Die Sicherheitsexpertin Bjela König kümmert sich darum, Gefahren bei der Expedition gering zu halten. Bild: Alfred-Wegener-Institut/Esther Horvath

Interview

"Eine gewisse Gefahr müssen wir auf uns nehmen"

Sie ist die Schwarzseherin vom Dienst: Bjela König vom Alfred-Wegener-Institut hat monatelang alle Szenarien durchdacht, die auf der MOSAiC-Expedition zur Gefahr werden könnten. Ein Gespräch über aufbrechende Eisschollen, einen schwimmenden Operationssaal – und darüber, wofür in der Arktis Stolperdraht nötig ist.

Die MOSAiC-Expedition bringt erstmals einen modernen Forschungseisbrecher auch im Winter in Nordpolnähe. Keine ganz ungefährliche Mission, oder?

Wir stehen in der Tat vor neuen Herausforderungen, denn etwas Vergleichbares hat es noch nie gegeben. Zunächst einmal müssen wir uns verabschieden von dem Bild einer schneeweißen Eisfläche, die nahtlos das Schiff umgibt. Wir werden dort viele Schmelztümpel haben und oft im Wasser rumstapfen. Außerdem kann uns auch mal alles zuwehen. Spätestens wenn ein heftiger Sturm aufzieht, wird sich die Umgebung verändern. Dann schiebt sich die Scholle, die unser Schiff umgibt, unter Umständen zu Presseisrücken auf oder driftet auseinander.

Könnte die Eisscholle auch aufbrechen?

Ja, dieses Szenario planen wir mit ein – auch wenn die Wahrscheinlichkeit sehr gering ist, dass die Scholle direkt unter unseren Füßen bricht. Wir überwachen ständig den Bereich rund um das Schiff mit Infrarotkameras. So können wir einen möglichen Bruch schon Stunden vorher erahnen. Aber wir stellen uns schon darauf ein, dass wir unser Eiscamp im Laufe des Jahres verlegen müssen.

Was sind denn die größten Risiken?

Viele Gefahren ergeben sich aus den Wetterbedingungen. Wenn Nebel aufzieht, wird es zum Beispiel schwierig mit der Orientierung und dem sicheren Arbeiten. Außerdem können die Temperaturen im Extremfall unter minus 40 Grad Celsius fallen. Durch den Wind werden die gefühlten Temperaturen sogar noch extremer. Weitere Gefahren sehe ich in der täglichen Arbeit auf dem Eis, aus der sich Verletzungen ergeben können.

Und wie lassen sich diese Gefahren reduzieren?

Ich bin systematisch viele denkbare Szenarien durchgegangen, die theoretisch passieren könnten. Im Arbeitsschutz ist es eine typische Methode, die Gefahr vom Menschen zu trennen, zum Beispiel durch Sicherheitsabstände. Das ist für uns jedoch nicht möglich, denn dann könnten wir die Expedition gar nicht durchführen. Eine gewisse Grundgefahr müssen wir also in Kauf nehmen. Aber über Schutzkleidung und organisatorische Maßnahmen können wir die Gefahr deutlich minimieren.

Was ist das für eine Schutzkleidung?

Da die Forschungsarbeiten teilweise direkt an der Eiskante stattfinden, können wir nicht ausschließen, dass jemand ins Wasser fällt. Der klassische Expeditionsoverall saugt sich dann mit Wasser voll und ist nach einer Minute so schwer, dass er einen in die Tiefe zieht. Damit hat man keine Chance. Wir haben jetzt sogenannte Flotation Suits mit Auftrieb ausgesucht. Zusätzlich werden sich alle Expeditionsteilnehmer, die nahe an der Eiskante arbeiten, noch mit Auffanggurt, Leine und Eisschraube sichern.

Was müssen die Teilnehmer beachten, wenn sie das Schiff verlassen?

Jeder muss sich ausloggen, damit wir immer wissen, wie viele Leute gerade auf dem Eis sind. Wir achten auch darauf, dass niemand alleine auf dem Eis arbeitet. Und wir möchten ein Alarmierungssystem, wie es auch auf der NeumayerStation verwendet wird, installieren: Wenn sich jemand ausloggt und nicht zur angemeldeten Zeit zurück ist, zeigen alle Computer an Bord einen Alarm an. Wichtig ist auch, dass immer alle nach den Vorgaben gekleidet und ausgerüstet sind. Wer sich weiter vom Schiff entfernt, muss Notfallboxen mit Zelt, Isomatte, Kocher und Proviant dabeihaben. Draußen übernachten sollte man aber nur im Notfall.

Sie waren bei einem Training in Finnland. Haben Sie neue Risiken bemerkt?

Ich habe mit den Teilnehmern geübt, wie sie am besten mit der Sicherheitsausrüstung umgehen, und mir genau angeschaut, wie sie Proben auf dem
Meereis entnehmen: Wie gehen sie dabei vor? Wie zieht man einen Eisbohrkern? Und was bedeutet das alles aus sicherheitstechnischer Sicht? Dabei bin ich mir tatsächlich ganz neuer Probleme bewusst geworden. Wenn fünf Leute gleichzeitig auf engem Raum an einem Eisloch arbeiten, können sie sich nicht alle mit einer Leine sichern. Sonst verheddern sie sich nach kurzer Zeit zu einem Wollknäuel.

Die vermutlich unberechenbarste Gefahr geht von Eisbären aus. Wie bereiten Sie sich darauf vor?

Das ist tatsächlich ein großes Thema. Wir richten einen halbkreisförmigen Sektor vor dem Schiff ein. In diesem Radius von mehreren Hundert Metern können sich die Wissenschaftler frei bewegen. Hier beobachten sechs professionelle Eisbärenwächter ständig die Umgebung. Wenn sich eine Gruppe weiter entfernt, muss jemand mit einem Gewehr dabei sein. Deshalb absolvieren auch viele Teilnehmer vorab ein Schießtraining.

Was passiert, wenn dann wirklich ein Eisbär auftaucht?

Wenn er ein paar Kilometer entfernt am Horizont zu sehen ist, arbeiten die Forscher in der Regel weiter und beobachten sein Verhalten. Ab einer bestimmten Distanz werden die Arbeiten unterbrochen. Wer in Schiffsnähe ist, geht an Bord, ansonsten gibt es Sammelplätze. Wir versuchen den Bären zunächst mit Trillerpfeifen, Knall-, Leuchtmunition oder Drucklufttröten, wie man sie aus dem Fußballstadion kennt, zu vertreiben. Um zu verhindern, dass sich ein Eisbär unbemerkt nähert, haben wir an manchen Punkten einen Stolperdraht mit Knall- oder Leuchtmunition oder einen Stromzaun errichtet. Auf dem Schiff sind zudem zwei Infrarotsysteme angebracht und die Eisbärenwächter sind mit Nachtsichtgeräten ausgestattet.

Was passiert, wenn einmal jemand medizinische Hilfe benötigt?

Auf jedem Fahrtabschnitt wird ein Arzt dabei sein, und an Bord gibt es einen voll ausgestatteten Operationsraum. Wir bereiten aber auch mögliche Evakuierungswege vor, um bei einem medizinischen Notfall jemanden mit Helikoptern oder Eisbrechern ans Festland zu bringen.

Die Expeditionsteilnehmer werden mehrere Monate lang auf der Polarstern leben. Was bedeutet das aus psychologischer Sicht?

Wir gehen davon aus, dass es Zeiten geben wird, in denen der Nebel so dicht ist, dass wir vielleicht eine Woche oder länger nicht nach draußen können. So eine Isolation sorgt natürlich für Frust. Belastend ist vor allem auch das Wissen, nicht wegzukönnen, egal was zu Hause gerade passiert. Psychologische Themen sind deshalb genauso wichtig für uns wie der restliche Arbeitsschutz.

MOSAiC-Expedition: Die Vermessung einer schwindenden Welt

Historisches Vorbild: Fridjof Nansen auf dem Weg zum Nordpol

MOSAiC-Website (Englisch)

12.09.2019 , Interview: Sebastian Grote

Leserkommentare

Kommentar hinzufügen

Ihr Kommentar wird nach dem Absenden durch unsere Redaktion geprüft und dann freigegeben, wir bitten um etwas Geduld. Bitte beachten Sie auch unsere Kommentarregeln.

Your comment will be checked by our editors after sending and then released, we ask you for a little patience.

Keine Kommentare gefunden!
Druck-Version