Klimagipfel

„Wir werden die Deiche um einen Meter erhöhen müssen“

<b>Bald ein gewohntes Bild?</b> Die Strand-Pfahlbauten in St. Peter-Ording standen am 22.10.2014 weit im Wasser. Die Ausläufer des Hurrikans Gonzalo bescherten der Nordseeküste die erste Sturmflut der Saison. Bild: Daniel Friederichs/dpa

In fünf Wochen versuchen Regierungsvertreter aus aller Welt erneut, sich auf verbindliche Ziele zu einigen, die den Klimawandel auf maximal zwei Grad begrenzen. Was bedeutet diese Erwärmung für unsere Breiten? Wir sprachen mit Klimaforscher Peter Lemke über milde Winter, extreme Hagelstürme und neue Baumarten in Europa.

Herr Lemke, in Modellrechnungen prognostizieren Sie das Klima der Zukunft. Wie sieht es denn Ende des Jahrhunderts aus in Deutschland?

Das hängt davon ab, ob wir weiter so viel CO2 in die Atmosphäre abgeben wie bisher. Wenn wir das tun, dann müssen wir mit einem etwa einen Meter höheren Meeresspiegel rechnen. Die Temperatur wird im Mittel um drei bis vier Grad steigen. Sehr heiße und trockene Sommer wie der von 2003 werden schon 2040 die Regel sein. Die Winter werden milder und reicher an Niederschlägen.

Was bedeutet das für einzelne Regionen in Deutschland?

An den Küsten ist ein heißer Sommer erträglicher, da es dort mehr Wind gibt. In einer Stadt wie Stuttgart dagegen, die in einem Talkessel liegt, wird es Probleme etwa mit dem Luftaustausch geben. Im Alpenvorland ist mit mehr Steigungsregen zu rechnen. Von den großen Alpengletschern wird nicht viel übrig bleiben. In einer Region wie Brandenburg, wo es schon heute im Sommer trockener ist als anderswo in Deutschland, wird es dann noch extremer.

Welche Auswirkungen haben denn der steigende Meeresspiegel und höhere Temperaturen?

Wir werden die Deiche um einen Meter erhöhen müssen. Das ist sicher machbar, kostet aber natürlich Geld. Und Raum, denn ein höherer Deich braucht einen breiteren Sockel. In anderen Regionen der Welt, beispielsweise in einem flachen und verzweigten Flussdelta, ist das nicht möglich. Dort müssen zahlreiche Menschen umgesiedelt werden. Aber die heißen Sommer werden auch hierzulande zu Problemen führen: Zum einen für die Landwirtschaft, die ohne Bewässerung nicht mehr auskommen wird. Auch das ist vermutlich machbar, da es im Winter mehr Niederschläge geben wird, die das Grundwasserreservoir wieder auffüllen. Und zum anderen für die Menschen: Im heißen Sommer von 2003 hat es europaweit etwa 20.000 Hitzetote gegeben – und solche Sommer werden ja ab 2040 normal sein.

Werden wir auch andere Pflanzen anbauen müssen als heute?

Ja, schon heute fragen uns Forstwirte, welche Bäume sie anpflanzen sollen. Geerntet wird so ein Baum ja erst 50 Jahre später. Für einige einheimische Bäume wie die Fichte wird die Trockenheit vermutlich schwierig. Dagegen käme zum Beispiel die Douglasie, ein Nadelbaum aus Nordamerika, mit einem wärmeren und trockeneren Klima gut zurecht. Sie ist aber kein einheimischer Baum und passt so gesehen nicht in unser Ökosystem.

Wird es mehr extreme Wetterereignisse geben?

Das ist immer noch schwierig vorherzusagen, denn extreme Wetterereignisse sind selten, so dass wir nur wenige Daten aus der Vergangenheit haben, die wir für Prognosen verwenden können. Klar ist, dass in einer wärmeren Welt mehr Wasserdampf in der Luft ist, der das Potenzial für Niederschläge erhöht. Wir beobachten schon jetzt, dass besonders in Süddeutschland die Hagelstürme zwischen 1970 und 2000 zugenommen haben.

Woher kommt das?

Hagel entsteht in Gewitterwolken. Das sind hohe Wolken, in denen eine starke Aufwärtsströmung herrscht, die Wassertropfen nach oben zieht. Ist die Wolke hoch genug und der Auftrieb stark genug, werden die Wassertropfen zu Eis. Je höher die Wolke und je stärker der Auftrieb, desto größer werden die Eiskörner. Sind sie groß und schwer genug, fallen sie als Hagel nach unten. Wie stark die aufwärts gerichtete Strömung ist, hängt von der Heizung am Erdboden ab. Und die wird durch die globale Erwärmung größer.

Mal angenommen, wir reißen das Ruder noch herum und reduzieren unseren CO2-Ausstoß. Was wäre dann zu erwarten?


Wenn das wirklich gelänge, wäre es wohl möglich, die globale Erwärmung auf zwei Grad zu beschränken. Grundbedingung dafür ist, dass wir ab 2070 praktisch überhaupt kein CO2 mehr produzieren. Dieses Zwei-Grad-Ziel steht bei den Klimaverhandlungen der Staats- und Regierungschefs im Raum. Um es zu erreichen, müssen sich die Staaten bald auf rechtlich verbindliche Ziele zur Verringerung des CO2-Ausstoßes einigen.

Peter Lemke ist Professor für Physik von Atmosphäre und Ozean an der Universität Bremen und leitete bis zu seiner Emeritierung am 30.9.2014 den Fachbereich Klimawissenschaften am Alfred-Wegener- Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung. Seit 2009 ist er wissenschaftlicher Koordinator der Helmholtz- Klimainitiative REKLIM – Regionale Klimaänderungen; Geschäftsführer ist Klaus Grosfeld. Im Verbund REKLIM arbeiten neun Forschungszentren der Helmholtz-Gemeinschaft zusammen daran, mithilfe von Messungen auf dem Land, in der Luft und im Meer sowie von Satellitenbeobachtungen in Kombination mit Computersimulationen immer genauere regionale und globale Klimamodelle zu erstellen: www.reklim.de
Darüber hinaus unterstützen die Regionalen Klimabüros der Helmholtz-Gemeinschaft und das Climate Service Center Entscheidungsträger dabei, Risiken und Chancen von Klimaänderungen zu beurteilen sowie Vermeidungs- und Anpassungsstrategien zu entwickeln. Hören Sie mehr über REKLIM und über Hagelforschung in zwei Beiträgen des Forschungspodcasts Resonator unter: https://resonator-podcast.de/

26.10.2015 , Interview: Martin Trinkaus
Leserkommentare, diskutieren Sie mit (1)
Klaus-Henning Bähr 29-10-2015 09:10

Für die Abwendung katastrophaler Klimaveränderungen scheint mir die Entwicklung wirksamerer Konzepte zur Förderung der Motivation wesentlich, an der es bisher bei der Umsetzung wissenschaftlicher Erkenntnisse in politisches Handeln offenbar mangelt.

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