Alternativmedizin

Wirkt Homöopathie wirklich?

Bild: Shutterstock/Korionov

Die Wissenschaft hat eine klare Antwort. Doch einfach ist die Sache dennoch nicht.

Beginnen wir mit zwei Beobachtungen zur Homöopathie, die sich auf den ersten Blick widersprechen. Sie machen den Reiz der alten Heillehre aus – und sind gleichzeitig die Ursache dafür, dass über Homöopathie heute in der Gesellschaft, in Familien, unter Freunden immer wieder hitzig diskutiert wird. 

Erstens: Millionen Menschen in Deutschland greifen bei Beschwerden zu homöopathischen Mitteln, also zu Präparaten, in denen ein Wirkstoff nach festgelegten Regeln so stark verdünnt ist, dass er molekular nicht mehr nachweisbar ist. Viele von ihnen fühlen sich danach besser, wie sie sagen. Wohl jeder hat schon einmal von angeblich positiven Erfahrungen mit Homöopathie gehört. Sei es das Kindergartenkind, dessen allergischer Ausschlag nach Gabe von homöopathischen Mitteln zurückgegangen sein soll, der Student, der bei langen, ausgelassenen Feiern noch in der gleichen Nacht Globuli mit „Nux Vomica“ einnimmt, um am nächsten Morgen ohne Kater aufzuwachen, oder die 53-Jährige Frau, die endlich ihre Wechseljahresbeschwerden in den Griff bekommen haben will. 

Die zweite Wahrheit: Homöopathische Mittel allein wirken nicht gegen die Beschwerden, gegen die sie empfohlen werden. Das ist schon seit Jahrzehnten wissenschaftlich erwiesen. Bereits im Jahr 1997 erschien im renommierten Fachmagazin „Lancet“ eine Metaanalyse zum Thema. Metaanalyse, das bedeutet, dass die Ergebnisse vieler größerer und relevanter Studien untersucht werden und anschließend eine Art Fazit gezogen wird, das den aktuellen Stand der Forschung widerspiegeln soll. Die Autoren kamen zu dem Schluss: In den vorliegenden Studien gibt es keine hinreichenden Hinweise darauf, dass Homöopathie bei irgendeinem körperlichen Beschwerdebild wirksam sei. Doch den Glauben an die Homöopathie konnten diese Fakten nicht erschüttern. Im Jahr 2017 erschien im Fachmagazin „Sytematic Reviews“ wieder eine Metastudie. Dieses Mal konzentrierten sich die Forscher in der Flut neuer Studien auf die sogenannten Doppelblindstudien. Sie gelten als besonders zuverlässig und aussagekräftig. Bei Doppelblindstudien wissen weder Arzt noch Patient, ob gerade mit dem Wirkstoff behandelt wird oder nicht, daher der Name. Das Ergebnis war das gleiche: Es gebe keine Krankheit, gegen die eine Wirkung nachgewiesen werden könne, schreiben die Autoren.

"Ein Wirkstoff, der nicht mehr da ist, kann nicht mehr wirken"

Zu diesem Schluss kommt auch Jürgen Windeler, Leiter des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) und Professor für Medizinische Biometrie und Klinische Epidemiologie. Für ihn ist das nicht weiter verwunderlich: „Das Konzept der Homöopathie widerspricht unserem Wissen darüber, wie die Welt aufgebaut ist: Was verdünnt wird, wird nicht mehr. Und ein Wirkstoff, der nicht mehr da ist, kann nicht mehr wirken.“  

Samuel Hahnemann war ein deutscher Arzt, der im 18. und 19. Jahrhundert lebte. Im Jahr 1796 und danach veröffentlichte er die Grundgedanken, auf denen die Homöopathie heute aufgebaut ist: Ähnliches möge durch Ähnliches geheilt werden (similia similibus curentur). Hahnemann zufolge sollten Arzneistoffe, die ähnliches wie die Erkrankung auslösen, hochverdünnt verabreicht werden, in Globuli, kleinen weißen Kügelchen, die süß schmecken. Die Verdünnung der wirksamen Substanz ist in den Globuli allerdings so hoch, dass auf molekularer Ebene praktisch keine Substanzen mehr vorhanden sind. Hahnemann glaubte, dass sich die Arznei-Substanzen „zuletzt gänzlich in ihr individuelles geistartiges Wesen“ auflösen. 

Was dieses geistartige Wesen nun genau sein soll, ist unklar. „Homöopathie zu untersuchen, das ist vor dem Hintergrund unseres heutigen Wissens fast so, als wollte man sicherstellen, dass sich hinter dem Mond kein Pumuckl versteckt“, sagt Windeler. Die Wissenschaft müsse zwar den Dingen auf den Grund gehen. „Aber das wurde nun ausreichend getan. Jetzt ist es an der Zeit, diese Frage endlich als beantwortet zu den Akten zu legen und die Forschungskapazitäten auf andere Bereiche zu konzentrieren“, sagt Windeler. Dennoch nehmen auch heute viele Menschen homöopathische Mittel ein. So ist ein Paradox entstanden: Homöopathie scheint zu wirken, obwohl die Mittel keine Wirkung haben. 

Es scheint, als habe die Homöopathie den Placebo-Effekt perfektioniert

„Es gibt viele Gründe, krank zu werden, es gibt aber auch viele Gründe, gesund zu werden. Das muss nicht immer mit dem zu tun haben, was man vom Arzt bekommt“, sagt Windeler. Wenn beim Kindergartenkind der Hautausschlag nachlässt, dann könne dies auch daran liegen, dass sich das Immunsystem von selbst wieder beruhigt habe. Wenn der Student morgens ohne Kater aufwache, dann läge es vielleicht daran, dass er zusätzlich zu den Globuli abends auch noch einmal viel Wasser getrunken habe. Wissenschaftlich sicher ist, dass die Besserungen nichts direkt mit den homöopathischen Mitteln zu tun haben. Aber vielleicht mit dem Wissen, dass man homöopathisch behandelt wurde?

Die Homöopathie besteht nicht nur aus Globuli. Bei der Behandlung soll laut Hahnemann auch der „gemütlich und geistige Charakter“ des Patienten berücksichtigt werden. Gemeint ist: Bitte kümmert Euch gut um Eure Patienten, geht auf ihre Sorgen ein und behandelt sie individuell. Homöopathen führen mit neuen Patienten ein ausführliches Gespräch, das manchmal mehr als eine Stunde dauert. Wenn ein Patient an Homöopathie glaubt, dann verstärkt der Homöopath diesen Glauben durch Zuwendung, durch gewidmete Zeit, durch den Eindruck von Systematik und Wissenschaftlichkeit. 

Womöglich beste Voraussetzungen, um im Patienten den Placebo-Effekt in Gang zu setzen. Windeler verwendet hier den Begriff Kontext-Effekt: „Neben einem Medikament, einer Operation oder anderen Eingriffen gibt es in einer Behandlungssituation viele kleine Bausteine, die Einfluss auf den Heilungsprozess nehmen können – günstig oder auch ungünstig. Der Körper kann dann Heilungskräfte in Gang setzen. Das kann alles mögliche sein, etwa eine zusätzliche Aktivierung des Immunsystems oder eine Ausschüttung von Botenstoffen, die die Wundheilung verbessern“, sagt Windeler. 

Es scheint, als habe die Homöopathie den Placebo-Effekt perfektioniert. Aus der Patientenperspektive ist es egal, wie und warum ihnen geholfen wird. Es heißt nicht umsonst: Wer heilt, hat recht. Bei harmloseren Leiden wie Erkältungen mag das vertretbar sein. "Bei schweren Erkrankungen wie Krebs ist es hingegen lebensgefährlich, etablierte und gut geprüfte, wirkungsvolle Therapien auszuschlagen und auf Homöopathie zu setzen“, sagt Windeler.

Der Krebsinformationsdienst (KID) des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) in Heidelberg bekommt regelmäßig Anfragen von Patienten zu Homöopathie. Birgit Hiller vom KID weiß aber auch: „Die meisten Patienten, die sich an uns wenden, wollen Homöopathie nicht als Mittel gegen Krebs nutzen. Sie sehen sie eher als ergänzende und sanfte Methode an, um Nebenwirkungen etwa einer Chemotherapie zu lindern.“ In der großen Mehrzahl der Fälle scheint Homöopathie den wichtigen Therapien jedoch nicht im Wege zu stehen. 

Bei harmloseren Leiden oder zur Verminderung von Nebenwirkungen hingegen ist Homöopathie bei einem Teil der Bevölkerung als fester Bestandteil der Medizin verankert. Das unterstützen auch Krankenkassen. Während sie in der Regel sonst darauf pochen, dass Therapien nur dann bezahlt werden, wenn ihre Wirkung in wissenschaftlichen Studien nachgewiesen wurde, sind sie bei homöopathischen Behandlungsmethoden weniger streng und übernehmen hier viele Kosten. „Es ist einfach ein Mittel der Kundenbindung. Homöopathie ist beliebt, und die Kunden gehen eher zu der Kasse, die Homöopathie bezahlt“, sagt Windeler. Das kann man als Skandal sehen. Die Krankenkassen bezahlen für Zuckerkügelchen viel Geld, obwohl diese gar nicht wirken. Man kann es aber auch entspannter sehen. Mit der Homöopathie erhalten die Patienten einen ausgeklügelten Placebo-Effekt auf Rezept.

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Leserkommentare, diskutieren Sie mit (5)
Maximilian von Kronenberg 3 Wochen

Guter Artikel, der die Problematik und Erkenntnisse zu dem Thema recht deutlich wiedergibt. Trotzdem eine kleine Anmerkung. Der Placeboeffekt ist leider keine zuverlässige und planbare Komponente, abgesehen davon, dass es ihn bei jeder Behandlungsmethode gibt. Wäre also der eventuell auftretende Placeboeffekt eine Legitimation für die Homöopathie wäre sie es für absolut jedes alternative Heilverfahren, inkl. Voodoo oder Heilpendeln, und sollte damit auch erstattungsfähig sein. Bei Medikamenten gibt es diesen Effekt zusätzlich zu einer pharmakologischen Wirkung noch gratis oben drauf, weshalb viel Arbeit in das "Design" von Medikamenten investiert wird, um diesen Effekt noch zu fördern. Leider kann der Placeboeffekt nicht bestimmt werden, in Studien, die darstellen, dass Homöopathika nicht besser oder schlechter als Placebopräparate wirken wird nicht bestimmt, wie groß die Placebowirkung ist. Zusätzlich dazu beruhen viele Erfolge, die die Anwender der Homöopathie zuschreiben, häufig auf einem Wahrnehmungsfehler.

Herzliche Grüße

Thomas Deeringan 3 Wochen

Aus meiner Sicht ist ein großes Problem, dass Homöopathie für viele als Einstiegsdroge in die Welt des alternativen Geschwurbels dient und ich bin absolut nicht damit einverstanden, dass dies aus meinen Krankenkassenbeiträgen finanziert wird. Es wäre wirklich interessant zu wissen ob es einen Zusammenhang z.B. zwischen Impfgegnern und Homöopathieverfechtern gibt (in meinem Bekanntenkreis ist das definitiv so, aber das muss ja nichts heißen).

Placebotherapien können natürlich durchaus sinnvoll sein, aber die Industrie die hinter Globuli und Co steckt muss man deswegen noch lange nicht unterstützen. Auch finde ich es unethisch die Patienten nicht darüber aufzuklären was Homöopathie eigentlich ist. Viele gehen noch immer davon aus, dass es sich bei Homöopathie um Naturheilkunde handelt, dass aber das genaue Gegenteil der Fall ist und teilweise mit abstrusen Substanzen gearbeitet wird ist oft nicht bekannt.

Paul Krämer 3 Wochen

Vorsicht bitte mit dem Placebo-Effekt – insbesondere im Zusammenhang mit der Homöopathie.

Die unabhängigen und abhängigen Variablen in placebothematischen Studien repräsentieren nur winzigste (System-) Ausschnitte des bezüglichen (Placebo-) Gesamtsystems; längsschnittliche Perspektiven sind noch unklarer.
Kommunikation und soziale Interaktion bedingen Kognition, Emotionsbezügliches und lerntheoretische Effekte bzw. Verläufe bezüglich Homöopathie. Wie sich solches Homöopathie-Assoziertes nachteilig auswirkt ist quasi unerforscht; jedoch lassen sich dahingehend theoretisch plausible Annahmen oder Fragestellungen bilden:

– Wie verändern sich Wahrnehmung, Realitätsbezüge, kognitive Systeme, Verhalten, Erleben u. w. im Zusammenhang von Homöopathie (über die Zeit) [Unabhängige Variablen beziehen sich dafür aus: Der homöopathischen Lehre (Hahnemanns Organon beinhaltet u. a. falsche Zusammenhänge, falsche Zusammenhänge können sich an Behandelte vermitteln); der werblichen, medialen und alltäglichen Kommunikation bezüglich Homöopathie (Werbliche Kommunikation findet mit hoher werblicher Kompetenz statt. Dabei beinhaltet sie u. a. auch falsche Information und verstärkt gleichzeitig den Wert von Selbstbestimmung.); homöopathieaffinen sozialen Konstellationen (bez. Meso-, Exo-, Makroebene) bzw. deren sozialen Realitäten und sozialpsychologischen Dynamiken; u. w.]?

- Welche lerntheoretischen Prozesse vollziehen sich nachteilig im Zusammenhang von Homöopathie [Assoziatives Lernen allgemein und klassische und operante Konditionierung, aber auch Modelllernen u. w. lerntheoretische Formen finden im Zusammenhang von Homöopathie statt (als positiv erachtete Aspekte und verstärkende Eigenschaften der Homöopathie können als Verstärker für nachteilige Effekte und Entwicklungen bei Anwender*nnen wirken. Im Rahmen von homöopathischer Behandlung können sich diskrepante Realitätsbezüge, falsche oder verzerrte Wahrnehmung, falsche Attribuierung u. w. erzeugen, be- und verstärken bzw. konsolidieren]?

- Placebo-Effekte korrelieren multipel, zeitlich mittelbar und komplex – was ist dahingehend an nachteiligen Effekten und Verläufen unbekannt?

Solange das Verhalten des Placebo-Systems derart unbekannt ist, kann der Placebo-Effekt, der ja nur ein Fall von vielen des Placebosystems ist, allgemein kein Argument für eine Behandlung sein, sondern eher, bis auf Ausnahmen, ein Argument dagegen. Insofern Inhalte der homöopathischen Lehre(n), die (werbliche) Kommunikation bezüglich Homöopathie und andere Faktoren determinierend für Effekte im Rahmen von homöopathischer Behandlung sind (einschließlich der reinen Anwendung von Homöopathika ohne praktische Behandlung), sind diese auch nach den ihnen korrelierten Negativa zu bewerten. Wenn Effekte systematisch determiniert oder dispositioniert werden, ist auch fraglich, ob dann noch von einem Placebo-Effekt gesprochen werden sollte. Wenn (werbliche) Kommunikation und soziale therapeutische Interaktion das psychische System verändert, stellen sich auch Fragen von Grenzverletzung oder sogar nach (sub)klinisch relevanten Effekten durch diese. Möglicherweise generieren sich solche nachteiligen Effekte sogar systematischer und strukturell bedingt.

Heinz Peter Winkel 3 Wochen

Wäre es nur der Placeboeffekt, müsste viel häufiger das Erste Mittel wirken. Meistens wirkt aber erst das Zweite, Dritte oder sogar Vierte.

Herzliche Grüße

rober stiller 2 Wochen

@Heinz Peter Winkel: Es ist ja nicht nur der Placebo Effekt der wirkt. Es ist auch der natürliche Heilungsverlauf. Wenn das erste Mittel nicht "wirkt", wechselt man halt auf das zweite oder dritte. Das ganze nennt sich dann "Erstverschlimmerung" und "Mittelfindung". Und wenn dann bis zum dritten oder vierten Mittel genug Zeit vergangen ist, haben sich die Beschwerden ganz von alleine verflüchtigt. Aber "geheilt" hat dann natürlich das Präparat, dass zufällig am Abend davor eingenommen wurde.

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