Bild: AWI/Dyke Scheidemann

"Wir nutzen das Wissen der Älteren, um Veränderungen zu verstehen“

An der Spitze des kanadischen Yukon-Territoriums untersucht Hugues Lantuit, wie der Klimawandel die Region verändert. Der Geowissenschaftler bezieht die Erfahrungen der Ortsansässigen ein.

Ein Sommer nördlich des Polarkreises: Flechten, Moose und Gräser wachsen, zarte Wildblumen blühen. An steil abfallenden Klippen endet die arktische Tundra-Landschaft. Von ikonischen Eisbergen auf dem Meer keine Spur. „Wir haben so viele falsche Bilder im Kopf“, sagt Hugues Lantuit, „wir denken an die Arktis und stellen uns gleich Schnee und Eis vor, aber ich erlebe die Arktis als einen grünen Ort.“ Qikiqtaruk heißt dieser grüne Ort, eine Insel in der Beaufortsee im Arktischen Ozean – besser bekannt als Herschel Island. Hier liegt das Feldlabor von Hugues Lantuit. Seit 2006 bricht der Geowissenschaftler vom Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) jedes Jahr an die nördlichste Spitze des kanadischen Yukon-Territoriums auf, um die Permafrostböden zu untersuchen.

Die Böden sind einen Großteil des Jahres hindurch gefroren. Nur zwischen Juni und September steigen die Temperaturen über den Gefrierpunkt, sodass sie oberflächlich antauen. Doch infolge der Erderwärmung tauen die Permafrostböden immer tiefer auf. Das treibt den gebürtigen Franzosen um: In den Böden der arktischen Permafrostgebiete sind enorme Mengen Kohlenstoff gespeichert. Er ergründet, welche Auswirkungen es auf das Klima und die regionale Wirtschaft hat, wenn Küsten- und Unterwasser-Permafrost auftaut und Kohlenstoff freigesetzt wird.

„Arktische Küstengebiete, das klingt vielleicht nach einem Nischenthema“, sagt der 42-jährige Hugues Lantuit, „aber ein Drittel der Küsten weltweit sind Permafrostküsten. Und wenn diese Böden tauen, ist das eine Bedrohung für den globalen Klimakreislauf.“ In der Region spüren die Menschen schon jetzt die Folgen: Die Küsten leiden unter Erosion, sie brechen mit großer Geschwindigkeit weg, viel schneller als etwa Steilküsten in Nordeuropa. Und die ganze Infrastruktur nimmt Schaden: Wege und Landebahnen 
beginnen zu bröckeln, Gebäude und Leitungen sind gefährdet, wenn der Untergrund aufweicht. „Die Reparaturkosten sind beachtlich, es wird schwerer zu bauen“, erklärt Hugues Lantuit die Situation.

Das ist einer der Gründe für das EU-Projekt Nunataryuk, benannt nach dem Ausdruck für „Land – Meer“ auf Inuvialuktun, der Sprache der Inuit Nordwestkanadas. „Wir wollen nicht nur verstehen, was mit dem organischen Material passiert, das beim Auftauen freigesetzt wird und über Flüsse ins Meer gelangt, sondern wir erforschen auch, welche Risiken für die Infrastruktur und die Gesundheit der Menschen entstehen“, sagt Hugues Lantuit, der das Projekt seit 2017 koordiniert. 28 Partnereinrichtungen arbeiten darin zusammen, Naturwissenschaftler sind ebenso beteiligt wie Sozialwissenschaftler. Das Besondere: Das Projekt wird von einem Forum geleitet, in dem Vertreter der arktischen Küstengemeinden beteiligt sind – und der indigenen Gesellschaften, die einen bedeutenden Bevölkerungsanteil stellen. „Die Menschen interessiert, wie es der Fauna geht, und die Fischer wollen wissen, wie das Ökosystem Küste beeinflusst wird“, sagt der AWI-Forscher.

Ausgangspunkt jeder Forschungsreise ist Inuvik, mit rund 3.500 Einwohnern die größte kanadische Stadt nördlich des Polarkreises – hier bereiten sich die Wissenschaftler auf ihre vierwöchige Feldarbeit vor. „Sehr gut zugänglich“, bewertet der Geoforscher die Lage Inuviks, zwei Tage dauere die Reise mit dem Flugzeug dorthin nur. Hugues Lantuit scheint von den vielen Reisen abgehärtet.

„Die ersten Tage vor Ort sind immer für die Organisation der Feldarbeiten reserviert. Einkaufen, auspacken, umpacken, Leute treffen, Hände schütteln, Kisten schleppen“, berichtet sein Forscherteam online nach Hause. Das Baumarktsortiment inspizieren, Mahlzeiten vorbereiten und einfrieren, Ausrüstung und Verbrauchsmaterial ordnen, es ist viel zu tun, bevor sie dann aufbrechen zu den vier Wochen Arbeiten und Leben im Feld. Es geht weiter nach Aklavik: ein übersichtliches Dorf, für die 600 Einwohner gibt es kleine Supermärkte und einen Landestreifen für Flugzeuge, eine Straße führt nicht hierhin. Die Siedlung ist von Wasserläufen und Seen umgeben. Ein Kleinflugzeug Typ Twin Otter ist in dieser Region das Verkehrsmittel der Wahl. Mit ihm legen die Forscher auch die letzten rund 200 Kilometer nach Herschel Island zurück. Lediglich eine Handvoll Passagiere kann die Twin Otter mitnehmen; denn meistens sind noch Hunderte Kilo Fracht mit an Bord.

„Herschel Island ist eine sehr schöne Insel, ein sehr besonderer Ort“, sagt Hugues Lantuit. Sie hat den Status eines besonderen Schutzgebiets. Alte Holzgebäude aus Kolonialzeiten sind heute zu Unterkünften und Behelfslaboren für Wissenschaftler umfunktioniert. Das sei viel komfortabler als früher, befindet der Wissenschaftler: Bei seinen ersten Expeditionen vor 16 Jahren sei er noch im Zelt untergebracht gewesen.

Die Arbeitstage in der Arktis sind schwer planbar. „Wir sind vom Wetter abhängig, und das ändert sich schnell. Jeden Morgen sitzen wir zusammen und bewerten neu, ob wir die geplanten Arbeiten angehen können“, sagt der AWI-Forscher. Ganz oben auf der Packliste für die Arktis: gute Kleidung, die vor Kälte und Wetter aller Art schützt. Die arktische Sommersonne scheint lang, noch der letzte Funke Tageslicht wird für Laborarbeiten genutzt. 

Über die Jahre hat Hugues Lantuit nicht nur geforscht, sondern auch Methoden zur Bärenabwehr trainiert, Boote repariert und „gute Stimmung unter Behörden und lokale Entscheidungsträger gebracht“, berichtet sein Team. Mit Erfolg für das Projekt Nunataryuk, das auf genau diesen langjährigen Partnerschaften aufbaut. Wie verbreiten sich Anthrax-Erreger, die im Permafrost eingeschlossen waren? Welche Krankheiten treten auf, weil die Wasserinfrastruktur leidet? Welche Folgen hat es, dass Quecksilber freigesetzt wird? Gibt es Auswirkungen auf Meerestiere? Solche Forschungsfragen entstanden in Zusammenarbeit mit den Menschen vor Ort. Ähnliches in einem kurzen Dreijahresprojekt zu erreichen, hält Hugues Lantuit für „vollkommen unrealistisch“. Gastfreundlich seien die Aklaviker, ja, „dennoch braucht es Zeit, wirklich Vertrauen zu gewinnen – das ist nicht anders als in kleinen Dörfern in Deutschland“, sagt der Geowissenschaftler. „Und es ist dieser Austausch mit den lokalen Stakeholdern, der das Projekt für mich so wertvoll macht.“ Der Dialog werde geführt, „bis alle happy sind“. Nicht nur während der Arbeitsphasen im Feld, sondern auch per Telefon und Facebook im restlichen Jahr. 

„Die Menschen hier wissen um die Gefahren und die Bürgermeister machen auf ihre Themen aufmerksam. Mir fällt auf, wie bevormundend wir in Europa manchmal sind. Zum Teil existiert ja immer noch das Bild von in Iglus lebenden Menschen – die Realität sieht anders aus: funktionierende Infrastruktur, Internet, gut organisierte Gemeinden. Wir tun nicht etwas für die Inuit, sondern arbeiten miteinander. Wir nutzen das Wissen der Älteren, um die Bedeutung der Veränderung zu verstehen, und wir lernen von ihnen über das Land und die Landschaft.“

Wenn es nach Hugues Lantuit ginge, gäbe es viel mehr Projekte wie Nunataryuk. Wenn im hohen Norden doch mal Feierabend ist, genießt der Forscher das Campleben: Zeit mit den Park-Rangern verbringen, Karten spielen, Geschichten austauschen. Manchmal fangen die Ranger Seesaibling, der geräuchert oder gemeinsam gegrillt wird – eine Abwechslung zur vorgekochten Tiefkühlkost. Selten steht auch gegrilltes Karibu auf dem Speiseplan; es ist eine besondere Tradition, dass die jungen Jäger diese Rentierart jagen. Insgesamt hat Hugues Lantuit rund eineinhalb Jahre im Norden Kanadas verbracht. Vor allem berühren ihn die Wiedersehen mit Menschen, die er nun schon seit vielen Jahren kennt und deren Heimat extremen Veränderungen ausgesetzt ist.

„Natürlich können wir nur bedingt Lösungen bieten, aber wir können mit unseren Daten die Veränderungen ökonomisch und soziologisch besser einordnen.“ Gerade wurde etwa eine neue Karte zu Permafrostvorkommen im Meeresboden veröffentlicht. Erstmals soll es eine Datenbank zu Quecksilbervorkommen in Permafrostböden geben und auch einen sozioökonomischen Atlas, der zeigt, wie viele Menschen wo auf Permafrost leben. „Solche Zahlen hatte niemand vorher“ – Hugues Lantuit hofft, dass sie es erleichtern, auf politischer Ebene Gehör zu finden. 

Als Familienvater ist er heute weniger unterwegs als noch vor einigen Jahren, aber sobald wie möglich soll es für den Forscher wieder nach Aklavik und Herschel Island gehen. Und: „Die Zusammenarbeit muss auch nach dem Projekt weitergehen“, steht für ihn fest. „Wir können nicht mehr so forschen wie noch vor einigen Jahren – hinfahren, Ergebnisse sammeln und einfach wieder wegfahren.“  

Das Projekt Nunataryuk

Nunataryuk untersucht, wie sich das Auftauen von Küsten- und Unterwasser-Permafrost auf das globale Klima auswirkt, und entwickelt gemeinsam gezielte Anpassungs- und Abmilderungsstrategien für die arktische Küstenpopulation. Das EU-Projekt ermöglicht Forschung und Dialog über Grenzen hinweg: Beteiligt sind 28 Partner aus Belgien, Dänemark, Deutschland, Frankreich, Island, Italien, Kanada, den Niederlanden, Norwegen, Österreich, Portugal sowie Schweden. Es hat eine Laufzeit von fünf Jahren und endet im Oktober 2022.

Weitere Informationen zum Projekt

23.07.2020 , Kristine August

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