Diedrich Fritzsche im Jahr 2013 während einer Forschungskampagne in Grönland. Bild: Martina Treusch, AWI

Serie: 25 Jahre Mauerfall

Für ihn war der Westen weiter weg als der Südpol

In der Antarktis war Diedrich Fritzsche vor 1989 schon gewesen. Von seinem Arbeitsplatz in Potsdam konnte der Polarforscher bis nach West-Berlin blicken und fragte sich, ob er es vor seinem Rentenantritt im Jahr 2020 auch jemals dorthin schaffen würde. Er kam noch viel weiter

Von Diedrich Fritzsche

Ende 1982 zog unsere Familie von Leipzig nach Potsdam, wo ich in der Abteilung Polarforschung des Zentralinstituts für Physik der Erde arbeitete. Mit dem Umzug rückte die Staatsgrenze viel näher. Der „Westen“ lag von Potsdam aus im Osten und um in die „Hauptstadt der DDR“ zu gelangen, musste ich mit der Sputnik Eisenbahn um Westberlin herum fahren. Das dauerte etwa so lange wie die Reise von Leipzig nach Berlin. Dabei waren es laut der Potsdamer Postsäule an der Langen Brücke nur 26 Kilometer zum Berliner Alexanderplatz.

Von meinem Arbeitsplatz, dem Telegrafenberg, konnte man die Glienicker Brücke, den Wannsee und den Westberliner Fernmeldeturm auf dem Schäferberg sehen. Für mich stellte sich die Frage, ob ich vor Eintritt ins Rentenalter – und das waren 1989 noch rund 30 Jahre- jemals dorthin gelangen würde.

Wie jedes Jahr bereitete 1989 unsere Abteilung eine Gruppe Wissenschaftler und Techniker zur Überwinterung auf der DDR-Antarktisstation „Georg Forster“ vor. Die Auswahlkriterien hatten sich in den letzten Jahren erheblich verschärft und es war schwer entsprechende Kader zu finden. Fachliche und charakterliche Eignung waren nicht allein ausschlaggebend. Es zeichneten sich tiefgreifende Veränderungen ab. Nicht nur in der Kirche, auch im Institut war die Zeit der Selbstzensur zu Ende.

Ich war zu dieser Zeit mit der Organisation einer Tagung beschäftigt, in der wir die erste DDR-Teilnahme an einer sowjetischen Antarktisexpedition vor 30 Jahren feiern wollten. Zu diesem 30-jährigen Jubiläum hatten sich – für Instituts- und Parteileitung überraschend – auch Kollegen aus der Bundesrepublik angemeldet. Es gelang mir eine „Ausladung“ zu verhindern, so dass ich nach 12 Jahren aktiver Polarforschung im September 1989 erstmals persönliche Kontakte zu Kollegen aus dem anderen Deutschland bekam.

Die Maueröffnung erlebte ich am Abend des 9. November am Fernseher, am nächsten Morgen begrüßten mich meine Kollegen am Institut jubelnd: „Wir waren auf dem Ku‘damm! “ . Innerhalb von Tagen änderten sich die Strukturen am Institut; unsere Abteilung und alle Wissenschaftler, die sich in der DDR maßgeblich mit Antarktisforschung befassten, kamen sehr schnell mit dem Alfred-Wegener-Institut (AWI) in Bremerhaven in Kontakt. Wir wurden dorthin eingeladen und stellten unsere Arbeiten vor. Vom Institutsdirektor Prof. Gotthilf Hempel wurden nicht nur wir, sondern das gesamte Zentralinstitut für Physik der Erde evaluiert, und ich erinnere mich genau an seine Worte: „Ich bin Gut- und nicht Schlechtachter“. Wir wurden fair behandelt und anknüpfend an die 100-Jährige Tradition der Potsdamer Institute, in denen Polarforschung immer eine Rolle spielte, entstand hier eine Forschungsstelle des AWI, in der ich nicht nur in der Antarktis, sondern nun auch in Sibirien und auf Grönland ganz neue Forschungsmöglichkeiten erhalten habe.


Dr. Diedrich Fritzsche begann 1977 mit der Polarforschung und war seit 1983 am ehemaligen Potsdamer Zentralinstitut für Physik der Erde beschäftigt, das 1992 vom GeoForschungsZentrum Potsdam ersetzt wurden. Heute ist er Seniorwissenschaftler am Alfred-Wegener-Institute am Standort Potsdam.

12.11.2014 , Diedrich Fritzsche

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