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Illustration: Kathrin Schüler

Mythos Fachkräftemangel?

Wirtschaftsexperten warnen, dass 2020 bis zu 1,3 Millionen Fachkräfte auf dem Arbeitsmarkt fehlen werden. Doch der Befund ist umstritten. Der erste Teil einer Serie über große Zahlen, wie sie zustande kommen und was sie wirklich aussagen.

Gibt es in Deutschland zu wenige Ingenieure und Naturwissenschaftler sowie Facharbeiter und Meister? Über einen möglichen Engpass in technischen Berufen streiten Ökonomen seit Jahren. Die Debatte wird mittlerweile in Massenmedien geführt: Im Juli letzten Jahres zeigte die ARD im Abendprogramm eine Doku, in der die These angezweifelt wird, dass besonders in technischen Berufen ein Engpass auf dem Arbeitsmarkt drohe. Titel: „Das Märchen vom Fachkräftemangel“. Doch das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) lässt sich von solcher Kritik nicht beirren und hält in seinem aktuellen MINT-Report an dem Negativ-Befund fest. Bis 2020 würden bis zu 1,3 Millionen Fachkräfte fehlen, heißt es dort.

Karl Brenke, Arbeitsmarktexperte am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), glaubt dieser Prognose nicht. Das IW hätte wichtige Faktoren nicht berücksichtigt, sagt er. Dazu zählt er „die Einwanderung von jungen Migranten oder auch Rationalisierungsprozesse, etwa personelle Umstrukturierungen oder der Einsatz arbeitssparender Anlagen, die den Fachkräftebedarf der Industrie senken“. Zudem gehe das IW von einem stetigen Wachstum der deutschen Industrie aus – wofür es aber keine Belege gebe. Alles in allem vermutet Brenke, dass es überhaupt keinen Fachkräftemangel geben wird. „Hinter den Schreckensmeldungen stecken die Interessen von Arbeitgebern. Sie wollen so viele junge Menschen wie möglich ermuntern, eine Karriere in einem MINT-Beruf einzuschlagen. Je mehr Absolventen in diesem Segment miteinander konkurrieren, desto weniger stehen die Arbeitgeber unter Druck, die Löhne zu erhöhen.“

Das IW weist die Vorwürfe zurück. Um sie zu entkräften, führt Oliver Koppel, Mitautor des MINT-Reports, die Methodik der Studie ins Feld: Seiner Ansicht nach ist sie gut durchdacht. „Nehmen wir zum Beispiel den Kritikpunkt, dass wir Rationalisierungsmaßnahmen nicht berücksichtigt hätten. Das haben wir mit gutem Grund nicht getan, weil sie lediglich den Bedarf an geringqualifizierten Arbeitnehmern reduzieren, zum Beispiel Lagerarbeitern, nicht aber den Fachkräftebedarf.“ Ebenso wenig angebracht findet Koppel den Einwand, der Zustrom junger Talente aus dem Ausland sei nicht einkalkuliert worden: „Die Einwanderung von Migranten ist in unsere Prognose eingeflossen. Wir gehen wie die amtliche Bevölkerungsvorausberechnung von einer jährlichen Zuwanderung in Höhe von 100.000 Personen aus.“ Glaubt man Koppel, kann Einwanderung allerdings kein Allheilmittel sein. Man dürfe nicht vergessen, dass „ein wichtiges Segment für MINT-Berufe von der Migration kaum profitiert – unser duales Ausbildungssystem. Das liegt zum Beispiel daran, dass es neben Deutschland nur zwei Länder gibt, die über ein duales Ausbildungssystem verfügen, so dass die gesuchten Qualifikationen im Ausland kaum hervorgebracht werden.“ Zudem hält Koppel die Annahme, dass die Wirtschaft weiter wachsen wird, für gut begründet: „Das Szenario einer wachsenden Wirtschaft ist durch einen langen Untersuchungszeitraum abgesichert. Wir gehen davon aus, dass die Industrie weiter expandiert. Denn in Deutschland sind zuletzt neue, vielversprechende Branchen entstanden, etwa im Zusammenhang mit der Energiewende oder mit IT-Innovationen. Allein in der letzten Dekade ist die Beschäftigung von MINT-Facharbeitern jedes Jahr um mehr als 100.000 gestiegen.“

Ein selbstbewusster Blick in die Zukunft, der den Arbeitsmarktexperten Karl Brenke vom DIW kaum überzeugen dürfte. Auf eine eigene Studie zum Fachkräftebedarf in MINT-Berufen kann sein Forschungsinstitut indes nicht verweisen. Demnächst publiziert Brenke allerdings einen Aufsatz, der sich ganz speziell mit dem Ingenieursbedarf befasst, eingebettet in einem Sammelband des Düsseldorfer Bildungsforschers Heiner Barz. Darin kommt Brenke zu dem Schluss, dass es in den nächsten Jahren eher eine Ingenieursschwemme als einen Ingenieursmangel geben werde. Die Arbeitsmarktökonomen vom IW und vom DIW, sie vertreten Ansichten, die konträrer nicht sein könnten.

02.03.2015 , Philipp Wurm
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