Zwischen Tumorforschung und Alm-Idyll

Die Molekularbiologin Priya Chudasama stammt aus Indien, fühlt sich mittlerweile allerdings auch in Deutschland zu Hause. Von Heidelberg aus arbeitet sie an einem Durchbruch im Kampf gegen Tumore.  

Den Blick schweifen lassen, sich an der Weite erfreuen: Die Alpen sind für Priya Chudasama das Kontrastprogramm zu ihrer täglichen Laborarbeit. Die in Indien geborene Wissenschaftlerin betreibt in Deutschland Tumorforschung. Schwerpunkt ihrer Arbeit sind sogenannte Sarkome, eine besonders aggressive Tumorart, die aus dem Binde-, Stütz- oder Muskelgewebe hervorgeht. 

Der Weg in den medizinischen Beruf war für Priya Chudasama vorgezeichnet: „Ich komme aus einer Familie von Ärzten“, sagt die 33-Jährige, „und wahrscheinlich wurde von mir erwartet, dass ich auch praktiziere. Allerdings habe ich mich für die Forschung entschieden.“ Sie studierte Biotechnologie in Rajkot in Westindien und Virologie in Pune, einer Stadt nahe Mumbai – und entschied sich dann mit nur 23 Jahren, die Heimat zu verlassen und die Doktorarbeit in einem anderen Land zu schreiben. Großbritannien, USA oder Deutschland? „Eine Mischung aus Timing, Empfehlung und dem richtigen Projekt half mir, die Entscheidung zu treffen“, sagt Priya Chudasama im Rückblick. Dass das für sie der Weg nach Deutschland war, daran lässt sie keinen Zweifel.

An der Universität Erlangen promovierte sie über „Viren des Immunsystems“. „Hier untersuchte ich Viren, die Krebs verursachen können, und war von dieser Thematik sofort fasziniert“, erklärt sie. „Ich bin ein neugieriger Mensch, immer auf der Suche nach Antworten.“ Knochen- und Weichteilsarkome sind wenig erforscht. Sie machen etwa ein Prozent aller Krebsneuerkrankungen im Erwachsenenalter aus und weisen eine hohe genetische und histologische Vielfalt auf. Deshalb sind sie schwer zu diagnostizieren und zu therapieren. 

Daran etwas zu ändern ist das Ziel der Nachwuchsforscherin. Dank einer sechsjährigen Förderung des Emmy-Noether-Programms bekommt sie dafür ab sofort beste Bedingungen: Mithilfe der zwei Millionen Euro schweren Förderung richtete sie ihre eigene Nachwuchsgruppe zur „Präzisionssarkomforschung“ am Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) und am Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen (NCT) Heidelberg ein. Das NCT ist eine gemeinsame Einrichtung des DKFZ, des Universitätsklinikums Heidelberg (UKHD) und der Deutschen Krebshilfe. Mit ihrem Team will die Wissenschaftlerin Gewebeproben von Sarkomen analysieren und charakterisieren. Mit Hochdurchsatzsequenzierung der Tumor-DNA soll den molekularbiologischen Mechanismen in den aggressiven Tumoren auf den Grund gegangen werden. „Was treibt diese Tumore an? Was sind die molekularen Abweichungen und können wir sie mit Medikamenten angreifen? Das sind die großen Fragen.“ Erste Ergebnisse sind vielversprechend, die Wissenschaftlerin und ihr Team konnten einige Erkenntnisse über den gestörten Alterungsprozess der Krebszellen gewinnen. 

In den Fokus sind dabei die Enden der Erbgutfäden gerückt, die sogenannten Telomere. In Krebszellen werden diese Telomere verlängert, sodass die Zellen lange teilungsfähig bleiben. Die Verlängerungsmechanismen der Krebszellen könnten mögliche Angriffspunkte für Therapien bilden. In der Mikroumgebung der Tumore sollen darüber hinaus weitere Angriffsziele identifiziert werden, die die körpereigene Immunantwort nutzen – sogenannte Immuntherapien. 

Die neue Rolle als Gruppenleiterin bringt auch viele administrative Aufgaben und verschiedene andere Herausforderungen mit sich. „Ich bin mir der Verantwortung, die ich übernommen habe, bewusst – auch wenn es nicht leicht ist, immer allen Erwartungen gerecht zu werden. Zielstrebigkeit und Motivation, eine starke Arbeitsmoral und Verantwortung sind mir wichtig“, sagt Priya Chudasama. Und trotz der Belastung steht für sie fest, dass sie genau da ist, wo sie sein möchte.

Ihren Umzug nach Deutschland vor elf Jahren hat sie nie infrage gestellt. Mit der Zeit wurde das Land zu ihrer zweiten Heimat. Sie spricht gut Deutsch und hat Freunde gefunden. Heidelberg, wo sie heute lebt, ist anders als ihre Heimat: nur ein Zehntel so groß wie die indische Stadt Jamnagar, in der sie aufwuchs. Im westlichen Indien sind die Sommer heiß und trocken, die Temperaturen klettern dort auf 45 Grad Celsius. Heiße Sommer, wie sie Deutschland in letzter Zeit auch immer häufiger bereithält.

In Deutschland kann die Forscherin von den Erfahrungen aus ihrer Heimat zehren: Sie ging zur katholischen Schule, obwohl die Familie hinduistisch ist, feierte mit den christlichen Nachbarn Weihnachten und mit anderen Freunden den Buddha-Tag. „Ich wurde weltoffen erzogen. Meinen Eltern war es wichtig, uns beizubringen, hochgradig integrativ zu sein, Essen zu teilen, stets zu helfen und ehrlich zu sein“, sagt sie. Das hat ihr den Start in dem fremden Land erleichtert. Froh sei sie außerdem gewesen, gute Mentoren gefunden zu haben, die ihr ihre Karriere erst ermöglicht hätten: „Ihnen bin ich unendlich dankbar.“ Aus Kollegen seien Freunde geworden – unterstützend, nett, großzügig und lustig. „Sie haben das Land für mich zum Zuhause werden lassen.“ Und ihr Team sei geprägt von der internationalen Zusammenarbeit. Das spürt sie immer wieder, wenn neue Kollegen hinzukommen, etwa aus Russland, Portugal, der Türkei, Korea oder den Niederlanden. „Wir sind ein internationales Team“, sagt sie, „und da jeder den anderen respektiert, gibt es keine Schwierigkeiten, egal, wo er aufgewachsen ist. Uns verbindet ein gemeinsames Ziel: exzellente Wissenschaft zu betreiben und uns dabei gegenseitig zu unterstützen.“ 

Für Hobbys bleibt Priya Chudasama in der jetzigen Lebensphase fast keine Zeit – aber eins lässt sie sich nicht nehmen: das Wandern. In den Alpen über grüne Höhen zu laufen, sagt sie, gebe ihr Kraft und Inspiration. „In Indien kennt man nur den Himalaya, und den zu besteigen fängt man nicht mal eben an. Deswegen war ich bei meiner ersten Wanderung hier in den Alpen sehr überrascht: Wie schön so eine Alm ist!“ 

Mindestens einmal im Jahr reist sie nach Indien, in unregelmäßigen Abständen trifft der enge Familienkreis außerdem per Videokonferenz zusammen, manchmal sogar die ganze über die Welt verteilte Verwandtschaft – Priyas Eltern und ihr Bruder in Indien, Tanten in London, ihr Cousin in den USA. „Die ganze Erde ist eine Familie“, lautet ein indisches Sprichwort. Priya Chudasama hat es sich zu eigen gemacht.

10.12.2019 , Isabell Spilker

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