Tuberkulose

Eine Krankheit auf dem Vormarsch

Elektronenmikroskopische Aufnahme von Mycobacterium tuberculosis. Bild: HZI / M. Rohde

Keine Infektionskrankheit fordert weltweit mehr Todesopfer als die Tuberkulose. Gegen gängige Therapien entwickelt sie immer neue Resistenzen – und die einzige Impfung, die es gibt, ist nicht wirksam genug. Jetzt arbeiten Wissenschaftler an einem neuen Impfstoff.

Die Zahlen der Weltgesundheitsorganisation WHO sind erschreckend: Im Jahr 2014 starben 1,5 Millionen Menschen an Tuberkulose, schätzungsweise 9,6 Millionen Menschen sind neu erkrankt. Besonders betroffen sind Länder in Afrika, Osteuropa und Zentralasien. In Deutschland gab es 2014 rund 4500 Neuerkrankungen. Der bakterielle Erreger der Tuberkulose, Mycobacterium tuberculosis, wird durch Tröpfcheninfektion übertragen und befällt vor allem die Lunge. Bricht die Krankheit aus, bekommen die Betroffenen Husten mit teils blutigem Auswurf, Nachtschweiß und Fieber. Sie fühlen sich immer schwächer, ihre Kräfte schwinden. Tuberkulose wird daher auch als Schwindsucht bezeichnet. Wird sie nicht behandelt oder schlägt die Behandlung nicht an, endet die Erkrankung meist tödlich.

„Das Problem, das wir heute mit Tuberkulose haben, liegt nicht nur in den hohen Erkrankungsraten, sondern vor allem auch in der zunehmenden Zahl der Resistenzen“, sagt Bernd Eisele, Geschäftsführer und medizinischer Leiter der Vakzine Projekt Management GmbH (VPM), einer Ausgliederung des Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschung (HZI). „In Ländern mit besonders hohen Erkrankungsraten wie Äthiopien, Bangladesch, China oder Indien ist die Situation besonders problematisch. Aber auch in Deutschland und Europa nehmen die Fälle deutlich zu, in denen wir es mit Erregern zu tun haben, die gegenüber den gängigen Antibiotika-Therapien resistent sind.“

Seit fast 100 Jahren gibt es einen Impfstoff gegen Tuberkulose, den sogenannten BCG-Impfstoff. In Deutschland wird er seit 1998 durch die Ständige Impfkommission nicht mehr empfohlen. Wirksam ist er nur bei Kleinkindern unter drei Jahren. „Bei Jugendlichen und Erwachsenen, die Hauptüberträger der hochansteckenden Lungen-Tuberkulose sind, schlägt er nicht in ausreichendem Maße an“, sagt Eisele. „Die Lungen-Tuberkulose ist aber gerade die Erkrankungsform, die am häufigsten vorkommt und maßgeblich für die Ansteckung und Verbreitung der Tuberkulose verantwortlich ist.“

Und genau hier soll der Tuberkulose-Impfstoff VPM1002 ansetzen. Das Team um Stefan H. E. Kaufmann, Gründungsdirektor des Max-Planck Instituts für Infektionsbiologie, hat das wissenschaftliche Konzept des neuen Impfstoff-Kandidaten entworfen. In engem wissenschaftlichem Austausch auch mit der Arbeitsgruppe um Carlos Guzmàn, Leiter der Abteilung Vakzinologie am HZI, wurde der Impfstoff auf den heutigen Stand gebracht. „Der ursprüngliche BCG-Impfstoff wurde genetisch so verändert und weiterentwickelt, dass er das Immunsystem in besonderem Maße aktiviert und eine verstärkte Immunantwort auslöst. Nach einer Impfung mit VPM1002 sollte das Immunsystem bei einer Tuberkulose-Infektion dann besser gewappnet sein und die Erreger erfolgreich bekämpfen können“, erklärt Eisele.

Derzeit befindet sich VPM1002 noch in der klinischen Prüfung und wird an zwei ganz unterschiedlichen Risikogruppen getestet: Erwachsene, die bereits eine Tuberkulose-Infektion überstanden haben, erkranken häufig ein zweites Mal. Die Impfung soll eine erneute Infektion verhindern. Die zweite Risikogruppe sind Säuglinge HIV-positiver Mütter. Sie haben ein extrem geschwächtes Immunsystem und ein zehnfach erhöhtes Risiko, an Tuberkulose zu erkranken. Der für Kinder zugelassene BCG-Impfstoff wird bei diesen Kindern nicht empfohlen, da er bei ihnen schwere Nebenwirkungen auslösen kann. „Kinder HIV-positiver Mütter benötigen dringend einen sicheren Impfstoff gegen Tuberkulose“, sagt Leander Grode, Chief Scientific Officer von VPM. Die ersten Studienergebnisse stimmen zuversichtlich, dass wir mit VPM1002 hier auf dem richtigen Weg sein könnten.“

Ein neuer, wirksamer Tuberkulose-Impfstoff könnte Todesfälle und Neuinfektionen deutlich dezimieren. Gleichzeitig würde sich die Problematik mit den resistenten Tuberkulose-Erregern langfristig von selbst lösen. Denn wer sich aufgrund einer Impfung gar nicht erst mit Tuberkulose ansteckt, kann auch kein Problem mit resistenten Erregern bekommen. Eisele: „Die Studien laufen zwar noch, aber wir sind zuversichtlich, dass VPM1002 in Bezug auf Wirksamkeit und Sicherheit hält, was er verspricht. Wir hoffen, dass der Impfstoff zeitnah zugelassen werden kann, vielleicht sogar schon 2018.“ Das wäre eine gute Nachricht, um der Schwindsucht endlich das Verschwinden zu lehren. 

13.06.2016 , Nicole Silbermann
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