Impuls
Deutschlands Chance zum Leapfrogging: Warum Wissenschaft, Industrie und Risiko neu zusammengedacht werden müssen

Im November 2025 übernahm Prof. Dr. Martin Keller das Amt des Präsidenten der Helmholtz-Gemeinschaft. Bild: Helmholtz/Phil Dera
Deutschland hat das Potenzial zum Leapfrogging. Ob wir es nutzen, ist eine Frage des Willens – sagt Martin Keller, Präsident der Helmholtz-Gemeinschaft.
Deutschland und Europa stehen an einem strategischen Wendepunkt. Die Frage ist nicht mehr, ob sich globale Innovationszentren verschieben, sondern ob wir daraus einen Vorteil ziehen. Nach rund 30 Jahren in den USA und seit Kurzem zurück in Deutschland sehe ich: Wir haben hier fast alles, was wir brauchen. Was uns fehlt, ist der Mut, diese Voraussetzungen konsequent zu nutzen. Und die Bereitschaft, Geschwindigkeit als Standortfaktor zu behandeln. Das ist eine Chance, kein Automatismus. Wir müssen handeln.
In den USA ist Wissenschaft zuletzt spürbar unter politischen Druck geraten. Für Europa entsteht daraus ein Fenster. Internationale Talente denken um – nicht nur in den USA, sondern auch in Ländern wie Indien, aus denen Spitzenkräfte lange selbstverständlich nach Amerika gingen. Solche Signale sollten wir in Europa strategisch ernst nehmen. Und daraus konkrete Standortpolitik machen.
Auch Unternehmen reagieren. Cleantech- und Greentech-Firmen, die auf verlässliche US-Zusagen und -Programme gesetzt haben, suchen stabilere Rahmenbedingungen. Wer Milliarden in Fabriken, Forschung und Lieferketten investiert, braucht Planungssicherheit über Wahlzyklen hinaus. Europa kann ein solcher Markt sein – wenn wir liefern.
Attraktivität entsteht nicht allein durch Förderprogramme. Entscheidend sind schnellere Visa-Verfahren, Anerkennung von Abschlüssen, weniger Bürokratie und eine echte Willkommenskultur. Dazu gehören praktische Relocation- und Onboarding-Strukturen: Wohnung, Bankkonto, Gesundheitsversorgung, Behördengänge. Wer nach Deutschland kommt, sollte nicht zuerst an der Steuernummer oder am Konto scheitern. Und Spitzenkräfte kommen oft nicht allein. Dual-Career-Lösungen gehören daher zur Standortpolitik.
Leapfrogging heißt: große Sprünge. Die Prioritäten sind klar: KI, Quantum, Biotech, Fusion, klimaneutrale Energie, Mikroelektronik. Dafür braucht es Risikobereitschaft, Tempo und die Fähigkeit, Projekte konsequent zu stoppen, wenn Ziele verfehlt werden. Schon der Sprachgebrauch zeigt den Kulturunterschied: Venture Capital versus Risikokapital. In innovationsgetriebenen Systemen gehört Scheitern zum Lernprozess. Bei uns ist es noch zu oft ein Makel, der Karrieren bremst.
Deutschlands Grundförderung ist eine Stärke. Aber sie sollte durch zielorientierte, agile Modelle ergänzt werden – nach dem ARPA/DARPA-Prinzip: klare Meilensteine, harte Reviews, Stop/Go-Entscheidungen und schnelle Mittelumschichtung. So bleibt die Basis stabil, während die Umsetzung schneller wird. Entscheidend ist, dass wir Mut zur Priorisierung haben. Nicht alles fördern, sondern das Richtige konsequent vorantreiben.
Damit das wirkt, muss Forschung systematisch helfen, Technologien für europäische Unternehmen zu de-risken. In den USA war der Kernauftrag der National Labs: Risiko rausnehmen, Transfer beschleunigen, Wettbewerbsfähigkeit erhöhen. Das setzt voraus, dass Industrie Innovationsgaps klar benennt und wir Public-Private-Partnerships nicht als Ausnahme, sondern als Standard behandeln. Transparent, fair und ergebnisorientiert.
Es gibt dafür bereits Bausteine. Die Bundesagentur für Sprunginnovationen (SPRIND) zeigt, wie Brücken in Richtung Anwendung funktionieren können, typischerweise vom mittleren Reifegrad in die Skalierung. Gleichzeitig entsteht der Engpass oft zwischen Forschung (früher Reifegrad) und erstem Pilot. Genau diese Übergänge müssen wir systematisch schließen und solche Strukturen skalieren.
Am Ende steht eine einfache Frage: Wie kann Wissenschaft konkret dazu beitragen, deutsche und europäische Unternehmen an der Spitze zu halten? Durch Kooperation mit der Industrie, Geschwindigkeit in Entscheidungen und Mut zum Risiko – organisatorisch, kulturell und in der Förderlogik. Deutschland hat das Potenzial zum Leapfrogging. Ob wir es nutzen, ist eine Frage des Willens.
Dieser Beitrag basiert auf Martin Kellers Impuls beim High-Level-Round-Table des Table.Forum Leapfrogging am 15. Dezember 2025 und ist bei Table.Briefings zuerst erschienen.
Leapfrogging heißt: große Sprünge statt kleiner Schritte. Das Table.Forum „Leapfrogging Germany“ beleuchtet, wie Deutschland und Europa in Schlüsseltechnologien wieder nach vorn kommen können, durch Geschwindigkeit als Standortfaktor, durch eine neue Kultur des Risiko- und Lernens und durch Strukturen, die den Transfer von Wissenschaft in industrielle Umsetzung systematisch beschleunigen.
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