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Wie erkennt man gute Wissenschaft?

Seit den 1960er Jahren bestimmt der Journal Impact Factor über den Erfolg von Wissenschaftlerkarrieren mit. Zu Unrecht, sagt DUZ-Redakteur Hans-Christoph Keller in einem Gastkommentar für unser neues Magazin „Helmholtz Perspektiven“. Wir dokumentieren die aktuelle Debatte.

Der Zwang zum Publizieren ist eine Krankheit, an der die Wissenschaft seit Jahren leidet. Das Gesetz „Veröffentliche oder stirb“ (publish or perish) gehört in der Welt der Forschung genauso abgeschafft wie die Todesstrafe in einem Rechtsstaat. Der Virus wurde injiziert, als in den 1960er Jahren der Journal Impact Factor aufkam.

Das ist der Einflussfaktor, den wissenschaftliche Fachzeitschriften wie Nature oder Science haben. Jedes Jahr berechnet ihn der Konzern Thomson Reuters für die wichtigsten Zeitschriften. Wer in so genannten High Impact-Magazinen veröffentlicht, hat bessere Chancen bei Jobs und Berufungen. Wissenschaftskarrieren hängen also in hohem Maße von der Menge - und damit erst einmal vor allem der Quantität -  der Publikationen ab. Viele Forscher klagen über dieses Hamsterrad. Gleichzeitig machen die meisten mit. Das hat etwas Heuchlerisches.

Das Publizieren im Hochgeschwindigkeitszug muss aufhören. Die Wende hat zum Glück bereits begonnen. Wissenschaftliche Fachmagazine und deren Verlage verlieren an Einfluss. Der Journal Impact Factor, mit dem indirekt auch die Klasse eines Forschers bewertet wird, muss, das ist die logische Folge, verschwinden. Dank neuer Technologien und Kommunikationsformen entstehen derzeit andere Werte, die die Reputation eines Wissenschaftlers künftig prägen werden.

Immer mehr Forscher beobachten die Arbeit ihrer Kollegen nicht mehr nur über deren Veröffentlichungen, sondern sehen ihnen direkt bei der Arbeit zu. Auf Plattformen wie www.researchgate.net oder www.academia.edu tauschen sich Millionen von Wissenschaftlern mit Kollegen ihres Faches aus. Sie sind deren Follower und teilen Wissen miteinander, und zwar auch bevor es offiziell veröffentlicht wird. Diese Portale sind eine Mischung aus Facebook, Twitter und Online-Shops. Man stellt Fragen und bekommt Antworten, man liest und schreibt Rezensionen, man folgt der Arbeit anderer und redet darüber. Dieses interaktive Agieren wird in manchen Portalen bewertet. Researchgate (RG) zum Beispiel hat dafür eine Metrik eingeführt, den RG Score. Geschäftsführer und Mitbegründer Ijad Madisch beschrieb das unlängst in der Deutschen Universitätszeitung (www.duz.de). Wenn dieses uneigennützige Verhalten gemessen und belohnt wird, dann ist der Impact Factor irgendwann tot. Wissenschaftler werden ihre Reputation künftig mit anderen Währungen bezahlen. Wer sich gegen den absehbaren Wandel stemmt, handelt nicht nur töricht, sondern schadet am Ende sogar sich selbst, weil er freiwillig weiter im sinnfreien Hamsterrad strampeln möchte.

Natürlich ist es wichtig und schön, angesehen zu sein. Aber die Häufigkeit, mit der eigene Artikel zitiert werden, wird nicht das einzige Spieglein an der Wand sein, das das Ego tätschelt. Ein Wissenschaftler kann auch angesehen sein, weil er junge Forscher fördert, weil er Teams gut führt oder weil er Talenten zum Durchbruch verhilft. Wissenschaft wird in der Zukunft vor allem bedeuten: mit Roh- oder Primärdaten aus der Forschungsarbeit, von denen nur ein Bruchteil in Veröffentlichungen landet, klug umzugehen, sie weiterzugeben und offen zu legen. All das misst ein Impact Factor nicht. Noch bevor die letzte wissenschaftliche Fachzeitschrift gedruckt sein wird, wird er nichts mehr wert sein. Gut so. Bereiten Sie sich darauf vor.

Hans-Christoph Keller, Jahrgang 1972, ist Redakteur bei des Hochschulmagazins „duz“

13.08.2013 , Hans-Christoph Keller
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