<b>Erster Start für Orion</b> Am 5. Dezember 2014 schickte die NASA eine Orion-Testkapsel ins All. Orion soll in den 2020er Jahren Menschen zu Asteroiden und später auch zum Mars bringen. Bild: picture alliance/AP Images

Raumfahrt

Vor dem großen Sprung?

Viele Jahre lang hat sich die Menschheit nicht mehr weit von der Erde weg gewagt. Jetzt stehen gleich mehrere bemannte Missionen zu anderen Himmelskörpern auf dem Plan.

Nach viereinhalb Stunden war schon wieder alles vorbei. Um 7.05 Uhr Ortszeit hatte die Delta-IVRakete ihre Triebwerke gezündet, um „Orion“ ins All zu bugsieren, 17 Minuten später schwebte das Raumschiff in 200 Kilometer Höhe über der Erde. Dann der Belastungstest: Die Triebwerke feuerten noch einmal, Orion stieg auf 5800 Kilometer – um dann mit über 30.000 Stundenkilometern wieder in die Erdatmosphäre einzudringen und sicher zu landen.

So kurz er war: Der Test Anfang Dezember und die folgende Begeisterung der Amerikaner über ihr noch unbemanntes Vehikel sagen viel über den gegenwärtigen Zustand der Raumfahrt. 5800 Kilometer – weiter von der Erde entfernt war seit mehr als vier Jahrzehnten kein von Menschen gebautes Raumschiff, das potenziell Astronauten transportieren kann. Nach den mittlerweile legendären Mondmissionen Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre kam in Sachen bemannter Raumfahrt lange – nichts. Zumindest nicht, wenn es um Missionen ging, die sich nicht im erdnahen Orbit abspielen.

Szenenwechsel; 2014. Der Raum ist groß und nur spärlich beleuchtet vom Schimmern der Computermonitore. Vorne auf der Videoleinwand läuft ein Countdown. Drei. Zwei. Eins. Dann erscheint Alexander Gerst, dieser junge Mann, den man viele Male freundlich lächelnd in der Zeitung gesehen hat. Er trägt ein schwarzes Polo-Shirt. Gerst hantiert mit einer Digitalkamera. Er befindet sich 400 Kilometer über der Erde, im Columbus-Modul der Internationalen Raumstation ISS. Für die nächsten 43 Minuten können ihm die Techniker hier im Kontrollzentrum des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Köln jetzt live zusehen, ihm Anweisungen geben. Gerst hat die Füße in zwei Halteschlaufen gesteckt, um in der Schwerelosigkeit nicht davonzuschweben. Er verstaut die Kamera. Dann schiebt er einen kleinen, schwarzen Kasten in ein größeres, silbernes Gehäuse. Er rüttelt daran. Alles scheint stabil zu sein. Gerst will schon weitermachen, da meldet sich ein Techniker im Kontrollzentrum. Da müsse noch eine Schraube festgezogen werden, spricht er ins Mikrofon. Gerst fängt an zu schrauben.

In dem silbernen Gehäuse steckt ein Experiment, eines von Hunderten an Bord der ISS. Die Wissenschaftler nennen es EML. Das steht für Elektromagnetischer Levitator; es geht um Materialforschung. Die Details sind kompliziert. So kompliziert, dass nur wenige Menschen sie verstehen. Die meisten davon sind jetzt hier im Raum und überwachen Gersts Arbeit. Auch er ist kein Experte für diese speziellen Details.

Die Astronauten von heute riskieren nicht mehr ihr Leben in draufgängerischen Manövern

Während die Mondfahrer wagemutige Abenteurer waren, steht die Raumfahrt der vergangenen 40 Jahre ganz im Zeichen der Wissenschaft. Die ISS eignet sich für Grundlagenforschung, weil dort Experimente unter minimalem Einfluss der Schwerkraft gemacht werden können. Auch wenn eine Reise zur Raumstation immer noch viele Gefahren birgt – das Risiko ist kalkulierbarer als bei den Fernmissionen. Die Astronauten von heute riskieren nicht ihr Leben in draufgängerischen Manövern, die noch nie ein Mensch zuvor ausgeführt hat. Sie sind keine Pioniere wie ihre Vorgänger, die in die noch unbekannten Weiten des Alls vorgedrungen sind.

Früher waren die Astronauten selbst die Forschungsobjekte: Was sie erlebt, was sie erzählt haben – das waren die wissenschaftlichen Erkenntnisse über das All. Mittlerweile ist ihr Weg in den Weltraum vor allem Mittel zum Zweck: Sie sollen dort Experimente durchführen, in denen sie nur noch selten Akteure sind. Und das einen kurzen Flug von der Erde entfernt. Die Raumfahrt ist zur Routine geworden.

Sie steht allerdings politisch in Frage. Die ISS hat bereits über 100 Milliarden Dollar verschlungen; Steuergeld, mit dem die beteiligten Regierungen auch neue Schulen und Straßen hätten bauen oder Sozialpakete schnüren können. Dinge, die sich leichter in Wählerstimmen übersetzen ließen als komplizierte Experimente mit ungewissem Ausgang. Deutschland zahlt jedes Jahr etwa 300 Millionen Euro für die ISS. Bis 2020 wird es sie noch geben. Was danach passiert, darauf konnten sich die Regierungen noch nicht einigen. Das Ende der Internationalen Raumstation ist möglich.

Steckt die bemannte Raumfahrt also in einer existenziellen Krise? Nur vordergründig. Astronauten wie der aus dem All twitternde Alexander Gerst oder die vor wenigen Wochen mit einer Espressomaschine zur ISS aufgebrochene Italienerin Samantha Cristoforetti schaffen es, die Menschen wieder für die Faszination Weltraum einzunehmen. Und das Beispiel Orion zeigt: Der uralte Traum von der Entdeckungsreise in die Ferne des Alls ist auch 45 Jahre nach der ersten Mondlandung nicht tot. Im Gegenteil: Bis 2020 will die NASA wieder zum Mond, in den 30er Jahren dann zum Mars.

Der neue Schwung kommt nicht nur von den staatlichen Raumfahrtagenturen. Im Gegenteil: Es waren die Unternehmer, die der womöglich nächsten goldenen Ära der Raumfahrt überhaupt erst den Weg bereitet haben. Die Firma Virgin Galactic des britischen Milliardärs Richard Branson will bald Touristen ins All fliegen. Für 250.000 Dollar pro Kopf. Brad Pitt, Angelina Jolie, Ashton Kutcher und Justin Bieber haben bereits Plätze reserviert und scheinen sich auch von jüngsten Rückschlägen nicht abschrecken zu lassen – Ende Oktober stürzte Virgin Galactics „SpaceShipTwo“ bei einem Testflug in Kalifornien ab.

Viele der geplanten Missionen hören sich eher nach Fantastereien an: Der US-Unternehmer Eric Anderson plant mit seinem Raumfahrt-Startup Space Adventures ab 2018 Rundflüge um den Mond. Der Hotelunternehmer Robert Bigelow arbeitet an einer Art aufblasbarer Raumstation, in der irgendwann Touristen die Erde umrunden sollen. Auch Silicon-Valley-Größen sind ins Raumfahrtgeschäft eingestiegen. Amazon-Gründer Jeff Bezos entwickelt mit seiner Firma Blue Origin einen Raumgleiter. Er soll in Zukunft ebenfalls Touristen ins All bringen. Und Google-Chef Larry Page investiert in die Firma Planetary Resources, die Bergbau auf Asteroiden betreiben will.

Es scheint so, als entstünde im Windschatten von ISS und Orion ein regelrechtes Raumfahrtfieber – womöglich hat die Menschheit nach all den Jahren Weltraumabstinenz Nachholbedarf.

Es vergeht kaum ein Jahr ohne neues Raumfahrt- Startup. Der Ursprung der jüngsten Euphorie liegt im Jahr 1996. Damals versprach der amerikanische Raumfahrtvisionär Peter Diamandis demjenigen zehn Millionen Dollar, der als erstes einen Menschen in 100 Kilometer Höhe bringt. 2004 gewann die Firma Scaled Composites, aus der später Bransons Virgin Galactic hervorging.

Im Zentrum vieler Projekte, staatlich wie nichtstaatlich, steht der Mond. Einige aber gehen weiter und nehmen wie die NASA den Planeten ins Visier, der schon lange die Menschheit fasziniert: den Mars. Das radikalste Mars-Projekt heißt Mars One und ist die Idee des holländischen Unternehmers Bas Lansdorp. Der Hinflug zum Mars dauert lange, etwa ein Jahr, ist aber machbar. Der Rückflug hingegen ist technisch anspruchsvoll und teuer. Warum also nicht einfach auf dem Mars bleiben? „Die Technologie zur Rückkehr existiert einfach noch nicht“, sagt Lansdorp der Website gründerszene.de. „Und ich bin ein Typ, der die Dinge gern so einfach wie möglich hält. Warum sollten wir dieses zusätzliche Risiko eingehen, diese zusätzlichen Kosten auf uns nehmen, wenn wir das gar nicht brauchen?“ Ein One-Way-Ticket zum roten Planeten, eine permanente Kolonie. Das ist sein Plan. Losgehen soll es 2025. Finanzieren will er das mit Einnahmen aus Fernsehrechten.

Der ehemalige Astronaut Gerhard Thiele sagt dazu in der Süddeutschen Zeitung: „Das halte ich nicht für vertretbar. Das Motto der Europäischen Weltraumorganisation ESA lautet „shape and share“. Das „Share“ verpflichte uns, das Erlebte mit anderen Menschen zu teilen. Menschen zum Mars zu senden, die dort bleiben, bis sie sterben, gehe völlig an den Zielen und der Realität des Menschseins vorbei. „Auch wenn ich weiß, dass es genug Verrückte gibt, die dies machen würden.“
einBei Thomas Reiter, dem Direktor für bemannte Raumfahrt bei der ESA, löst Mars One auch Kopfschütteln aus. Ernstgenommen wird Mars One unter Wissenschaftlern nicht. Aber eines zeigen solche Projekte: Die Menschen lassen sich davon begeistern. Bei Lansdorp sind 200.000 Bewerbungen von Freiwilligen aus aller Welt eingegangen. Er nennt es „die wichtigste Auswahl in der Geschichte unserer Spezies“. Medien in aller Welt berichten, spekulieren, wie eine Mars-Kolonie aussehen könnte. Die Idee mag verrückt sein, das Nachdenken darüber macht vielen Spaß.

„Eine Stunde, die ein Mensch auf der Oberfläche eines fremden Planeten verbringt, ersetzt Jahre mühsamer Forschung auf der Erde“

Für die staatlichen Raumfahrtbehörden entsteht zudem ein schöner Nebeneffekt: Eben noch von Kürzungen bedroht, profitieren sie von der allgemeinen Aufbruchsstimmung – und trauen sich, selbst waghalsige Missionen anzugehen. So hat die US-Regierung bereits 2010 der NASA das Ziel ausgegeben, den „deep space“ zu erobern. In etwa zehn Jahren schon sollen amerikanische Astronauten mithilfe der Orion auf einem Asteroiden landen. Gemeinsam mit der ESA entwickelt, soll das neue Raumschiff zum Rückgrat aller „deep space“-Missionen werden. „Wir wollen einen Sprung in die Zukunft machen. Wir wollen große Durchbrüche“, sagte Obama in einer Rede im Kennedy Space Center in Florida.

Doch je konkreter die staatlichen Raumfahrtagenturen das Reiseziel Mars formulieren, desto stärker mischen sich auch wieder kritische Töne in die Euphorie. Warum muss ein Mensch auf den Mars?, fragen Kritiker. Was bringt uns die bemannte Raumfahrt wirklich? „Die bemannte Raumfahrt in ihrer jetzigen Form ist eine hoffnungslose Sackgasse, die Zukunft gehört unbemannten Missionen“, schrieb der Grünen-Bundestagsabgeordnete Peter Hettlich anlässlich des 40. Jahrestages der Mondlandung vor fünf Jahren in einem Gastbeitrag für die taz. Die Linke äußerte sich ähnlich. Und Wolfgang Hillebrandt, Astrophysiker und einer der prominentesten Kritiker der bemannten Raumfahrt, sagt: „Die Entwicklung in der Mikrotechnologie ist so rasant. Ich bin der Meinung, Proben nehmen, analysieren, kann man vor Ort von Maschinen machen lassen. Ich kann mir kaum etwas vorstellen, das die Anwesenheit des Menschen erfordert.“

Die Kosten für den Steuerzahler könnten dramatisch gesenkt werden, so der Gedanke, wenn man nicht Menschen mit all ihren komplizierten körperlichen und geistigen Bedürfnissen ins All schickte, sondern nur noch Rover und Sonden. Die könnten jahrelang in engen Kapseln reisen. Man müsste keine Raumanzüge mehr bauen, keine Sauerstoffversorgung, keine Lebensmittellager, keine Wassertanks. Die Arbeit der Raumfahrt-Ingenieure wäre einfacher.

Keine Frage, die Bedeutung der Robotik wird zunehmen. Bevor ein Mensch einen Fuß auf den Mars setzen wird, werden dort weitere Rover rollen. 2018 beispielsweise soll die Mission „Exomars“ einen auf der Marsoberfläche absetzen, um mögliche Gefahren für einen bemannten Flug zu untersuchen. Wo immer Neues erkundet wird, wird das zuerst eine Maschine tun. Aber reicht das?

Wenn man Thomas Reiter diese Frage stellt, dem ESA-Direktor, der als Astronaut sowohl auf der russischen Mir als auch auf der ISS war, sagt er: „Eine Stunde, die ein Mensch auf der Oberfläche eines fremden Planeten verbringt, ersetzt Jahre mühsamer Forschung auf der Erde.“ Er erzählt, wie er während seines Einsatzes auf der ISS ein kaputtes Gerät mit der E-Saite seiner Gitarre reparierte. „Bringen Sie das mal einem Roboter bei!“

Dieter Isakeit, der ehemalige Pressesprecher der ESA, sagt: „Einem Astronauten fallen womöglich Dinge auf, nach denen er gar nicht gesucht hat. Vielleicht liefert er Antworten auf Fragen, die noch gar nicht gestellt wurden.“ Das Argument der Wissenschaft lässt sich auf die Formel eindampfen: Menschen denken, Roboter nicht.

Und selbst wenn sich das irgendwann ändern sollte – eines werden Roboter nicht können: etwas erleben. Damit taugen sie nicht als Helden. Sie begeistern uns nicht. Wir haben keine Angst um sie. Sie sagen auch keine Sätze wie Armstrongs „Es ist ein kleiner Schritt für einen Menschen...“. Roboter fügen sich nicht ein in die Erzählung vom Raumfahrer- Helden, die der Grund dafür ist, dass Astronaut für Kinder immer noch ein Traumberuf ist.

27.03.2015 , Bastian Berbner

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