vermeintlich kostenlose Deponie nutzen.

Eine nachhaltige Energienutzung bedeutet, dass die verwendeten Energieträger sich entweder in der gleichen Zeit regenerieren, in der sie verbraucht werden – Biomasse ist hier ein Beispiel. Oder dass sie aus dem laufenden Betrieb des Planeten Erde entnommen werden können. In diesen Bereich fallen Ressourcen wie Wind, Sonne, Erdwärme und Gezeiten. Um die neuen Energieträger sinnvoll zu nutzen, werden verschiedene Gebiete der Geowissenschaften benötigt. Erweitert man den Blick auf die gesamte globale Ressourcennutzung, so wird deutlich, dass den Geowissenschaften für die kommenden Dekaden die Funktion einer Leitwissenschaft zukommt.

Bis diese Technologien das derzeitige fossile Energiesystem weitgehend ersetzen, wird es – auch in Deutschland – eine Übergangsphase geben, in der die konventionellen Energieträger außer der Kernenergie weiter genutzt werden, mitsamt den Emissionen an Treibhausgasen. Kohle wird noch lange Zeit vorhanden sein, wann „Peak Oil“, also der Zeitpunkt des globalen Ölfördermaximums, erreicht sein wird, ist unklar – klar ist aber, dass die aufstrebenden Schwellenländer ihre Ansprüche auf die fossilen Rohstoffe bereits anmelden.

Das Energieproblem muss daher global gelöst werden. Die Startbedingungen dafür sind in Deutschland gut, denn die hiesige Forschung zu nachhaltigen Technologien und Verfahren befindet sich im globalen Spitzenfeld. Dies gilt für die Erneuerbaren Energien und könnte – mit Blick in die etwas fernere Zukunft – auch für die Fusionsenergie zutreffen. Wie schnell diese Technologien umgesetzt werden, liegt jedoch nicht nur in der Hand der Naturwissenschaftler. Die Menschen müssen mitmachen – dafür brauchen wir den regen Austausch mit den Sozial- und Geisteswissenschaften und in der Folge den gesellschaftspolitischen Dialog.

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