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Gastkommentar

Elite ohne Konkurrenz ist keine!

In Deutschland beeinflusst die soziale Herkunft entscheidend, wer Professor wird, wer in wissenschaftliche Spitzenpositionen aufsteigt und wer nicht.

An der Spitze der deutschen Wissenschaft stehen – oft dieselben. Mit Erstaunen konnte das interessierte Publikum in der letzten Zeit beobachten, wie Wissenschaftsmanager zwischen Top-Positionen wechselten: Peter Strohschneider, der damalige Vorsitzende des Wissenschaftsrats, folgte Matthias Kleiner als Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft, der seinerseits Präsident der Leibniz-Gemeinschaft wurde. Margret Wintermantel wechselte von der Spitze der Hochschulrektorenkonferenz an die Spitze des Deutschen Akademischen Austauschdienstes. Und in Berlin tauschten jüngst Günter Stock, Präsident der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, und Martin Grötschel, Chef der Einstein-Stiftung des Landes, ihre Posten.

Bestimmt haben sich die handelnden Personen in ihrer ersten Top-Position so verdient gemacht, dass sie sich für einen weiteren Spitzenposten empfahlen. Und doch: Sollte die Wissenschaft ihre Spitzen nicht lieber aus einem größeren Talentpool selektieren als nur aus dem winzigen Kreis der Amtsinhaber in der Allianz der Wissenschaftsorganisationen? Der Eindruck kann entstehen, es seien gar nicht die Besten, die oben sind, sondern eher die am besten Vernetzten. Das aber würde das meritokratische Prinzip aushebeln. Der Talentpool, aus dem die Wissenschaft schöpft, ist zu klein – das wird schon lange durch den anhaltenden Ausschluss von Frauen sichtbar.

Weitere Fragen an die Wissenschaft werfen nun zwei Studien auf: Sie belegen, dass bis heute die soziale Herkunft einen entscheidenden Einfluss darauf ausübt, ob jemand in Deutschland Professor wird und ob jemand eine Spitzenposition als Wissenschaftsmanager oder als Nobelpreis- respektive als Leibnizpreisträger erreichen kann. 80 Prozent der Juraprofessoren und 72 Prozent der Medizinprofessoren stammen aus dem gehobenen Bürgertum, obwohl nur 50 Prozent ihrer Studierendenkohorte aus dieser Schicht kam (Christina Möller, „Herkunft zählt (fast) immer – Soziale Ungleichheiten unter Universitätsprofessorinnen und -professoren“, Beltz 2015).

Und weiter: In Deutschland gehören 96,5 Prozent zur „Normalbevölkerung“, also zur Arbeiter- und zur Mittelschicht. Aber zwei Drittel der Wissenschaftselite – also der Wissenschaftsmanager der Allianz sowie der Leibniz- und Nobelpreisträger – stammen aus den restlichen 3,5 Prozent: aus der dünnen Schicht des gehobenen Bürgertums und des Großbürgertums (Angela Graf, „Die Wissenschaftselite Deutschlands. Sozialprofil und Werdegänge zwischen 1945 und 2013“, Campus 2015). Natürlich haben die Söhne von Professoren oder Wirtschaftsführern Leistungen erbracht, die man für wissenschaftliche Karrieren braucht. Doch sie kommen in der Uni besonders schnell voran, weil ihnen deren Regeln von Haus aus vertraut sind und sie den richtigen Stallgeruch haben, meinen Graf und Möller. Am Ende sind sie mit ihren Lebensläufen ihren potenziellen Konkurrenten aus hochschulfernen Familien überlegen.

Sind sie darum wirklich die Besten? Es ist kaum denkbar, dass Scharfsinn und Kreativität auf hohem Niveau nicht auch in der Normalbevölkerung verbreitet sind. Werden deren Angehörige durch subtile Mechanismen aus dem Talentpool ausgeschlossen, behindert das einen echten Wettbewerb um die originellsten Ideen.

In zehn Jahren Exzellenzinitiative hat es die Wissenschaft versäumt, ihren Begriff von Elite zu klären. Zur dritten Runde des Wettbewerbs sollten sich mehr Wissenschaftler fragen, ob gemainstreamte Lebensläufe bei der Rekrutierung nicht kritischer hinterfragt werden müssen. Auch ist es elitetauglicher, Spitzenpositionen in der Allianz nicht im Old-Boys-Network auszuklüngeln, sondern sie in transparenten und kompetitiven Verfahren zu besetzen.

13.01.2016 , Ein Kommentar von Anja Kühne (Der Tagesspiegel)

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