Allergieforschung

Hoffnung für Neurodermitis-Patienten

Neurodermitis wird als Eintrittspforte für die "Allergiker-Karriere" angesehen, weil oft erst durch die Barrierestörung der Haut eine Sensibilisierung und manifeste Allergie entsteht. Bild: Fotolia/Miamariam

Einen geeigneten Wirkstoff gegen atopische Dermatitis zu finden, gleicht einer Detektivarbeit. Denn die Hautkrankheit – besser bekannt als Neurodermitis – hat viele Ursachen. Jetzt hat ein Forscherteam einen neuen, vielversprechenden Therapieansatz entdeckt.

Die Haut ist trocken, rot, schuppt – und juckt unerträglich. Neurodermitis (auch atopische Dermatitis oder atopisches Ekzem genannt) ist eine chronische Hauterkrankung, die bereits Säuglinge befallen kann und mit hohem Leidensdruck einhergeht.

Ursache ist eine genetische Veranlagung, die zu einer starken Reaktion des Immunsystems führt. Als Folge treten die typischen atopischen (entzündlichen) Hautreaktionen auf – meist in Schüben, ausgelöst etwa durch ungeeignete Pflegeprodukte, zu enge, raue Kleidung, bestimmte Nahrungsmittel oder auch psychischen Stress.

Eine vielversprechende neue Therapiemöglichkeit

Für Schwer- und Schwerstbetroffene unter den Patienten gibt es jetzt allerdings Hoffnung auf eine neue Therapie und damit auf Linderung. Denn ein internationales Forscherteam, zu dem auch Wissenschaftler des Helmholtz Zentrums München gehören, hat eine vielversprechende neue Therapiemöglichkeit gefunden. Für Patienten, bei denen die üblichen Behandlungsmethoden (zum Beispiel mit Cortison oder Cicloporin, ein Wirkstoff, der die Immunabwehr unterdrückt) nicht greifen, hat eine aktuelle Studie nun ein Biologikum als eine weitere Option erfolgreich getestet: den Antikörper Fezakinumab. Das Gute daran, nach jetzigem Stand: Anders als bei Cortison oder Cicloporin traten bei den Testpersonen praktisch keine Nebenwirkungen auf.

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Forschungseinrichtungen in New York (Department of Dermatology, Icahn School of Medicine at Mount Sinai und Laboratory for Investigative Dermatology, The Rockefeller University) und dem Helmholtz Zentrum – darunter Claudia Traidl-Hoffmann, Direktorin des Instituts für Umweltmedizin (IEM) – testeten insgesamt 60 Probanden mit moderater bis schwerer Neurodermitis. 40 von ihnen erhielten fünf Mal alle zwei Wochen Fezakinumab als intravenöse Spritze. Die 20 übrigen Probanden erhielten ein Placebo gespritzt.

Nach der zehnwöchigen Behandlungsphase wurden die Patienten für weitere 20 Wochen überwacht. Alle Patienten zusammen genommen, führte der Antikörper zu einer Reduktion des Neuordermitis-Scores (des Schweregrads der Neurodermitis) um 20 Prozent. Betrachtete man allerdings nur die Patienten mit schwerer Erkrankung, wurde sogar eine Reduktion des Schweregrades um mehr als 50 Prozent erreicht.

Fezakinumab – ein Antikörper macht Hoffnung

Wie wirkt der Antikörper? Seine Aufgabe ist die gezielte Blockade von Interleukinen. Interleukine sind körpereigene Botenstoffe der Zellen des Immunsystems. Im Fall von Fezakinumab wird erfolgreich Interleukin 22 (IL 22) blockiert. Die Autoren der Studie gehen davon aus, dass auch andere Erkrankungen damit behandelt werden könnten, die durch überschüssiges IL-22 verursacht werden.

"Insbesondere für Patienten mit schwerem atopischen Ekzem scheint dieser Ansatz eine mögliche Therapieoption zu sein. Genauso für Patienten, bei denen eine Blockade von Interleukin-4 und Interleukin-13 keinen nennenswerten klinischen Effekt zeigt, beispielsweise durch den Ende 2017 für die Neurodermitis-Therapie zugelassenen Antikörper Dupilumab", ordnet Claudia Traidl-Hoffmann die Studie ein.

Dass im aktuellen Test auch nicht alle Patienten auf Fezakinumab angesprochen haben, sei erwartbar gewesen, sagt die Forscherin: "Neurodermitis ist eine Erkrankung mit einem ‚Gesicht‘, aber vielen verschiedenen Ursachen. Und diese sind noch nicht alle erforscht. Unser Team arbeitet bereits an einem weiteren Antikörper, der für Patienten in Frage kommen könnte, die auf Fezakinumab nicht ansprechen."

Eine Alternative zu Cortison

Die Dermatologin und ihre Kollegen leisten damit einen wichtigen Beitrag auf dem Weg zu einer personalisierten Medizin, die nach maßgeschneiderten Therapiemöglichkeiten für Neurodermitis-Patienten sucht. Es sei wichtig, weiter nach alternativen und vor allem gut verträglichen Behandlungsformen zu forschen – auch für Kinder, sagt Traidl-Hoffmann. Denn diese sind häufiger als Erwachsene von Neurodermitis betroffen: In Deutschland erkranken bis zum Einschulungsalter bis zu 25 Prozent der Kinder an einem atopischen Ekzem.

Cortison beispielsweise gilt zwar als wichtiger Baustein in der Neurodermitis-Therapie. Jedoch: Eine Langzeitanwendung etwa mit Cortisonsalbe kann zu einer äußerst empfindlichen, pergamentartigen Haut führen, wie man sie vor allem von älteren Menschen kennt. Die Haut reißt besonders schnell ein und neigt zu erhöhter Blutung.

Herauszufinden, welche Interleukine bei einem Patienten blockiert werden müssen, um eine erfolgreiche Behandlung zu ermöglichen, gleiche immer noch einer Detektivarbeit, bestätigt die Biologin Stefanie Eyerich, Leiterin der Forschungsgruppe "T Cell Biology in Health and Disease" am Institut für Aller-gieforschung des Helmholtz Zentrums München. Sie erforscht die Rolle unterschiedlicher T-Zellen für die Barrierefunktion der Haut und sucht nach Ansatzpunkten für Medikamente.

Allergien vorbeugen

"Es hat sich beispielsweise gezeigt, dass Interleukin 4 und Interleukin 13 aktiv die Hautbarriere schädigen, indem sie die Menge an Filaggrin in der Haut reduzieren." Filaggrin ist ein Protein, dass in der Haut an der Verhornung der Hautzellen beteiligt ist und dessen Spaltprodukte zudem als Feuchtigkeits-faktor dienen. "Ist Filaggrin in seiner Funktion eingeschränkt, wird die Barriere löchrig und die Haut trocken – eines der bekannten Symptome der Neurodermitis."

Aufgrund dieser fehlenden Barriere gilt die Neurodermitis auch als Türöffner für andere Allergien – die sich dann beispielsweise auf die Atemwege (Nase, Bronchien) auswirken können. Umso wichtiger ist in diesem Zusammenhang eine wirkungsvolle Therapie.

14.05.2018 , Mareike Knoke
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