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Wirkt Homöopathie wirklich?

Die Wissenschaft hat eine klare Antwort. Doch einfach ist die Sache dennoch nicht.

Beginnen wir mit zwei Beobachtungen zur Homöopathie, die sich auf den ersten Blick widersprechen. Sie machen den Reiz der alten Heillehre aus – und sind gleichzeitig die Ursache dafür, dass über Homöopathie heute in der Gesellschaft, in Familien, unter Freunden immer wieder hitzig diskutiert wird. 

Erstens: Millionen Menschen in Deutschland greifen bei Beschwerden zu homöopathischen Mitteln, also zu Präparaten, in denen ein Wirkstoff nach festgelegten Regeln so stark verdünnt ist, dass er molekular nicht mehr nachweisbar ist. Viele von ihnen fühlen sich danach besser, wie sie sagen. Wohl jeder hat schon einmal von angeblich positiven Erfahrungen mit Homöopathie gehört. Sei es das Kindergartenkind, dessen allergischer Ausschlag nach Gabe von homöopathischen Mitteln zurückgegangen sein soll, der Student, der bei langen, ausgelassenen Feiern noch in der gleichen Nacht Globuli mit „Nux Vomica“ einnimmt, um am nächsten Morgen ohne Kater aufzuwachen, oder die 53-Jährige Frau, die endlich ihre Wechseljahresbeschwerden in den Griff bekommen haben will. 

Die zweite Wahrheit: Homöopathische Mittel allein wirken nicht gegen die Beschwerden, gegen die sie empfohlen werden. Das ist schon seit Jahrzehnten wissenschaftlich erwiesen. Bereits im Jahr 1997 erschien im renommierten Fachmagazin „Lancet“ eine Metaanalyse zum Thema. Metaanalyse, das bedeutet, dass die Ergebnisse vieler größerer und relevanter Studien untersucht werden und anschließend eine Art Fazit gezogen wird, das den aktuellen Stand der Forschung widerspiegeln soll. Die Autoren kamen zu dem Schluss: In den vorliegenden Studien gibt es keine hinreichenden Hinweise darauf, dass Homöopathie bei irgendeinem körperlichen Beschwerdebild wirksam sei. Doch den Glauben an die Homöopathie konnten diese Fakten nicht erschüttern. Im Jahr 2017 erschien im Fachmagazin „Sytematic Reviews“ wieder eine Metastudie. Dieses Mal konzentrierten sich die Forscher in der Flut neuer Studien auf die sogenannten Doppelblindstudien. Sie gelten als besonders zuverlässig und aussagekräftig. Bei Doppelblindstudien wissen weder Arzt noch Patient, ob gerade mit dem Wirkstoff behandelt wird oder nicht, daher der Name. Das Ergebnis war das gleiche: Es gebe keine Krankheit, gegen die eine Wirkung nachgewiesen werden könne, schreiben die Autoren.

"Ein Wirkstoff, der nicht mehr da ist, kann nicht mehr wirken"

Zu diesem Schluss kommt auch Jürgen Windeler, Leiter des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) und Professor für Medizinische Biometrie und Klinische Epidemiologie. Für ihn ist das nicht weiter verwunderlich: „Das Konzept der Homöopathie widerspricht unserem Wissen darüber, wie die Welt aufgebaut ist: Was verdünnt wird, wird nicht mehr. Und ein Wirkstoff, der nicht mehr da ist, kann nicht mehr wirken.“  

Samuel Hahnemann war ein deutscher Arzt, der im 18. und 19. Jahrhundert lebte. Im Jahr 1796 und danach veröffentlichte er die Grundgedanken, auf denen die Homöopathie heute aufgebaut ist: Ähnliches möge durch Ähnliches geheilt werden (similia similibus curentur). Hahnemann zufolge sollten Arzneistoffe, die ähnliches wie die Erkrankung auslösen, hochverdünnt verabreicht werden, in Globuli, kleinen weißen Kügelchen, die süß schmecken. Die Verdünnung der wirksamen Substanz ist in den Globuli allerdings so hoch, dass auf molekularer Ebene praktisch keine Substanzen mehr vorhanden sind. Hahnemann glaubte, dass sich die Arznei-Substanzen „zuletzt gänzlich in ihr individuelles geistartiges Wesen“ auflösen. 

Was dieses geistartige Wesen nun genau sein soll, ist unklar. „Homöopathie zu untersuchen, das ist vor dem Hintergrund unseres heutigen Wissens fast so, als wollte man sicherstellen, dass sich hinter dem Mond kein Pumuckl versteckt“, sagt Windeler. Die Wissenschaft müsse zwar den Dingen auf den Grund gehen. „Aber das wurde nun ausreichend getan. Jetzt ist es an der Zeit, diese Frage endlich als beantwortet zu den Akten zu legen und die Forschungskapazitäten auf andere Bereiche zu konzentrieren“, sagt Windeler. Dennoch nehmen auch heute viele Menschen homöopathische Mittel ein. So ist ein Paradox entstanden: Homöopathie scheint zu wirken, obwohl die Mittel keine Wirkung haben. 

Es scheint, als habe die Homöopathie den Placebo-Effekt perfektioniert

„Es gibt viele Gründe, krank zu werden, es gibt aber auch viele Gründe, gesund zu werden. Das muss nicht immer mit dem zu tun haben, was man vom Arzt bekommt“, sagt Windeler. Wenn beim Kindergartenkind der Hautausschlag nachlässt, dann könne dies auch daran liegen, dass sich das Immunsystem von selbst wieder beruhigt habe. Wenn der Student morgens ohne Kater aufwache, dann läge es vielleicht daran, dass er zusätzlich zu den Globuli abends auch noch einmal viel Wasser getrunken habe. Wissenschaftlich sicher ist, dass die Besserungen nichts direkt mit den homöopathischen Mitteln zu tun haben. Aber vielleicht mit dem Wissen, dass man homöopathisch behandelt wurde?

Die Homöopathie besteht nicht nur aus Globuli. Bei der Behandlung soll laut Hahnemann auch der „gemütlich und geistige Charakter“ des Patienten berücksichtigt werden. Gemeint ist: Bitte kümmert Euch gut um Eure Patienten, geht auf ihre Sorgen ein und behandelt sie individuell. Homöopathen führen mit neuen Patienten ein ausführliches Gespräch, das manchmal mehr als eine Stunde dauert. Wenn ein Patient an Homöopathie glaubt, dann verstärkt der Homöopath diesen Glauben durch Zuwendung, durch gewidmete Zeit, durch den Eindruck von Systematik und Wissenschaftlichkeit. 

Womöglich beste Voraussetzungen, um im Patienten den Placebo-Effekt in Gang zu setzen. Windeler verwendet hier den Begriff Kontext-Effekt: „Neben einem Medikament, einer Operation oder anderen Eingriffen gibt es in einer Behandlungssituation viele kleine Bausteine, die Einfluss auf den Heilungsprozess nehmen können – günstig oder auch ungünstig. Der Körper kann dann Heilungskräfte in Gang setzen. Das kann alles mögliche sein, etwa eine zusätzliche Aktivierung des Immunsystems oder eine Ausschüttung von Botenstoffen, die die Wundheilung verbessern“, sagt Windeler. 

Es scheint, als habe die Homöopathie den Placebo-Effekt perfektioniert. Aus der Patientenperspektive ist es egal, wie und warum ihnen geholfen wird. Es heißt nicht umsonst: Wer heilt, hat recht. Bei harmloseren Leiden wie Erkältungen mag das vertretbar sein. "Bei schweren Erkrankungen wie Krebs ist es hingegen lebensgefährlich, etablierte und gut geprüfte, wirkungsvolle Therapien auszuschlagen und auf Homöopathie zu setzen“, sagt Windeler.

Der Krebsinformationsdienst (KID) des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) in Heidelberg bekommt regelmäßig Anfragen von Patienten zu Homöopathie. Birgit Hiller vom KID weiß aber auch: „Die meisten Patienten, die sich an uns wenden, wollen Homöopathie nicht als Mittel gegen Krebs nutzen. Sie sehen sie eher als ergänzende und sanfte Methode an, um Nebenwirkungen etwa einer Chemotherapie zu lindern.“ In der großen Mehrzahl der Fälle scheint Homöopathie den wichtigen Therapien jedoch nicht im Wege zu stehen. 

Bei harmloseren Leiden oder zur Verminderung von Nebenwirkungen hingegen ist Homöopathie bei einem Teil der Bevölkerung als fester Bestandteil der Medizin verankert. Das unterstützen auch Krankenkassen. Während sie in der Regel sonst darauf pochen, dass Therapien nur dann bezahlt werden, wenn ihre Wirkung in wissenschaftlichen Studien nachgewiesen wurde, sind sie bei homöopathischen Behandlungsmethoden weniger streng und übernehmen hier viele Kosten. „Es ist einfach ein Mittel der Kundenbindung. Homöopathie ist beliebt, und die Kunden gehen eher zu der Kasse, die Homöopathie bezahlt“, sagt Windeler. Das kann man als Skandal sehen. Die Krankenkassen bezahlen für Zuckerkügelchen viel Geld, obwohl diese gar nicht wirken. Man kann es aber auch entspannter sehen. Mit der Homöopathie erhalten die Patienten einen ausgeklügelten Placebo-Effekt auf Rezept.

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29.04.2019 , Christian Heinrich
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