Standpunkt
Der Weg zu einem resilienten Energiesystem

Georg Zachmann ist wissenschaftlicher Leiter von Green Deal Ukraïna am Helmholtz-Zentrum Berlin. Er ist ein bekannter Ökonom, der den Bereich Energie und Klima bei Bruegel, einem wirtschaftspolitischen europäischen Think Tank, mitleitet. Bild: HZB
Die Energiekrise hat offengelegt, wie groß die Wissenslücken bei Versorgung und Nachfrage waren. Mehr Transparenz und strategische Reserven können Europa besser auf künftige Krisen vorbereiten.
Europa durchlebt die zweite große Energiekrise innerhalb von fünf Jahren. Während der Ausfall russischer Energielieferungen und französischer Kernkraftwerke im Jahr 2022 die Energieversorgung der EU direkt betraf, hat die teilweise Sperrung der Straße von Hormus indirektere Folgen. Das geringere globale Öl- und Gasangebot treibt auch in Europa die Preise in die Höhe und verschärft die Abhängigkeit von einzelnen Anbietern. Kurzfristig lässt sich das Energieangebot kaum ausweiten. Denn bestehende Produktionsanlagen – von Windturbinen bis Ölbohrtürmen – sind ohnehin schon ausgelastet. Speicher können Engpässe zwar überbrücken, bei einer länger anhaltenden Krise stoßen sie jedoch an ihre Grenze. Bleibt noch die Nachfrageseite.
Viele Länder haben sich entschieden, ihre Industrie und Haushalte finanziell zu unterstützen, damit diese sich ihren Energieverbrauch auch bei den höheren Weltmarktpreisen noch leisten können. Sinkt das weltweite Angebot – immerhin fielen mit der Sperrung der Straße von Hormus 10-20% des weltweiten Öl- und Gasangebotes weg – muss irgendjemand weniger verbrauchen. Staaten mit umfangreichen Subventionen sichern sich einen größeren Anteil des knappen Angebots, während finanzschwächere Länder zurückfallen. Von diesem Subventionswettbewerb profitieren vor allem die Energieexporteure. Eine bessere Lösung wäre es, wenn genügend Käuferländer sich darauf verständigen könnten, in Energiekrisen ihre Energieimporte adäquat sinken zu lassen. Wenn Regierungen auf Energieverbrauchssubventionen verzichten, würde der Markt den Großteil der nationalen Nachfragesenkung erledigen. Staatliche Eingriffe könnten sich auf zusätzliche Anreize zum Energiesparen und zur Beschleunigung der Angebotsausweitung beschränken. Die Energiepreise für alle Kunden würden damit weniger stark steigen, ohne dass die öffentlichen Haushalte belastet werden müssten. Eine wichtige, aber nicht triviale geopolitische Frage ist, ob es für eine solche Käuferkoordination eines neuen internationalen Forums bedarf.
Die Organisation Erdölexportierender Länder (OPEC) vertritt die Interessen der wichtigen Öl- und Gasexportländer. Die Internationalen Energieagentur (IEA) entstand als Interessenvertretung der reichen Käuferländer. Wichtige Energieimporteure wie Indien, China und Thailand sind hier keine Vollmitglieder, während die inzwischen zum großen Energieexporteur gewordenen Vereinigten Staaten weiterhin das größte Stimmgewicht in der IEA besitzen. Ein wirkliches Käuferforum ist die IEA also längst nicht mehr. Mittelfristig liegt der Schlüssel zur europäischen Energiesicherheit und Wettbewerbsfähigkeit in der konsequenten Elektrifizierung, gestützt auf heimische Stromerzeugung. Die zentrale Frage lautet, wie schnell wir diesen Umbau vollziehen können und ob es gelingt, nationale Alleingänge zugunsten eines wirklich integrierten europäischen Strommarktes zu überwinden. Die Effizienzpotenziale eines solchen Strommarktes wären erheblich.
Die aktuelle Krise hat aber erneut unterstrichen, dass es der Politik an belastbaren Daten mangelt. So herrschte beispielsweise monatelang Unklarheit über die Kerosinversorgung der EU oder die Entwicklung von Öl- und Gasnachfrage. Derartige Intransparenz erleichtert es Interessengruppen, unwidersprochen für Lösungen zulasten der Allgemeinheit zu argumentieren. Gleichzeitig sind im Jahr 2026 strategische Energiereserven wieder in den politischen Fokus gerückt. Einerseits konnte die Politik der Versuchung, Ölreserven als Instrument zur Preissteuerung zu missbrauchen, nicht widerstehen. Das kann langfristig die Anreize für Händler und Verbraucher schwächen, eigene Vorräte zur Risikoabsicherung vorzuhalten. Andererseits gibt es in Deutschland eine neue Diskussion über den Aufbau strategischer Erdgasspeicher. Dafür gibt es gute Gründe: der Markt antizipiert niedrigere Preise und speichert daher nicht selbst ein, gleichzeitig ist die europäische Erdgasversorgung in den nächsten Jahren stark von den Gasexporten und der Außenpolitik der USA abhängig. Um sich hier nicht kurzfristig politisch erpressbar zu machen, scheinen europäisch gedachte, außerhalb des Marktes organsierte Reserven ein adäquates Mittel.
Der Weg zu einem langfristigen energiesicheren Europa ist klar. Die schwierigen Abwägungen liegen in der Wahl des Tempos der Elektrifizierung und der effizienten Ausgestaltung des Weges dorthin.
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