Dr. Peter Hill vor 25 Jahren bei der ersten Inkorporationsmessung im Rahmen der Messaktion Tschernobyl des BMU. Bild FZJ

30 Jahre Tschernobyl

Mit mobilen Ganzkörperscannern ins Krisengebiet

Vor 30 Jahren war Peter Hill Doktorand an der Universität Mainz. Als er von der Reaktorkatastrophe erfuhr, ahnte er nicht, wie sehr das Ereignis seine weitere Berufslaufbahn bestimmen sollte. Jahre später untersuchte er im Auftrag des Bundesumweltministeriums die Bevölkerung im Unglücksgebiet.

Zum Zeitpunkt des Reaktorunfalls bei Tschernobyl im April 1986 gehörte ich dem von Fritz Straßmann gegründeten Institut für Kernchemie der Universität Mainz an. Das Institut betrieb auch einen Forschungsreaktor. Die Nachrichtensperre der Sowjetunion war zunächst recht wirksam. Doch in den ersten Maitagen wurde eine erhöhte Radioaktivität in den empfindlichen Abluftmessanlagen der Reaktorhalle festgestellt und siehe da: Die Aktivität kam von außen. Doch wegen meiner Promotion wurde ich nicht in die dann folgende umfangreiche Messung, Evaluierung und Bewertung von Wasser- und anderen Umweltproben eingebunden. Ich ahnte zu diesem Zeitpunkt nicht, dass mich das Thema Tschernobyl noch einholen und wesentliche Teile meiner Berufslaufbahn bestimmen würde.

Nach einer Zwischenstation am Europäischen Kernforschungszentrum CERN in Genf begann ich Mitte Februar 1990 meine Tätigkeit im Strahlenschutz des heutigen Forschungszentrums Jülich. Meine neue Aufgabe war die Überwachung der Strahlenexposition der Mitarbeiter. Dazu gehörte auch der Betrieb eines Ganzkörperzählers. Beim Vorstellungsgespräch hatte ich noch vorgeschlagen einen Ganzkörperzähler zur Erfassung der Radioaktivität (-Strahlung) im menschlichen Körper auf ein Fahrzeug zu montieren, zu unseren externen Kunden in nuklearmedizinischen Kliniken hinzufahren und deren Personal vor Ort zu untersuchen. Die Reaktion meiner Gesprächspartner dürfte intern etwas schmunzelnd in Richtung „Einfallsreich ist er ja, aber in der Realität wird er auch noch ankommen“ gegangen sein. Die Realität schlug sich dann unerwartet auf meine Seite. Ein Jahr nach Dienstantritt hatte ich bereits sieben mobile Messlaboratorien mit insgesamt zwanzig Ganzkörperzählern und Inkorporationsmonitoren bestellt. Jedoch nicht für das nuklearmedizinische Personal im Großraum Aachen-Düren, sondern zur Messung der Bevölkerung in den durch den Tschernobylunfall kontaminierten Gebieten der damals noch existierenden Sowjetunion.

Zwischenzeitlich hatte nämlich das Forschungszentrum die Projektleitung der Messaktion Tschernobyl des Bundesumweltministers übernommen und als Teilprojektleiter war es meine Aufgabe die Durchführung der Ganzkörpermessungen sicherzustellen. Die mobilen Messlaboratorien hatten wir neu entwickelt: Semi-Trailer für großen Durchsatz und wendige Kastenwagen, die auch auf engen und wenig tragfähigen Straßen zu den Dörfern durchkamen. Im Mai 1991 war es dann soweit. Ein Kollege reiste mit den Umweltmesswagen in das Einsatzgebiet nach Russland. Im Juni folgte ich mit den mobilen Laboratorien zur Untersuchung von Personen. Von einem sowjetischen Militärflughafen bei Templin wurden die Fahrzeuge mit riesigen Antonov-Flugzeugen nach Moskau geflogen. Von dort erfolgte der Weitertransport über Land mittenhinein in Gebiete, die eigentlich für Ausländer gesperrt waren. Wegen Einbindung des Einsatzkoordinators in Verhandlungen musste ich als „Post-Doc“ die Einsatzleitung des Messteams vor Ort übernehmen. Dank der russisch sprechenden Kollegen und der Einsatzbereitschaft unserer Strahlenschützer und Wissenschaftler kamen wir gut vor Ort voran.

Der Bevölkerung war besonders daran gelegen, zuerst die Kinder zu messen. So fand unser erster Einsatz in einem Ferienlager für Kinder statt. Die erste symbolträchtige Messung an der Lagerleiterin führte ich selbst durch. Dank des großen Einsatzes des Messpersonals, oft weit über acht Stunden am Tag hinaus, konnten in vier Messkampangen innerhalb von drei Jahren 317.000 mobile Ganzkörpermessungen folgen. Bei der Durchführung der Messungen wurden wir von einheimischem Hilfspersonal unterstützt, so bei der Erfassung der gemessenen Personen und deren Einweisung auf die Messplätze. Besonders in den ersten Wochen waren alle bis an die Grenzen der Leistungsfähigkeit gefordert. Auf den Sattelaufliegern wurden täglich in der Spitze 800 Personen untersucht, auf einem Kastenwagen um die 560. Eine Minute benötigte die Messung, nochmal ein bis zwei Minuten waren für automatische Spektren-Auswertung und Bewertung der Messergebnisse vorgesehen. Oft blieb auch nicht mehr Zeit. Wesentlich für den Erfolg unseres Einsatzes war es, den Betroffenen direkt eine schriftliche Ergebnismitteilung mitzugeben, mit Unterschrift und dem unvermeidlichen offiziellen Rundstempel versehen. Eine einfache Kategorisierung in drei Klassen half den Menschen, den Befund einzuschätzen. Ein Durchschlag verblieb bei unseren Partnern vor Ort, in der Regel die Kreiskrankenhäuser. Das Vertrauen in ihre Ärzte war in der Bevölkerung immer ungebrochen.

An einem Montag, es war der 19. August 1991, war ich zur Unterstützung während eines Personalwechsels bei meinem verbleibenden Kollegen in Gordejewka geblieben. Die uns helfende Krankenschwester sprach ein paar Brocken Deutsch und sagte uns: „Gorbatschow arbeitet heute nicht. Jelzin arbeitet heute nicht.“ So erfuhren wir vom “Augustpusch“, bei dem Gorbatschow zunächst auf der Krim festgesetzt wurde. Es war sofort klar, dass wir im gesamten Einsatzgebiet ganz normal weiterarbeiten würden. Nur keine falschen Signale an die Bevölkerung. Zu diesem Zeitpunkt war die gesamte Projektspitze zu Gesprächen mit den Projektpartnern im Land. Auf dem Weg von Moskau ins Einsatzgebiet kamen Ihnen die Panzer der Tula-Division entgegen. Bis Mitte der Woche stockten die Gespräche, Beteiligte standen politisch auf beiden Seiten. Dann war klar: der Putschversuch war gescheitert. Die Gespräche führten nun zum vollen Erfolg. War es nur Zufall, dass sich kurz vor dem Putsch eine Gruppe junger drahtiger Soldaten mit Englischkenntnissen im Hotel des Einsatzstabes in Brjansk einquartiert hatte?

Insgesamt war die Messaktion ein Erfolg und für alle Teilnehmer sehr bereichernd. Den Menschen, die die Strahlenbelastung auch fünf bis sieben Jahre nach dem Unfall subjektiv noch als hoch empfanden, konnten wir durch die Messungen zeigen, dass die Strahlengefährdung objektiv nur noch vergleichsweise gering war. Mich selbst brachte die gewonnene Erfahrung dann als Leiter einer internationalen Feldmission zum ehemaligen Atomwaffentestgebiet Semipalatinsk in Kasachstan. Weitere Projekte folgten. Und ja, nach dem Unfall in Fukushima auch ein Besuch in Japan zum Erfahrungsaustausch mit dortigen Kollegen. 

Am 26. April jährt sich die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl zum 30. Mal. Der Bericht von Peter Hill ist Teil einer Serie, in der Helmholtz-Forscher erzählen, wie sie die Tage und Wochen nach dem Unglück erlebten und wie sich ihre wissenschaftlichen Karrieren durch den Unfall verändert haben. Weitere Beiträge finden Sie hier: www.helmholtz.de/tschernobyl

In der Kurzfolge unseres Forschungspodcast beschreibt Christoph Pistner vom Öko-Institut wie es vor 30 Jahren im Reaktor von Tschernobyl zum Super-GAU kommen konnte. In der Langfolge erklärt er, wie ein Atomkraftwerk funktioniert, welche Reaktortypen es gibt und was mit dem Atommüll geschehen sollte.

19.04.2016 , Peter Hill

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