Bild: Sarah Kaehlert/GEOMAR

„Die nächsten zehn Jahre sind entscheidend“

Seit Oktober 2020 leitet Katja Matthes das Kieler Forschungszentrum GEOMAR. Die sportbegeisterte Klimawissenschaftlerin ist überzeugt: Die Ozeane können viel mehr zum Klimaschutz beitragen. Zur Not muss man etwas nachhelfen.

Ihre Position ist unbequem und wird auch künftig Widerspruch hervorrufen. „Aber anders werden wir es kaum schaffen, die Erderwärmung deutlich unter zwei Grad zu halten“, sagt Katja Matthes. „Weil der Ausstoß an Treibhausgasen nicht schnell genug abnimmt, müssen wir ernsthaft ausloten, wie Kohlendioxid aktiv aus der Atmosphäre entfernt werden kann.“ Climate Engineering nennen sich solche Eingriffe und sie sind gerade hierzulande heftig umstritten. Dazu gehört etwa das Einlagern von CO2 in tiefen Erdschichten, bezeichnet als CCS (Carbon Capture and Storage). In Norwegen wird es praktiziert, weitere europäische Länder wollen die Technologie ebenfalls nutzen, in Deutschland indes erscheint das nach den Protesten vergangener Jahre undenkbar. „Noch“, fügt Katja Matthes hinzu. Sie möchte Climate Engineering nicht als Allheilmittel propagieren, aber doch erreichen, dass vorurteilsfrei Chancen und Risiken abgewogen werden. „In der Atmosphäre ist COjedenfalls am schlechtesten aufgehoben.“

Als neue Direktorin des GEOMAR Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung Kiel hat ihre Stimme Gewicht. „Wir Forscherinnen und Forscher müssen uns mehr in gesellschaftliche Debatten einmischen“, sagt sie. Der Lage sei sehr ernst: Die Temperaturen steigen so schnell wie es die Erde seit Jahrmillionen nicht erlebt hat, was die Umwelt und ihre Anpassungsfähigkeit extrem herausfordert. „Ich befürchte, dass große Teile unseres Planeten unbewohnbar werden, wenn wir nicht innerhalb der kommenden Jahre entschlossen dagegen vorgehen“, sagt die Klimawissenschaftlerin.

Dass die Erderwärmung auf die Menschheit zurückzuführen ist, steht für sie außer Frage. Natürliche Klimavariationen spielten nur eine sehr untergeordnete Rolle. Katja Matthes hat diese selbst erforscht. Geboren und aufgewachsen in Berlin, studierte die heute 45-Jährige an der Freien Universität Meteorologie und wandte sich bald der Stratosphärenforschung zu.

Sie promovierte ebenfalls an der FU Berlin und ging als Postdoktorandin ans National Center for Atmospheric Research in Boulder (Colorado/USA). Zurück in Deutschland lehrte und forschte sie an der FU Berlin sowie am Helmholtz-Zentrum Potsdam – Deutsches GeoForschungsZentrum (GFZ) hauptsächlich zu natürlichen Klimavariationen, die beispielsweise auf die schwankende Aktivität der Sonne zurückgehen. 2012 wechselte sie ans GEOMAR und setzt seitdem ihre Forschungen in Kiel fort. Katja Matthes wird zudem auf eine Professur an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel berufen, ist Expertin in verschiedenen Gremien und schreibt mit am jüngstem Sachstandsbericht des Weltklimarats IPCC.

„Selbstverständlich hat beispielsweise der 11-Jahres-Zyklus der Sonne mit der schwankenden Anzahl an Sonnenflecken einen Einfluss“, sagt die Forscherin und beginnt zu erklären, was das Mehr an Strahlung in der Hochatmosphäre bewirkt, wie mittelbar Ozongehalt und Temperatur in der mittleren Atmosphäre steigen, wie sich Zirkulationsmuster ändern und schließlich lokal ein bis zwei Grad mehr an der Erdoberfläche gemessen werden. „Aber“, schließt sie, „dies sind zyklische Schwankungen, die die Vorhersagbarkeit verbessern könnten, sich über die Zeit betrachtet jedoch ausgleichen.“

Auch solare Variationen über mehrere Jahrzehnte hinweg sollten nicht überschätzt werden. „Wenn man deren Effekt auf die gesamte Erdkugel mittelt, ist er minimal.“ Darum müsse Klimaschutz noch viel entschlossener vorangetrieben werden als es bisher der Fall ist. „Die nächsten zehn Jahre sind entscheidend“, sagt Katja Matthes in einem erstaunlich ruhigen Tonfall. Den schrillen Ton, den auch manche Forscher bei diesem Thema wählen, unterlässt sie. Ihr geht es darum, Lösungen zu finden, die nachhaltig und mehrheitsfähig sind.

„Als Direktorin eines Ozeanforschungszentrums sehe ich natürlich vor allem das Potenzial der Meere, schließlich machen sie rund 70 Prozent der Erdoberfläche aus.“ Sie mildern den Klimawandel ab, indem sie viel Wärme sowie Kohlendioxid aus der Atmosphäre aufnehmen. Diese Pufferwirkung wollen Forscher wie Matthes stärken, beispielsweise durch Schutz und Förderung von Mangrovenwäldern und Seegraswiesen, die viel CO2 binden. Eine andere Option könnte sein, gemahlenes Gestein ins Meer zu bringen und so natürliche Verwitterungsreaktionen zu beschleunigen, die ebenfalls CO2 binden und damit neutralisieren.

Auf dem Papier sieht das einfach aus, aber woher sollen die Gesteinsmengen kommen und welche Folgen hätte das Verfahren für die Meeresumwelt? Genau zu solchen Fragen forscht das GEOMAR. „Es genügt aber nicht, gute Wissenschaft zu machen und fundierte Aussagen zu treffen – sie müssen auch in die Gesellschaft getragen werden“, sagt Katja Matthes. Daher verbringt die neue Direktorin viel Zeit damit, mit Politikern und Bürgern ins Gespräch zu kommen, deren Argumente zu hören und die eigenen darzustellen. Sie ist optimistisch: „Die Coronakrise hat gezeigt, dass das Vertrauen in die Wissenschaft groß ist und ebenso die Bereitschaft, bestimmte Verhaltensweisen zu ändern.“ Wenn es gelingt, dies auf den Klimaschutz zu übertragen, wäre viel gewonnen.

Am GEOMAR sind einige Schritte bereits geschafft. Dienstreisen beispielsweise werden im In- und nahen Ausland nur noch per Bahn absolviert und der Klimaeffekt von Flugreisen kompensiert. Katja Matthes selbst versucht gemeinsam mit ihrer Familie ressourcenschonend zu leben: wenig Plastik, wenig Fleisch, Erdwärmeheizung fürs Haus und Solarstromanlage auf dem Dach. Die 14 Kilometer von zu Hause bis zum Büro fährt sie so oft es geht mit dem E-Bike. „So bleibe ich wenigstens ein bisschen in Bewegung.“ Normalerweise treibt sie viel Sport, Walking am Strand, um den Kopf frei zu bekommen, zweimal in der Woche Schwimmtraining. Doch wegen der Coronavirus-Pandemie ist die Schwimmhalle geschlossen und der neue Job lässt in den ersten Wochen kaum Zeit für anderes.

Das soll sich ändern, hat sich Katja Matthes vorgenommen. „Deutlich mehr als 40 Stunden in der Woche zu arbeiten hält keiner auf Dauer durch, jeder braucht Zeit zum Ausgleich, für Familie und Hobbys“, sagt sie. In dieser Hinsicht sei das Wissenschaftssystem hierzulande oft noch rückständig. Vor allem in der Postdoc-Phase sei die Arbeitsbelastung enorm und zugleich die Unsicherheit, wie es weitergehe. „Das wollen wir ändern und unseren Forscherinnen und Forschern eine klare Perspektive bieten.“

Noch so eine unbequeme Position, die Zeit braucht, um sich durchzusetzen. Katja Matthes macht sich dafür stark.

11.01.2021 , Ralf Nestler

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