Bild: picture alliance / SZ Photo | Alessandra Schellnegger

„So eine Expedition kann man nur einmal machen“

Im Gespräch erklärt Reinhold Messner, warum er gespannt auf die Ergebnisse der größten Arktis-Expedition aller Zeiten wartet, wie er den Klimawandel in seiner Heimat erlebt und warum er niemals ins All fliegen würde.

Das Forschungsschiff Polarstern ist im arktischen Winter eingefroren durch das Nordpolarmeer gedriftet. Sie selber werden bei der Rückkehr in Bremerhaven vor Ort sein. Sicher haben Sie das Projekt verfolgt?

Das habe ich. Und ich bin gespannt, welche wissenschaftlichen Ergebnisse die Expedition zutage fördert. Es wird natürlich Jahre dauern, alles auszuwerten. Ich bin mir aber sicher, dass wir über viele Fragen, sei es die Drift, das Meeresgetier, die Eisdicke und das Zusammenspiel dieser Komponenten sehr viel erfahren werden.

Hätte es Sie gereizt, bei einer solchen Expedition dabei zu sein?

Ich bin kein Wissenschaftler und wäre nur ein Anhängsel gewesen. Wenn ich so etwas machen würde, dann eher so, wie es Fridtjof Nansen mit seinem Schiff „Fram“ gemacht hat. Er ist das historische Vorbild der Expedition und hat 120 Jahre vorher dasselbe gewagt. Die Kühnheit, unter den Bedingungen der damaligen Zeit einfach in die Arktis hineinzufahren und sich mit der Drift des Eises treiben zu lassen, dann auch noch auszusteigen aus dem Schiff um Richtung Pol zu marschieren, das ist eines der schönsten Abenteuer, das je stattgefunden hat. Ich wäre gerne dabei gewesen – ich bin leider zu spät geboren.

MOSAiC-Expeditionsteilnehmer berichten immer wieder, wie schnell sich die Bedingungen ändern. Das Eis in der Arktis ist sehr dynamisch. Die Forscher mussten immer wieder die Eisscholle räumen, wegen Eispressungen, die sich schnell mehrere Meter auftürmen oder Risse im Eis mit offenem Wasser. Das kennen Sie wahrscheinlich gut.

Ja, ich war selber auf dem Packeis unterwegs. Leider habe ich es damals nicht geschafft von Sibirien aus über den Nordpol nach Kanada zu kommen. Einmal wären beinahe untergegangen, weil es fürchterliche Eispressungen gab. Ich habe erlebt, wie sich über einer offenen Wasserfläche über Nacht eine Eisschicht bildet, über die man gehen kann. Es ist nicht leicht, unter diesen Bedingungen zurechtzukommen.

Sie sind für die gute Vorbereitung ihrer Expeditionen bekannt. Auch bei der MOSAiC-Expedition war die Planung und die Logistik entscheidend.

Mit Sicherheit. So eine Expedition kostet sehr viel Geld und man kann sie so nur einmal machen. Die Frage, wer was forscht, mit welchen Instrumenten, zu welcher Zeit, das musste alles im Detail vorausgeplant werden. Das war sicher ähnlich ausgefeilt wie die Vorbereitung für einen Raumflug. Ich bin wirklich extrem gespannt darauf, die Resultate in einer Form, wie auch ich sie als Nicht-Fachmann verstehen kann, zu sehen. Mir ist aber wie gesagt auch klar, dass ich noch etwas Geduld haben muss.

Die Arktis verändert sich durch den Klimawandel wie keine andere Region der Erde. Wissenschaftler prognostizieren, dass sie in einigen Jahrzehnten im Sommer eisfrei sein wird. Wie nehmen Sie diese Veränderungen wahr?

Dass die Arktis sehr schnell an Eis verliert, ist offensichtlich. Wie lange es dauern wird, bis sie wirklich eisfrei ist, kann wohl niemand genau sagen. Genauso wenig, was es wirklich bedeutet, wenn das der Fall ist. Sicher wird das auch Auswirkungen auf den Golfstrom haben. Wenn der ausbleibt, könnte es sogar zu Kältewellen in Europa kommen.

Wo sehen Sie sonst Zeichen des Klimawandels?

Hier in meiner Heimat in Südtirol ist er deutlich spürbar. Es gibt Stürme in einer Intensität und auch Häufigkeit, wie es sie früher nicht gegeben hat. Vor wenigen Tagen haben wir hier einen Sturm erlebt, bei dem Tische 100 Meter durch die Gegend geflogen sind. Es war schwierig, die Menschen in Sicherheit zu bringen. So etwas habe ich früher nie erlebt. Es regnet in der Summe nicht mehr als früher, doch die Niederschläge kommen häufiger in heftigen Platzregen herunter. Die Jahreszeiten haben sich nach hinten verschoben. Es ist überhaupt keine Frage, dass es einen Klimawandel gibt. Warum er da ist, müssen die Wissenschaftler beantworten.

Und im Gebirge?

Ich beobachte seit etwa 20 Jahren, dass durch den Schwund des Permafrosts in der Höhe riesige Trümmer, zum Teil größer als Hochhäuser, aus den Gebirgswänden herausfallen. Der Frost hält das Gestein nicht mehr wie Kitt zusammen. Wenn er taut, rutschen die Felsbrocken ab. Das macht das Bergsteigen natürlich gefährlicher.

Früher gab es das nicht?

Zu meiner Lebenszeit nicht. Am Fuße der Dolomiten liegen allerdings riesige Gesteinsbrocken, die vor etwa 5.000 Jahren heruntergekommen sein müssen. Sehr viel länger kann es nicht her sein, denn sie sind wenig verwittert. Dass es um diese Zeit herum eine wärmere Phase gab ist ja bekannt. Zu den Ursachen für diese Warmzeit würde ich gerne mal die Wissenschaftler befragen.

Viele unerforschte und für Menschen unzugängliche Orte gibt es ja heutzutage nicht mehr. Die nächsten Abenteuer wird der Mensch vermutlich außerhalb unseres Planeten suchen.

Nichts gegen die Erforschung des Weltraums und anderer Planeten aber die Vorstellung, dass wir Menschen auf dem Mars leben könnten, die halte ich für abwegig. Auch für die nächsten 100 Jahre. Die Logistik dafür wäre einfach zu gigantisch. Es wäre auch ungerecht, wenn tatsächlich tausend Menschen auf den Mars fliegen würden und dafür ein riesiges Steuerbudget geopfert würde. Das Mars-Habitat ist für uns Menschen lebensfeindlich. Und die Frage, wie wir dort unsere Nahrungsmittel herstellen sollen, ist noch ein ganz anderes Problem. Der Mensch ist an die Umweltbedingungen auf dem Planeten Erde angepasst. Wir haben nur diese Erde und wenn diese untergeht, können wir sie nicht alle verlassen.

Reizt Sie persönlich denn der Gedanke, als Grenzgänger die Erde für eine Art Expedition zu verlassen?

Nein. Auch wenn man mich dafür bezahlt, ich würde es nicht tun. Ich könnte bei so einem Projekt nichts beitragen. Ich würde mich langweilen. Abenteuer hat zu tun mit Erfahrungen und Eigenverantwortung. Ich mache Erfahrungen über unser Dasein und auch über die Veränderungen, die sich vollziehen wie den Klimawandel. Wenn ich etwa die Bücher von Nansen oder Shackleton studiere und dann selber in diese Regionen gehe und ihre Abenteuer nacherlebe, sehe ich die Veränderungen. Dazu muss ich die Erde nicht verlassen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Helmholtz-Jahrestagung

Am 12.10.2020 von 14:00 bis 16:00 Uhr findet die Helmholtz-Jahrestagung statt. Dieses Jahr virtuell, an drei Standorten und offen für alle. Ein Höhepunkt wird die Rückkehr der Polarstern sein. Auch Reinhold Messner ist unser Gast. Er spricht mit einem Crew-Mitglied über den Klimawandel und Grenzerfahrungen. Weitere Informationen und das vollständige Programm finden Sie hinter dem folgenden Link:

Helmholtz-Jahrestagung 2020

23.09.2020 , Interview: Martin Trinkaus

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