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Schluss mit der zertifizierten Inkompetenz!

Wenn plötzlich vierzehnmal so viele Abiturienten die 1,0 schaffen, aber nur 20 Prozent aller Studienanfänger einen komplizierten Text verstehen können, stimmt etwas nicht mit unseren Zeugnissen. Ein Kommentar von Heike Schmoll

Wer über die schwindende Aussagefähigkeit von Zeugnissen und anderen Leistungszertifikaten klagt, setzt sich leicht dem Vorwurf aus, kulturpessimistische Refrains zu wiederholen, die sich auf die einfache Sentenz verkürzen lassen, dass früher alles besser war. Es wäre schön, wenn der Vorwurf zuträfe. Tatsächlich lässt sich eine Noteninflation, die mit den Schulabschlüssen beginnt und mit den Promotionen endet, statistisch problemlos nachweisen: 2002 zum Beispiel wurde in Berlin die Durchschnittszensur 1,0 im Abitur nur siebzehnmal erreicht, 2012 erhielten schon 234 Schüler die Bestnote. Vierzehnmal so viele. Die Zahl der Prüfungen dagegen erhöhte sich nur um den Faktor 1,4. Die wundersame Vermehrung der hochbegabten Einser-Schüler kann damit zusammenhängen, dass die Aufgaben leichter geworden sind, die Korrekturen milder waren oder die Jugendlichen von heute tatsächlich viel schlauer sind als noch vor zehn Jahren.

Dass von einem Quantensprung der Leistungen oder einer Begabtenschwemme nicht die Rede sein kann, hat indes erst vor kurzem der Bildungsbericht 2014 belegt. Darin lässt ausgerechnet ein Befund aufmerken, den Autoren wie Bildungspolitiker auf den ersten Blick als Bestätigung der eigenen Reformen interpretiert haben: Der Anteil der Schulabbrecher unter den Jugendlichen ist von 9,8 Prozent im Jahre 2003 auf 5,9 Prozent 2013 zurückgegangen. Demnach müsste dann allerdings auch die Zahl der so genannten Risikoschüler, die an der untersten Stufe der Kompetenzen, also bis zum Ende ihrer Schulzeit auf einem niedrigen Grundschulniveau hängen bleiben, um zwei Fünftel zurückgegangen sein. Ist er aber nicht. Laut Bildungsbericht sank er lediglich um ein Viertel. Ganz offenkundig ist es also möglich, auch dann einen Schulabschluss zu bekommen, wenn man Mühe hat, aus einfachsten Texten Informationen zu entnehmen, vom kritischen Lesen einer dreißig-Zeilen-Zeitungsmeldung oder grundlegenden mathematischen Berechnungen (wie der Berechnung des privaten Budgets oder der Einschätzung von Ratenkäufen) ganz zu schweigen. Wie kann es sein, dass solche Schüler einen Schulabschluss erlangen?

Ein ganz neues Phänomen scheint die Zertifizierung von Inkompetenz nicht zu sein. Der Berliner Bildungsforscher Heinz-Elmar Tenorth hat die Zahlen des Bildungsberichts mit den Ergebnissen des Erwachsenentests PIAAC, einem Pisa für Erwachsene, in Beziehung gesetzt. Der Befund ist erschreckend. Unter Erwachsenen mit höherer Bildung, also meist einem Hochschulabschluss, weisen 11,8 Prozent einen funktionalen Analphabetismus auf; Lesen und Schreiben können sie nur fehlerhaft. Unter Abiturienten wiederum findet sich laut PIAAC die Fähigkeit, längere Texte verständig zu lesen, eine Schlüsselkompetenz der Studierfähigkeit, nur bei etwa 20 Prozent.


Das Abiturzeugnis, theoretisch ein Beleg für Studierfähigkeit, erweist sich damit als immer weniger aussagefähig über die tatsächlichen Leistungen. Es ist insofern kein Zufall, dass Universitäten vermehrt über ein Studium Generale oder über College-Modelle nachdenken. Noch besser wäre es, wenn es passgenaue Eingangsprüfungen gäbe. Doch deren Kosten überschreiten die personellen Möglichkeiten einer Universität. Auf ein Umdenken der Schulpolitiker zu hoffen, dürfte vergeblich sein. Umso mehr müssen Hochschulen und Universitäten sich davor hüten, die Inflation der Noten selbst zu betreiben und sich an der Zertifizierung von Inkompetenz zu beteiligen. Es ist ihre Pflicht, den Studenten diese Form des Selbstbetrugs zu ersparen, wenn sie ihre Zertifikate nicht selbst entwerten wollen.

10.07.2014 , Heike Schmoll
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