Interview

„Wir haben keine Zeit zum Verschnaufen“

Jubel nach der Entscheidung: Das KIT ist Exzellenzuniversität! v.l.n.r.: Holger Hanselka, Präsident des KIT, Oliver Kraft, Vizepräsident für Forschung am KIT, Alexander Wanner, Vizepräsident für Lehre und akademische Angelegenheiten,Thomas Hirth, Vizepräsident für Innovation und Internationales. Bild: KIT/Markus Breig

Das Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist eine der kürzlich gekürten Exzellenzuniversitäten. Das ist ein großartiger Erfolg, sagt deren Präsident Holger Hanselka. Ein Grund zum Ausruhen sei es aber nicht – ganz im Gegenteil.

Herr Hanselka, am 19. Juli wurden die elf Exzellenzuniversitäten bekanntgegeben. Das KIT war eine davon. Wie haben Sie den Tag der Entscheidung erlebt?

Das war für uns alle ein wunderbarer Tag. Wir haben uns im wichtigsten und härtesten Wettbewerb für Universitäten in Deutschland durchgesetzt. Damit konnten wir die Früchte jahrelanger Arbeit ernten. Das haben wir gefeiert.

Außerdem hatten Sie im eigenen Bundesland harte Konkurrenz. Es gab gleich sechs Bewerber in Baden-Württemberg, gegen die Sie sich durchsetzen mussten.

Das stimmt wohl, Baden-Württemberg ist ein starker Standort und es haben dann ja auch vier Universitäten in Baden-Württemberg den Titel „Exzellenzuniversität“ errungen. Aber es war ein Wettbewerb von 19 hervorragenden Universitäten, bei denen am Ende nicht mit der Gießkanne über alle Bundesländer hinweg entschieden wurde.

Gerade das hat auch zu Kritik geführt. Es ist zum Beispiel vom abgehängten Osten die Rede.

Das kann ich nicht nachvollziehen. Mit der Humboldt-Uni in Berlin und der Technischen Universität Dresden gibt es zwei exzellente Standorte in den ostdeutschen Ländern. Die Charité kann man ebenfalls noch dazuzählen. Nach dem Königsteiner Schlüssel …

… der festlegt, wie einzelne Länder an gemeinsamen Finanzierungen zu beteiligen sind …

… ja, auch nach diesem Schlüssel kann ich hier keine Benachteiligung ostdeutscher Länder sehen.

Kommen wir noch einmal zurück zum Tag der Entscheidung. Heißt das, Sie haben sich jahrelang auf den Wettbewerb vorbereitet?

Ich bin vor sechs Jahren nach Karlsruhe gekommen, nachdem das Karlsruher Insitut für Technolgie (KIT) den Exzellenztitel der ersten Runde gerade verloren hatte. Damals hat das KIT nach strukturellen Änderungen und inhaltlicher Erneuerung gesucht, um den Weg zurück in die Exzellenz zu finden. Diese wissenschaftlichen Themen herauszuarbeiten und die passenden Strukturen zu identifizieren und aufzubauen, war einer der vom Aufsichtsrat an mich adressierten Aufträge. Insofern war die erneute Gewinnung des Exzellenztitels auch für mich persönlich ein sehr schönes Ereignis, denn ich hatte ja diesen Auftrag im Rucksack. Unsere Dachstrategie KIT 2025 habe wir im Herbst 2015 verabschiedet. Daraus konnten wir alle Maßnahmen für unseren Antrag für die Förderlinie Exzellenzuniversität ableiten. Im weiteren Kreis haben rund 300 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Wissenschaft und Verwaltung gemeinsam mit dem Präsidium den Antrag die die Exzellenzuniversität erarbeitet, aufbauend auf ersten Konzeptentwürfen in 2017. Mit dieser hervorragenden Teamarbeit haben wir das bestmögliche Ergebnis erzielt.

Hält die Feierstimmung denn noch an?

Aber sicher. Ein solch schönes Ergebnis wirkt nachhaltig positiv. Einen deutlichen Stimmungswandel konnten wir aber schon Anfang März sehen, nachdem die Begehung mit den internationalen Gutachterinnen und Gutachtern stattgefunden hatte. Auf diesen Termin hatten wir intensiv hingearbeitet und im Anschluss das Gefühl, dass wir alle das Bestmögliche gegeben haben. Das hieß für uns nicht, dass wir davon ausgegangen sind, wir hätten gewonnen. Aber wir haben alles gegeben, was möglich war und damit alle Chancen gewahrt. Das hat für uns am KIT ein sehr positives Grundgefühl geschaffen.

Was bedeutet die Exzellenzförderung denn jetzt konkret fürs KIT? Was machen Sie mit dem Geld?

Wie hoch die finanzielle Förderung konkret sein wird, erfahren wir erst noch. Wir gehen von einem jährlichen Betrag zwischen 12 und 15 Millionen Euro aus. Dieses Geld hat eine klare Verwendung. Das ist in dem Exzellenzantrag festgelegt, in dem wir die Ziele detailliert beschrieben und mit budgetierten Maßnahmen hinterlegt haben. Das heißt, wir haben jetzt kein zusätzliches Geld, über das wir frei verfügen können. Der Exzellenzantrag ist vielmehr unser Projektplan. Das Geld fließt ab 1. November 2019. Aktuell sind wir dabei, die Projektpläne zu konkretisieren und die Teams zusammenzusetzen. Wir haben also keine Zeit, um uns auf dem Erfolg auszuruhen. Das ist keine Option. Zudem wird im Herbst die strategische Begutachtung der Helmholtz-Gemeinschaft stattfinden. Das wird uns zusätzlich in Atem halten.

Sie haben sich mit dem Konzept „Die Forschungsuniversität in der Helmholtz-Gemeinschaft – Living the Change“ beworben. Was bedeutet das konkret?

Wir haben dieses Leitmotiv gewählt, weil wir uns selbst seit unserer Gründung vor zehn Jahren in einem steten Umstrukturierungsprozess befinden. Wir wissen also aus eigener Erfahrung, was Wandel bedeutet. In diesem Sinn wollen wir drei Facetten vorantreiben: Die interdisziplinäre Spitzenforschung und deren Agilität, den Austausch zwischen Wissenschaft und Gesellschaft mit Rückwirkung auf das Agenda-Setting des KIT und die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses. Diese drei Maßnahmenpakete sind in einen Kulturwandel eingebettet, in dem wir am KIT die konkreten Erfordernisse für mehr Chancengleichheit und Diversität in den Blick nehmen.

Um welche Fragen wird es in diesen drei Bereichen gehen?

Wir fragen im Bereich der Spitzenforschung, was Wissenschaft zu technologischen Zukunftsthemen wie beispielsweise zu Künstlicher Intelligenz beitragen kann. Im zweiten Maßnahmenpaket wollen wir erforschen, wie Technologien die Gesellschaft verändern und welche Einflüsse wiederum Gesellschaft auf Technologien hat. Ziel ist dabei, das KIT noch stärker als eine in der Gesellschaft verwurzelte Forschungsuniversität zu etablieren und unser Bewusstsein für Verantwortung noch weiter auszuprägen. Als erfolgreiches Format wollen wir beispielsweise Reallabore ausbauen, unter anderem zum Autonomen Fahren. Mit der dritten Facette fragen wir, wie sich das Wissenschaftssystem im Hinblick auf mehr Nachwuchsförderung verändern muss und werden verlässliche Karrierewege anbieten.

Werden Sie dafür neue Mitarbeiter einstellen?

Um den Kulturwandel zu beschleunigen, schaffen wir unter anderem ein 100-Professuren-Programm, in dem wir drei Arten von Professuren schaffen. Mit den so genannten Otto-Lehmann-Professuren wollen wir analog zur Alexander von Humboldt-Professur internationale Spitzenforscher für das KIT rekrutieren. In einem zweiten Paket schaffen wir zu den Real-World-Labs, etwa zum Testfeld autonomes Fahren, Tandem-Professuren, von denen sich die eine mit der Technologie auseinandersetzt, die andere mit der geistes- und gesellschaftswissenschaftlichen Perspektive. Das dritte Professuren-Paket ist ein sogenannter Excellence-Tenure. Damit sollen Nachwuchsgruppen am KIT entwickelt oder ans KIT geholt werden. Die Leiterinnen und Leiter dieser Gruppen erhalten sehr früh eine Tenure-Track-Option. Ein großer Teil des Geldes geht also in die Wissenschaft, die Professuren und deren Ausstattung. Das werden wir mit dem Exzellenzgeld starten und anschließend in unserem Haushalt verstetigen.

Eine Kritik an der Exzellenzstrategie lautet, dass es trotz der Gelder zu viele befristete Stellen gibt. Trifft das zu?

Alle Arbeitsverträge, die der wissenschaftlichen Qualifikation dienen sind befristet und werden auch befristet bleiben. Und das ist auch richtig so. Jemand, der an einer Universität promoviert, soll dort ja nicht sein Leben lang bleiben. In der Postdoc-Phase, in der man sich in seinem Fach an verschiedenen Orten der Welt orientiert, ist eine Befristung auch gerechtfertigt. Auf den dann folgenden Karrierestufen müssen wir jedoch für diejenigen, die das entsprechende Potenzial bieten, verlässliche Karrierewege anbieten. Genau deshalb haben wir die Tenure-Track-Option.

Last but not least: Was ist für das KIT wichtiger, die zusätzlichen Fördermittel aus der Exzellenzstrategie oder der Imagegewinn?

Der Imagegewinn ist für uns eindeutig wichtiger als das Geld und zwar nach innen wie nach außen. Insbesondere im deutschen Wissenschaftssystem ist das relevant. Top-Wissenschaftlerinnen und -Wissenschaftler reagieren darauf. Ebenso Wirtschaft und Politik. Die für uns zuständigen Wissenschaftsministerien in Land und Bund haben sich mit uns vor zehn Jahren gemeinsam auf einen neuen Weg eingelassen und hatten eine entsprechende Erwartungshaltung. Und dabei durfte kein Mittelmaß herauskommen. Auch deshalb freuen wir uns, zu den Spitzenuniversitäten in Deutschland zu gehören.

21.08.2019 , Roland Koch
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