Bild: Sylvia Wolf

Brain Drain: Gefahr für den Europäischen Forschungsraum?

Nicht nur weltweit, sondern auch innerhalb Europas gibt es Brain Drain: Talentierte Nachwuchskräfte verlassen ihre Heimatländer. In der Wissenschaft ist Mobilität nicht ungewöhnlich – doch was macht es mit der EU, wenn einige Regionen ihr Forschungspotenzial dauerhaft an andere verlieren? Zwei Blickwinkel.


„Gemeinsam können wir Lösungen finden, die eine ausgewogenere Zirkulation von Hochqualifizierten innerhalb der EU ermöglichen.“

Ein offener Arbeitsmarkt, der die ausgewogene Freizügigkeit von Forscherinnen und Forschern fördert, ist das Kernstück des Europäischen Forschungsraums. In den letzten 20 Jahren haben wir viel erreicht. Dennoch ist ein deutlicher Umbruch erforderlich, da sich die Bedeutung von Forschung und Innovation (F & I) für die Gesellschaft und Wirtschaft dramatisch verändert hat. Die Philo-sophie des Europäischen Forschungsraums ist es, mit den Mitgliedstaaten daran zu arbeiten, gemeinsame Ziele zu erreichen. Brain Drain, das heißt die Abwanderung von Hochqualifizierten, sollte nicht nur als nationale Angelegenheit betrachtet werden, sondern als ein Thema, mit dem die EU sowohl intern als auch gegenüber globalen Wettbewerbern konfrontiert ist. Wenn wir diese Herausforderung gemeinsam angehen, können wir Lösungen finden, die eine ausgewogenere Zirkulation von Hochqualifizierten innerhalb der EU ermöglichen – und Talente in die Union holen und hier halten. 

Der Brain Drain betrifft vor allem die Länder in der EU und die Nachbarländer, die im Hinblick auf ihre F & I-Leistungen noch aufholen. Ein exzellentes Forschungsumfeld ist eine Bedingung; attraktive Arbeitsbedingungen und eine angemessene Entlohnung sind eine Notwendigkeit. Häufig erfordert dies Reformen der nationalen F & I-Systeme. Schnelle Lösungen gibt es nicht. Jedes Land ist anders und selbst wenn einige Maßnahmen in einem Land funktionieren mögen, bedeutet dies nicht, dass sie auch leicht auf andere Länder übertragbar wären. Der Schlüssel ist eine ausgewogene „Brain Circulation“. Auf dem Weg dorthin sind politische Reformen und Förderinstrumente sowohl auf europäischer als auch auf nationaler Ebene unerlässlich. 

Lösungsansätze können etwa Initiativen umfassen, die auf einer gemeinsamen Agenda der Bildungs-, Forschungs- und Innovationspolitik aufbauen. Daneben sind institutionelle Veränderungen in Universitäten und Forschungsorganisationen gefragt: Insbesondere sollten die Fähigkeiten im Bereich Unternehmertum, Open Science und Innovation ausgebaut und die sektorüber-greifende und interdisziplinäre Mobilität unterstützt werden. Zudem sollten integrative Arbeits- und Beschäftigungsbedingungen geschaffen werden, die die Exzellenz in der gesamten EU fördern. Maßnahmen zum Aufbau von Kapazitäten – wie sie im Programmteil „Ausweitung der Beteiligung“ von Horizon 2020 und Horizon Europe durchgeführt werden – können auch ein attraktiveres Arbeitsumfeld für Talente in den aufholenden Ländern schaffen. Die Förderung gemeinsamer Standards für Forscherinnen und Forscher sowie für Institutionen in Europa wird weiter dazu beitragen, die Identität europäischer Forschender zu prägen und die Attraktivität des Forschungsberufs an sich zu erhöhen. Kein Mitgliedstaat kann diese Herausforderungen allein bewältigen, wie auch die Kommission allein nicht den Unterschied bewirken kann. Europa gemeinsam voranzubringen sollte eine gemeinsame Anstrengung sein!     


„Es ist nötig, die Attraktivität von Forschung und Entwicklung gleichmäßiger über Europa zu verteilen.“

Die Wissenschaft lebt von klugen Köpfen und freiem Austausch des Wissens, der sogenannten Brain Circulation. Aber Zuwanderung (Brain Gain) und Abwanderung von Hochqualifizierten (Brain Drain), beides Elemente in diesem Austausch, dürfen keine Einbahnstraßen sein. 

Die Gefahr eines Europas der zwei Geschwindigkeiten droht auch in der Wissenschaft. Die meisten europäischen Universitäten, die zu den Top 100 weltweit gezählt werden, befinden sich in Großbritannien und Deutschland, den stärksten Zielregionen für hochqualifizierte europäische Expertinnen und Experten. Mehrere Studien zeigen eindrücklich, wie ungleich Armutsrisiko, Hürden bei der Partizipation, schlechtere Bildungschancen sowie die Höhe der Ausgaben für Wissenschaft und Forschung in Europa verteilt sind. Junge und gut ausgebildete Menschen versuchen, ihre Chancen durch innereuropäische Migration zu optimieren, und hinterlassen dabei in schwächeren Regionen Lücken und den Verlust von Innovationspotenzial.

Spitzenforschung in Europa und besonders auch in Deutschland benötigt europäische Vernetzung und Kooperation. Ein aktuelles Beispiel aus unserem Zentrum: Zwei Weltrekorde für neuartige hocheffiziente Solarzellen konnten nur durch Technologie und Wissen von Partnern aus Litauen und Slowenien in einer Zusammenarbeit auf 
Augenhöhe erreicht werden. Ermöglicht wurde diese Zusammenarbeit durch europäische Austauschprogramme und das Helmholtz European Partnering Program. Eine solche partnerschaftliche Entwicklung verringert regionale Unterschiede in Europa und schafft einen dauerhaften Mehrwert für alle Seiten.
Es ist nötig, die Attraktivität von Forschung und Entwicklung gleichmäßiger über Europa zu verteilen. Geeignete Anreize und Werkzeuge dafür sind die Forschungsprogramme der EU sowie eine angepasste regionale Förderung mit einer ausbalancierten Finanzierung. In der Ausbildung ist das Erasmus-Programm ein hervorzuhebendes Beispiel erfolgreicher europäischer Integration. 

Insgesamt gilt es, komplementäre Expertise zu erkennen, synergetisch zu nutzen und Zusammenarbeit zu fördern. Aber auch einzelne Forschungszentren wie das Helmholtz-Zentrum Berlin stehen in der Pflicht, freien Wissensverkehr zu unterstützen: Kooperationen, Vernetzung sowie internationale Trainings- und Twinning-Programme schaffen bessere Voraussetzungen für Spitzenforschung.    

22.10.2020 , Jean-Eric Paquet und Bernd Rech

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