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DLR-Spin-off Alteva

„Wir wollen das gesamte Transportwesen dekarbonisieren“

Aiko Bernehed und Ida Milow

Gründer Aiko Bernehed und Ida Milow. Bild: alteva

Bei Alteva dreht sich alles um Lithium-Schwefel-Batterien. Wie Ida Milow und Aiko Bernehed vom Institut für Werkstoffforschung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) mit ihrer Ausgründung den Transportsektor in eine saubere Zukunft führen wollen, erzählen sie im Interview.

Frau Milow, Herr Bernehed, Sie beide haben gerade das Start-up Alteva gegründet. Was wollen Sie mit dem Unternehmen erreichen?

Ida Milow: Unser Ziel ist die Dekarbonisierung des gesamten Transportwesens, da wir dort die größten Probleme sehen. Für mobile Anwendungen wie das elektrische Fliegen sind aktuelle Batterien viel zu schwer. Deshalb arbeiten wir an einer neuen Batterietechnologie auf Basis von Lithium und Schwefel, die deutlich leichter ist als aktuelle Systeme.

Aiko Bernehed: Durch den Verzicht auf Rohstoffe wie Nickel, Mangan und Kobalt machen wir die Batterietechnologie auch um einiges nachhaltiger. Das hat den Vorteil, dass wir nicht nur ein einfacheres Sourcing haben, sondern auch Umweltprobleme und Menschenrechtsprobleme in den Abbaugebieten vermeiden können. Zusätzlich macht dies unsere Batterien auf lange Sicht preiswerter. Damit werden wir dann in der Lage sein, eine ganze Reihe von Anwendungen zu dekarbonisieren. Die ersten Märkte, die wir ansprechen wollen, sind elektrisches Fliegen und später auch elektrische Lkw. Wir glauben, dass mit Lithium-Schwefel-Zellen ungefähr 90 Prozent aller Applikationen im gesamten Transportwesen dekarbonisiert werden können.

Was hat es mit den Lithium-Schwefel-Batterien auf sich? Seit wann gibt es diese Technologie?

Ida Milow: Die Idee ist nicht neu, denn das Konzept der Lithium-Schwefel-Batterien wird inzwischen seit über 50 Jahren verfolgt. Die Kombination aus Lithium und Schwefel ergibt tatsächlich die leichteste Batterie, bei der das Elektrodenmaterial in festem Zustand vorliegt. Das große Problem bisher war aber die sehr geringe Lebensdauer, weshalb Lithium-Schwefel-Batterien für die meisten Anwendungen einfach noch nicht attraktiv waren. Und genau hier setzen wir mit dem neuen Kathodenmaterial an, das wir entwickelt haben. Das ist ein Kohlenstoff-Schwefel-Gemisch mit einer ganz besonderen Struktur. Damit lassen sich die Degradationsmechanismen und Nebenreaktionen einschränken, welche die Lebensdauer begrenzen. Unsere Batterien halten also sehr viel länger als bisherige Lithium-Schwefel-Systeme.

Wie weit ist Ihr Produkt bereits vorangeschritten?

Ida Milow: Wir haben einen Laborprototypen. Dieser ähnelt vom Aufbau einer Zelle, wie sie auch kommerziell genutzt wird, und daran können wir zeigen, dass die Technologie funktioniert. Aber natürlich ist das alles noch in kleinem Maßstab und unter idealisierten Bedingungen. Der nächste große Schritt für uns wird deshalb sein, wirklich kommerziell nutzbare Zellen zu bauen.

Was kann man sich unter den Zellen, von denen Sie sprechen, vorstellen?

Ida Milow: Batterien sind in mehreren Ebenen aufgebaut. Die unterste Ebene sind die einzelnen Batteriezellen, die in sogenannten Batteriepacks zusammengefasst werden. Diese kann man entweder weiter zu Modulen verbinden oder gleich in die Anwendung bringen. In den großen Batteriepacks von Elektroautos sind schon mehrere Tausend Zellen verbaut. Mit Alteva fokussieren wir aber auf die kleinste Einheit, also auf die Zelle.

Aiko Bernehed: Das ist ein wirklich relevanter Punkt. Als Produkt wollen wir eine Zelle herausbringen, die wir an verschiedene Kunden verkaufen können. Was dann daraus im Moduldesign gemacht wird, also wie viele Zellen zusammengeschaltet werden oder wie viel Strom sie liefern sollen, das passiert alles auf der Kundenseite. Daraus ergibt sich eine relativ geringe Komplexität bei uns.

Was verbindet Sie persönlich mit Energiespeicher? Warum forschen Sie daran?

Aiko Bernehed: Für mich war es ganz klar der Klimawandel. Ich habe bereits eine Firma gegründet, die sich mit der Energiespeicherung beschäftigt. Ich meine, mit den Technologien zur regenerativen Energieerzeugung sind wir schon weit vorangekommen, aber die Speicher sind nun die letzte große Bastion, die noch fallen muss. Denn eines ist klar: Wenn wir noch länger etwas von unserer wunderschönen Erde haben wollen, dann brauchen wir viele gute performante Speicher für alle möglichen Anwendungen. Mit Alteva fokussieren wir uns jetzt auf den Transportsektor, denn unsere Technologie ist dafür sehr gut geeignet. Aber natürlich sind Speicher auch für alle anderen Sektoren des Energiesystems extrem wichtig.

Ida Milow: Auch meine grundlegende Motivation war, etwas gegen den Klimawandel tun zu wollen. Darüber habe ich mir vor allem während meines Studiums viele Gedanken gemacht; hab überlegt, was sinnvolle Wege sein können; wie ich dazu beitragen kann. Am Ende war es ein glücklicher Zufall, dass ich jetzt ein Batterie-Start-up mitgegründet habe. Dabei finde ich beide Dinge spannend: Start-ups, weil man da wirklich etwas mit bewegen kann, und Energiespeicher, weil das eines der Hauptthemen ist, mit dem wir noch vorankommen müssen, um wirklich nachhaltig auf der Erde zu leben.

Herr Bernehed, Sie sagten, dass Sie schon einmal gegründet haben und damit sowohl die Rolle des Wissenschaftlers als auch des Gründers kennen. Welche von beiden hat Sie mehr gefordert und welche macht mehr Spaß?

Aiko Bernehed: Mir persönlich macht die Wissenschaft viel Spaß und ich finde es interessant, neue Sachen zu entwickeln. Was mir am Ende des Tages aber wirklich Befriedigung bringt, ist zu sehen, dass ein wissenschaftliches Thema auch einen Mehrwert in der Welt bringt. Und das geht nicht allein über Veröffentlichungen und Konferenzteilnahmen. Dafür muss man sich auch wirklich ein Produkt ausdenken und es entwickeln. Die Fehler ausmerzen. Mit Kunden sprechen. Deren Bedürfnisse erfahren. Das Produkt in diese Richtung verfeinern. Und dann halt auch zusehen, dass die Kunden das Produkt viel und gerne nutzen.

Frau Milow, Sie haben ja jetzt auch erste Erfahrungen im Start-up-Bereich gesammelt. Wie sind diese verglichen mit Ihrer Arbeit als Wissenschaftlerin?

Ida Milow: Für mich ist das natürlich schon eine andere Art zu arbeiten. Aber ich muss auch sagen, ich finde es gerade an Start-ups so schön, dass man da sehr dynamisch und schnell agieren kann. Denn wenn man in der Wissenschaft arbeitet, bekommt man auch die Bürokratie mit, die dahinter steckt. Im eigenen Start-up hat man dann einfach die Freiheiten, verschiedene Sachen mal schnell auszuprobieren oder selbst zu entscheiden, was für Geräte man kaufen will. Es macht mir Spaß, da einfach diese Geschwindigkeit reinzubringen.

Wie sind Sie bisher von der Helmholtz-Gemeinschaft bei der Ausgründung unterstützt wurden?

Aiko Bernehed: Angefangen hat das mit der Helmholtz Enterprise Field-Study-Fellowship, die unsere Personalkosten mit etwa 40 Prozent für drei Monate übernommen hat. In dem Rahmen haben wir einen Coach zur Seite gestellt bekommen, der uns bei der Vorbereitung und Durchführung von Kundeninterviews unterstützt hat. Damit konnten wir den Bedarf an unseren Produkten im Markt validieren. Darauf aufbauend haben wir im Sommer 2022 das Helmholtz Spin-off Programm eingeworben. Dadurch haben wir Fördermittel erhalten, die unsere beiden Stellen seit Februar 2023 für 14 Monate finanzieren, sodass wir uns  Vollzeit auf die Gründung fokussieren können. Und wir haben wieder einen Coach, der uns unterstützt. Ganz wichtig war auch unsere Teilnahme am 4Investors Day der vier großen deutschen Forschungsgesellschaften. Dadurch haben wir viele gute Kontakte auch in die Investorenszene bekommen, was sich jetzt in der aktuellen Finanzierungsrunde positiv bemerkbar macht.

Und was bedeutet das für Sie, dass Sie durch die Gemeinschaft gefördert werden?

Ida Milow: Die Förderung durch die Gemeinschaft hat es uns erst ermöglicht, die Gründung so zügig voranzutreiben. Denn dadurch, dass wir von anderen Aufgaben im DLR freigestellt sind, können wir wirklich 100 Prozent unserer Zeit in die Vorbereitungen stecken. Das ist eine angenehme Position für uns.

Aiko Bernehed: Auch der Gehaltsaspekt ist wichtig. Ohne diesen hätte das Ersparte herhalten müssen, bis irgendwann nach vielleicht zwölf Monate das erste Geld von Investoren fließt. Ich bin ich nicht sicher, ob ich dazu in der Lage gewesen wäre und die Gründung hätte verfolgen können.

Lassen Sie uns einen Blick in die Zukunft wagen. Wie wird es mit Alteva in den kommenden Jahren weitergehen?

Aiko Bernehed: Momentan schließen wir unsere erste Finanzierungsrunde ab und haben den Mietvertrag für unseren Firmensitz unterschrieben. Ab Januar ziehen wir dort ein und bauen Forschungs- und Produktionskapazitäten auf. Und wir stellen natürlich ein Team zusammen. Als Erstes suchen wir dafür Leute, die Erfahrung in der Elektrochemie und Lust auf Start-ups haben. Und die mit uns für eine dekarbonisierte Zukunft sorgen wollen.

Ida Milow: Genau. In den nächsten zwei bis drei Jahren wird der Fokus noch recht stark auf der Produktentwicklung im Labor liegen. Parallel arbeiten wir auch an der Skalierung, sodass wir in ungefähr zwei Jahren mit einer kleinen Pilotproduktion starten werden. Und dann in vier bis fünf Jahren planen wir, Produktionsmengen in größerem kommerziellen Maßstab an unsere Kunden zu verkaufen.

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