Energiewende

"Die Weichen sind richtig gestellt"

Prof. Dr.-Ing. Holger Hanselka, Jahrgang 1961, ist Präsident des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) und Vizepräsident für den Forschungsbereich Energie der Helmholtz-Gemeinschaft. Bild: Andrea Fabry, KIT

Sektorenkopplung, neue Speichertechnologien, Digitalisierung des Energiesystems. Holger Hanselka, Vizepräsident für den Forschungsbereich Energie der Helmholtz-Gemeinschaft, über die Herausforderungen der Energiewende und die Energiepolitik der neuen großen Koalition.

Herr Hanselka, die neue Bundesregierung hat die Arbeit aufgenommen. Im Koalitionsvertrag sind die Grundzüge der Energiepolitik grob beschrieben. Vor der Wahl haben Sie in einem Interview die Hoffnung geäußert, dass die Politik in Sachen Energiewende Kurs hält. Sind Sie mit den Ergebnissen zufrieden?

Wir haben uns mit der Energiewende langfristige Ziele gesetzt. Um sie zu erreichen, ist es notwendig, sie über Legislaturperioden hinweg mit gleicher Intensität zu verfolgen. Daher bin ich sehr zufrieden mit den Aussagen des Koalitionsvertrages. Viele Aspekte der Forschung, die für das Gelingen der Energiewende und eine nachhaltige Gestaltung der Energieversorgung notwendig sind, werden in dem Papier adressiert. Natürlich ist es nun wichtig, dass die Vorgaben im Koalitionsvertrag von der Politik auch so umgesetzt werden.

Erneuerbare müssen weiter massiv ausgebaut werden. Sind die Weichen hierzu richtig gestellt? Was müsste konkret passieren, damit die Ziele erreicht werden?

Ja, grundsätzlich sind die Weichen richtig gestellt. Es ist in jedem Fall wichtig, die Ziele ambitioniert zu halten, das heißt, einen hohen Zielwert für die Erneuerbaren vorzusehen. Dennoch dürfen wir ökonomische Randbedingungen nicht aus dem Blick verlieren. Für alle Seiten gilt: Der Verlässlichkeit der Ziele und Fördermaßnahmen kommt höchste Bedeutung zu, denn Planbarkeit ist für die Wirtschaft, für die Forschung wie für die Gesellschaft wichtig.

Stichwort Sektorenkopplung: Gehen die anvisierten Maßnahmen aus Ihrer Sicht in die richtige Richtung? Welche Rolle spielen die Reallabore dabei?

Die Kopplung der Sektoren Strom, Wärme und Mobilität in Kombination mit Speichertechnologien ist ein wesentlicher Bestandteil, um ein nachhaltiges und gleichzeitig versorgungssicheres Energiesystem aufzubauen. Dabei spielt vor allem auch die Digitalisierung eine zentrale Rolle. Denn ohne die intelligente Steuerung der verschiedenen Energienetze ist das anvisierte Energiesystem der Zukunft nicht realisierbar. Und wir brauchen hierzu mit Blick auf den Datenschutz auch die IT-Sicherheit. Bei allem spielen die Reallabore eine wichtige Rolle, denn genau sie sind der Ort, wo wir neue Ideen realisieren und erproben können. Und wo wir die Vor- und Nachteile der verschiedenen Systemansätze identifizieren können, um einen möglichst optimalen Weg für unsere künftige Energieversorgung zu finden.

Im Bereich der Energieforschung stehen synthetische Kraftstoffe, Speichertechnologien, CO2-arme Industrieprozesse im Fokus …

Diese Forschungsfragen sind im Koalitionsvertrag zu Recht adressiert. Noch wichtiger ist aber ein weiterer Punkt, der auch im Koalitionsvertrag genannt wird: Nämlich die Systemlösungen, denn wir müssen das Energiesystem der Zukunft ganzheitlich betrachten. Die Sektorenkopplung beispielsweise ist hier ein wichtiger Beitrag. Uns muss klar sein, die Herausforderungen an das Gesamtsystem sind gewaltig. Die erneuerbaren Energien sind ein wichtiger Bestandteil des künftigen Energiesystems. Allerdings haben sie die Eigenschaft, dass die Einspeisung aus Wind und Sonne stark schwankt. Daher brauchen wir auch grundlastfähige erneuerbare Energien und vor allem gute Speichertechnologien. Auch wird das künftige Energiesystem deutlich dezentraler angelegt sein als heute.

Welche Rolle kann die Helmholtz-Gemeinschaft dabei spielen?

Eine große Rolle. Denn gerade im Bereich der synthetischen Kraftstoffe, Speichertechnologien und mit Blick auf CO2-arme Industrieprozesse ist die Helmholtz-Gemeinschaft sehr gut aufgestellt und liefert bereits heute wichtige Beiträge zur Forschung und auch zur Umsetzung in die Praxis. Ein Beispiel ist die bioliq-Pilotanlage am KIT, die umwelt- und motorenverträgliche synthetische Kraftstoffe aus Restbiomasse liefert. Intensive Forschung zur Energiespeicherung wird an mehreren Helmholtz-Zentren und in den beiden Helmholtz-Instituten in Ulm und in Münster betrieben.

Der Transfer von Forschungsergebnissen in die Praxis soll beschleunigt werden, u. a. durch den leichteren Zugang zur Forschungsförderung für Start-ups. Was halten Sie von dieser Idee?

Die Start-up-Kultur ist zweifellos ein sehr wichtiger – und derzeit in Deutschland noch zu wenig ausgeprägter – Ansatz, um Innovationen rasch in den Markt zu bringen. Die Helmholtz-Gemeinschaft hat diese Herausforderung erkannt und verfolgt dieses Ziel mit zahlreichen Instrumenten zur Förderung der Start-up-Kultur oder mit Inkubatoren, welche Start-ups den Eintritt in die Selbständigkeit und in den Markt erleichtert.

Im Bereich der Energieforschung investiert die neue Bundesregierung. Ist eine bessere Koordination der Forschungsförderung wünschenswert?

Bei der Energieforschung gab und gibt es mehrere Ministerien, die zuständig sind: Das sind zunächst das Bundesforschungsministerium sowie das Ministerium für Wirtschaft und Energie, außerdem auch das Bundesumweltministerium und das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft. Der Koalitionsvertrag bietet durch seine übergreifende Sichtweise einen guten Ansatz für ein künftig vorausschauendes und abgestimmtes Vorgehen der Ministerien bei der Forschungsförderung.

Was sind aus Ihrer Sicht nun die wichtigsten und dringendsten Schritte, die gegangen werden müssen, um die im Koalitionsvertrag beschriebenen Maßnahmen umzusetzen?

Das wichtigste ist, dass nach einer längeren Periode der Ungewissheit die Regierung und die Ministerien nun wieder voll handlungsfähig werden. Die Helmholtz-Gemeinschaft steht mit allen relevanten Playern in Kontakt, um zeitnah die wichtigen Aussagen im Koalitionsvertrag in konkrete Forschungsarbeiten umzusetzen. Wir sind auch deshalb mit dem Koalitionsvertrag sehr zufrieden, weil sich viele Dinge wiederfinden, die wir bereits für die nächste Periode der Programmorientierten Förderung als von zentraler Bedeutung identifiziert haben. Ein Beispiel ist das geplante Programm Energiesystemdesign, in welchem wir zentrale Fragen zur Energiesystemanalyse und zur Digitalisierung und Systemtechnik adressieren.

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04.04.2018 , Interview: Martin Trinkaus
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