Bild (Collage): Helmholtz/HZI

„Große Herausforderungen enden nicht an Grenzen“

Vor 20 Jahren wurde der Europäische Forschungsraum ins Leben gerufen. Nun steht das Konzept im Rat auf der Agenda der europäischen Forschungsminister. Ein Kommentar von Helmholtz-Präsident Otmar Wiestler über die Erfolge und Chancen eines einmaligen Projektes.

„Der Europäische Forschungsraum als Begriff ist zugegeben abstrakt. Dabei ist das Konzept einmalig, seine Strahlkraft groß und das zukünftige Potential enorm. Er wurde als Äquivalent zum Binnenmarkt Europas geschaffen. Auch in ihm soll es um Freizügigkeit (von Forschenden) und faire und gute Rahmenbedingungen (für Forschende und nicht zuletzt für die Forschung an sich) gehen. Persönlich halte ich ihn für den Schlüssel zu einem fortschrittlichen, kooperativen Europa: Der Europäische Forschungsraum ermöglicht uns die Zusammenarbeit in völlig neuen Konstellationen – in Themenfeldern wie Quantum, Gesundheit oder Klimawandel wird dies zurzeit sehr deutlich. Europa bietet ein inspirierendes, innovatives Wissenschaftsumfeld. Und Forschung kann eine wesentliche Antriebskraft, der Motor der zukünftigen Entwicklung Europas sein. Die Bewältigung der Covid-19-Pandemie und ihrer Folgen sowie das Erreichen der Klimaziele, wie sie im Green Deal festgeschrieben wurden, sind ohne Forschung undenkbar.

Deshalb: Der Forschungsraum will und muss von uns allen mit Leben gefüllt werden. Durch die exzellente Forschungstätigkeit in einzelnen Einrichtungen – wie auch bei Helmholtz. Durch die Beteiligung an europäischen Verbundprojekten. Doch aus meiner Sicht gehört ebenso dazu, dass wir bewusst eng mit Einrichtungen und Forschenden in denjenigen EU-Staaten kooperieren, die auch „aufholende“ Mitgliedstaaten genannt werden. Wir kommen nicht umhin anzuerkennen, dass es in der Europäischen Union Staaten gibt, die in Punkto Forschung und Innovation weniger gut aufgestellt sind als andere. Diese Lücken zwischen den Regionen gilt es, auf kluge Art zu überbrücken, damit diese Lücken nicht die Entwicklung politischer Unüberwindbarkeiten begünstigen. Nur so entsteht Gemeinschaftlichkeit. Smarte Spezialisierung und Aufgabenteilung können dazu beitragen, insgesamt auf exzellentem Niveau zu arbeiten. Wir müssen uns in Europa gemeinsam in die Lage versetzen unsere Leistungsfähigkeit optimal zu nutzen und zu erhöhen. Nur so entsteht europäischer Mehrwert. Diesen zu kommunizieren und von seiner Abstraktheit zu befreien ist nebenbei bemerkt eine große Aufgabe. Für alle Beteiligten. Es wäre wünschenswert, dass auch die Mitgliedstaaten diese stärker wahrnehmen würden.

Ein Kernstück der Kooperationen im Europäischen Forschungsraum sind große Forschungsinfrastrukturen – etwa Supercomputer, Teilchenbeschleuniger, Forschungsschiffe oder -flugzeuge. Der länderübergreifende Zugang zu ihnen bereichert das gesamte Wissenschaftssystem Europas. Einige Infrastrukturen sind so ambitioniert, dass die Mitgliedstaaten sie nur gemeinsam errichten können. Ein Beispiel für Verbesserungspotential: Im Moment brauchen große ESFRI-Projekte häufig zehn Jahre bis zur Realisierung. In China dauert es einen Bruchteil der Zeit. Bei gemeinsamen Infrastrukturinvestitionen müssen wir einfach schneller handlungsfähig werden.

Im Wettbewerb mit den USA und China müssen die europäischen Staaten außerdem auch inhaltlich stärker zusammenrücken und Initiativen zu Zukunftsthemen wie Quantum und Wasserstoff voranbringen. Durch kluge Zusammenarbeit über die Grenzen von Mitgliedstaaten hinaus kann Europa enormes Potential mobilisieren. Aber Koordinierung und Abstimmung allein reichen nicht. Eine große Chance ergibt sich aus der Rekrutierung von kreativen Persönlichkeiten – von ihnen leben Forschung und Entwicklung. Es muss uns gelingen, Europa zu einem Anziehungspunkt für Talente aus aller Welt zu entwickeln. Um wirklich exzellent zu sein, um Talente hier zu halten und aus aller Welt nach Europa zu holen, müssen wir Forschung aber auch finanziell gebührend ausstatten.

Aus gutem Grund haben sich die Staats- und Regierungschefs vor 20 Jahren in Lissabon darauf verständigt, drei Prozent ihrer Bruttoinlandsprodukte für Forschung und Entwicklung aufzuwenden. Dahinter liegen die Mitgliedstaaten zum Teil noch heute bestürzend weit zurück. Sicherlich ist die finanzielle Situation vielerorts angespannt. Doch gerade die Forschung bietet die Chance, Innovationen zu entwickeln und so auch wirtschaftlich positive Effekte zu erzielen. Das erfordert Investitionen.

Und ebenso sollten wir uns immer vor Augen führen: Große Herausforderungen wie der Klimawandel, die Digitalisierung oder Pandemien enden nicht an Grenzen. Daher müssen Forschung und Entwicklung Chefsache werden – sie verdienen auch auf Ebene der Staats- und Regierungschefs wieder die Aufmerksamkeit, die ihnen schon im Jahr 2000 offiziell zuteilgeworden ist. Nur so lässt sich etwas für Europa bewegen.“

Vier Ziele für den Europäischen Forschungsraum

Der Europäische Forschungsraum wurde im Jahr 2000 ins Leben gerufen, um bessere Zusammenarbeit zu ermöglichen. Nun steht seine Neuausrichtung an. Am 29. September hat die Europäische Kommission daher eine Mitteilung zum Europäischen Forschungsraum veröffentlicht. Sie umfasst vier Ziele:

  1. Priorisierung von Investitionen und Reformen in den Bereichen Forschung und Innovation für eine Förderung des ökologischen und des digitalen Wandels zur Unterstützung des Aufbaus Europas und zur Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit.
  2. Verbesserung des Zugangs zu Einrichtungen und Infrastrukturen der Spitzenklasse für Forschungskräfte in der gesamten EU.
  3. Transfer der Ergebnisse in die Wirtschaft zur Ankurbelung von Geschäftsinvestitionen und Vermarktung von Forschungsergebnissen sowie Förderung der Wettbewerbsfähigkeit und der Führungsstärke der EU im globalen technologischen Kontext.
  4. Förderung der Mobilität von Forschungskräften und von Wissensfluss und Technologieverkehr durch vermehrte Zusammenarbeit der Mitgliedstaaten, damit jeder von der Forschung und ihren Ergebnissen profitieren kann.

 

Mit 14 Maßnahmen will die EU diese Ziele gemeinsam mit den EU-Mitgliedstaaten umsetzen. Am 20. Oktober steht das Thema auf der Agenda der EU-Forschungsminister, die im Nachgang ihre Ratsschlussfolgerungen präsentieren werden.

Weitere Informationen:

https://ec.europa.eu/commission/presscorner/detail/de/IP_20_1749

https://ec.europa.eu/info/research-and-innovation/strategy/era_de

12.10.2020 , Ein Kommentar von Helmholtz-Präsident Otmar Wiestler

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