Die Fram im Eis. Bild: Wikimedia/National Library of Norway

Historisches Vorbild

Fridtjof Nansen auf dem Weg zum Nordpol

Ein spektakuläres Schiff und sensationelle wissenschaftliche Erkenntnisse: Die Fram-Expedition des norwegischen Forschers Fridtjof Nansen legte Ende des 19. Jahrhunderts den Grundstein für unser Wissen über die Nordpolarregion – und für die größte Nordpolexpedition aller Zeiten.

„Nachmittags – wir saßen gerade müßig und plauderten – entstand ganz plötzlich ein ohrenbetäubendes Getöse und das ganze Schiff erzitterte. Es war die erste Eispressung. Alle Mann stürzten an Deck, um zuzusehen. Die Fram verhielt sich wundervoll, wie ich es von ihr erwartet hatte.“ Als Fridtjof Nansen dies für den 9. Oktober 1893 in sein Tagebuch schrieb, hatte sich sein revolutionärer Ansatz für eine Entdeckungsfahrt an den Nordpol in der Praxis bewährt. Bis der Norweger sich mit seiner 13-köpfigen Mannschaft von 1893 bis 1896 auf den Weg in die Arktis machte, war das Nordpolargebiet weitgehend terra incognita. Die Fram war ein Segelschiff aus Holz. Das größte Hindernis für Entdecker: Schiffe liefen Gefahr, zwischen den mächtigen Eisschollen zerquetscht zu werden. Ebendiese Naturkräfte wollte Nansen sich zunutze machen.

Das Schiff musste den Kräften des Eises standhalten, denn Nansen ließ die Fram bewusst im Eis einfrieren. In den Jahren zuvor hatte er immer mehr Erkenntnisse über die natürliche Drift, die das Meereis in Richtung Nordpol schob, gesammelt. Statt auf dem Meer zu segeln, sollte es sich - eingefroren im Eis -  tragen lassen. Erste Hinweise darauf, dass Eisschollen sich in einer bestimmten Richtung über das Nordpolarmeer bewegen, hatten Wrackteile eines Forschungsschiffs gegeben, die Jahre nach dem Untergang nördlich von Sibirien tausende Kilometer weiter weg wieder auftauchten. Nansen, dem 1888 die erste Durchquerung Grönlands über das Inlandeis gelang, hatte auf dem Weg dorthin die Drift ebenfalls beobachtet: Er fuhr von Norwegen nach Grönland. Vor der Ostküste Grönlands trieb ihn die Strömung samt Eis aus dem Nordpolarmeer nach Süden. „Auf dieser Reise entstand seine Idee, mithilfe der Drift zum Nordpol zu gelangen“, sagt Cornelia Lüdecke, Vorsitzende des Arbeitskreises Geschichte der Polarforschung bei der Deutschen Gesellschaft für Polarforschung. „Hierfür konstruierte Nansen ein Schiff ganz neuer Art, das sich vom Packeis tragen ließ.“

Anders als herkömmliche Schiffe jener Zeit erhielt die Fram (norwegisch „vorwärts“) keinen V-förmigen Rumpf, sondern einen runden – mit besonders glatter Oberfläche. Der gewünschte Effekt: Das Schiff wurde von pressenden Eisschollen angehoben und lag dann sicher im driftenden Eis. Die Konstruktion ist durch Verstrebungen extrem verstärkt worden – und mit Wärmedämmung versehen. Einen Nachteil hatte die Form des Schiffes zwar: Auf hoher See rollte es bei starkem Wellengang sehr. „Das fiel auf dem relativ kurzen Weg, die norwegische Küste entlang bis in Nordpolarmeer, kaum ins Gewicht“, so Lüdecke. „Als Roald Amundson 1910 mit der Fram gen Südpol fuhr, machte sich das stärker bemerkbar.“ Bereits 1901 bis 1903 hatte man in Deutschland, angelehnt an Nansens Konstruktion, das Forschungsschiff „Gauß“ gebaut. Hochseetaugliche Eisbrecher lösten im 20. Jahrhundert diesen Schiffstyp dann ab. Die Fram hat nach mehreren Expeditionen schließlich ihren Ruhesitz in Oslo gefunden, in seinem eigenen Museum.

Das Schiff legte 1893 in Oslo ab, mit Proviant für fünf Jahre. Kurs: Nordostpassage, Richtung Wrangelinsel, wo das besagte Forschungsschiff gesunken war. Der Plan: Die Drift trägt die Fram von dort über den Norpol bis nach Grönland , wo die Wrackteile gefunden worden waren. Niemand wusste wie lange die Reise dauern und ob es überhaupt eine Wiederkehr geben würde. „Abgesehen vom Schiff war die Expedition vor allem wissenschaftlich eine Sensation“, betont Lüdecke. „Das ist auch dem Umstand zu verdanken, dass Nansen als Doktor der Zoologie eine umfangreiche akademische Expertise mitbrachte.“ Viele Entdecker jener Zeit seien Abenteurer gewesen – und systematische empirische Datenerfassung auf deren Fahrten ins Unbekannte nicht die Regel. Astronomische Messungen zur Bestimmung des eigenen Ortes gehörten noch zu den Standards. Ohne diese Orientierung hätten Seefahrer und Entdecker wohl kaum wieder zurück in die Heimat gefunden. Nansens Mannschaft erhob darüber hinaus aber weitere Daten in erheblichem Umfang. „Über die gesamten drei Jahre dieser Expedition sind uns meteorologische Messungen aus der Nordpolarregion erhalten“, sagt Lüdecke. „Dies ist von großem Wert für jeden Forscher, der sich mit dieser Region befasst.“ 

Auch die Tiefe des Ozeans ließ Nansen auf seiner Route regelmäßig ausloten. Hierbei wurden überraschende Tiefen von 3.000 bis 4.000 Metern vermessen. Kabel in der entsprechenden Länge waren im Gepäck. Auch Wasserproben aus den verschiedenen Tiefen wurden genommen. Mit den ersten Vorstellungen von der beachtlichen Tiefe des Polarbeckens kam auch eine weitere Erkenntnis: Land war dort nicht mehr zu erwarten. Die Vermutung, dass sich von Grönland aus vielleicht ein schmaler Landstreifen bis über den Nordpol hinaus in Richtung Wrangelinsel zieht, hatte sich damit erledigt. 

Doch die Hoffnung, mithilfe der Drift bis zum Nordpol zu gelangen, zerschlug sich. Am 8. Januar 1894 brach die Expedition immerhin den alten Nordrekord von 1882 durch Brainard, Lockwood und Christiansen. Nansen berechnete anhand der Driftrichtung und ihrer geringen Driftgeschwindigkeit allerdings, dass es bis zu fünf Jahre dauern könnte, mit dem Schiff den Nordpol zu erreichen. Deshalb brachen am 14. März 1885 Nansen und sein erfahrenster Hundeführer Hjalmar Johansen mit Hundeschlitten in Richtung Nordpol auf. Die restliche Mannschaft blieb an Bord und setzte die umfangreichen Messreihen fort. 

Am 8. April, 368 Kilometer vom Pol entfernt, kommt Nansen zu dem Schuss „dass es unmöglich ist, den Pol zu erreichen. Wir müssen umkehren. Früher oder später.“ Die beiden wenden sich nach Süden und überwintern auf Franz-Joseph-Land. Dann treffen sie zufällig auf den britischen Polarforscher Frederick Jackson, dessen Versorgungsschiff sie nach Norwegen bringt. Eine Woche später kehrt auch die „Fram“ zurück. Das Eis hatte sie in weitem Bogen um Franz-Joseph-Land und Spitzbergen getragen. Mit dieser Reise haben Nansen und seine Mannschaft den Grundstein für unser Wissen über die Nordpolarregion gelegt. Auch heutige Arktis-Expeditionen wie MOSAiC profitieren von den wissenschaftlichen Erkenntnissen, die damals gewonnen worden sind.

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24.09.2019 , Lars Klaaßen

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