Bild: Phil Dera

„Er hatte auch eine spirituelle Seite“

In diesem Jahr wäre der Namensgeber der Helmholtz-Gemeinschaft Hermann von Helmholtz 200 Jahre alt geworden. Wir haben mit seinem Urururenkel Björn von Siemens über die unbekannten Seiten des Universalgelehrten gesprochen – und darüber, wie seine Familie das Andenken an ihn bis heute hochhält.

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Herr von Siemens, ihr Urururgroßvater Werner von Siemens ist ja allein durch den Namen in Ihrer Familie sehr präsent. Wie halten Sie es in Ihrer Familie mit Hermann von Helmholtz?

Der lebt für uns natürlich auch weiter, ganz klar! Erstens in vielen Erinnerungen und Erzählungen, die ich von meinen Eltern und Großeltern, von Onkeln und Tanten im Laufe meines Lebens gehört habe. Zweitens in vielen Artefakten – in Schriften, Büchern, Bildern, mit denen wir in unserer Familie seit vielen Generationen aufwachsen. Und dann gibt es den dritten Bereich: Uns als Familie hat es sehr gefreut, dass die Erinnerung an Hermann von Helmholtz nicht zuletzt durch die Helmholtz-Gemeinschaft wieder eine Renaissance erlebt.

Es trennen Sie ja sechs Generationen von Hermann von Helmholtz. Wie nah sind Sie selbst im trotzdem gekommen?

Als ich in den 1980er-Jahren aufgewachsen bin, lebte meine Urgroßmutter noch – die hatte Hermann und Anna von Helmholtz tatsächlich noch gekannt. Als sie starb, war ich aber erst ein Jahr alt, so dass ich keine Erinnerungen mehr an sie habe. Aber meine Großmutter hatte viel mit den Kindern von Hermann und Anna zu tun und uns immer viel erzählt; da gibt es also eine direkte Linie in diese Zeit.

Wann ist Ihnen als Kind erstmals bewusst geworden, wer Hermann von Helmholtz eigentlichwar und dass vieles von dem, was Sie im Physikunterricht lernen, direkt oder indirekt mit ihm zusammenhängt?

Meine Eltern und Großeltern machten mich immer wieder darauf aufmerksam, in welchen Bereichen man heute noch auf Phänomene stößt, die er wissenschaftlich untersucht hatte. Mich hat dieser Begriff vom Universalgelehrten, vom Universalgenie immer beeindruckt.

Die berühmte Statue vor der Humboldt-Universität zeigt Hermann von Helmholtz streng und unnahbar. Welches Bild von ihm haben Sie in Ihrer Familie?

Ich erinnere mich daran, dass ich als Kind vor der Familie etwas auf dem Klavier spielen  sollte. Ich bin eher introvertiert und schüchtern und war furchtbar aufgeregt. Meine Großmutter hat mich dann beiseite genommen und mir erzählt, dass einer meiner Vorfahren namens Hermann von Helmholtz auch recht introvertiert gewesen sei. Trotzdem sei er ein sehr passabler Klavierspieler gewesen und im Übrigen ein Universalgenie. In diesem Moment habe ich zum ersten Mal bewusst von ihm gehört, und seitdem stelle ich ihn mir als ruhigen und eher zurückhaltenden Menschen vor.

Hat Ihnen diese Einführung Ihrer Großmutter dann beim Konzert geholfen?

Das Klavierspiel lief gut, aber seither habe ich eher für mich zu Hause geübt. Hermann von Helmholtz hatte wesentlich mehr gespielt als ich – eine Stunde pro Tag, so ist überliefert, saß er am Klavier, ist aber nie vor Publikum aufgetreten.

Wie war er sonst so?

Mich fasziniert es, wie er sein Leben der Wissenschaft gewidmet hat. Es wird bei uns in der Familie die Geschichte überliefert, wie er einmal mit Frau und Kindern ans Mittelmeer gefahren ist – und dann tagelang damit zubrachte, am Strand zu sitzen und die Wellen zu analysieren. Die Familie hätte vermutlich lieber etwas anderes gemacht, aber er saß eben da und hat sich Aufzeichnungen zu den Wellen gemacht. Das ist übrigens etwas, was bei uns in der Familie auch heute noch Bestand hat: Meine Schwester und ich sind auf unseren gemeinsamen Reisen immer wieder in die Naturwissenschaften eingeführt worden. Mein Vater ist Hobby-Meteorologe, da haben wir also zum Beispiel oft die Wolken beobachtet, und es gab kein Museum und keine archäologischen Stätten, die wir nicht besichtigt hätten – manchmal zum Verdruss von uns Kindern. Dabei gibt es aber an Hermann von Helmholtz eine Seite, die fast nicht bekannt ist…

…welche ist das?

Er war gleichzeitig ein großer Familienmensch und hat seiner Familie viel untergeordnet. Als seine erste Frau sehr krank wurde, hatte er zum Beispiel seinen Ruf nach Königsberg nicht in dem Maße ausgefüllt, wie er es hätte tun können. Eine schöne Geschichte ist auch, wie er mit seinen Kindern und Enkeln immer wieder über seine Arbeitsfelder gesprochen hat, über Tonwellen und Lichtwellen. Dann haben sie gemeinsam die Sterne angeschaut und er hat ihnen erzählt, wie weit sie entfernt sind und dass sie trotzdem nicht so weit weg sind, dass man nichts von ihnen mitbekäme. Und dann erzählte er, dass nicht nur Sterne solche Wellen ausstrahlten, sondern auch Menschen Beziehungen hätten, die sich in Wellen manifestierten. Man könne auch mit Menschen kommunizieren, die möglicherweise nicht mehr da sind. So kam es, dass seine Kinder und Enkel nach Hermann von Helmholtz’ Tod den Mond angeschaut und irgendwie mit ihm kommuniziert haben.

Also eine spirituelle Seite, die er da zeigte.

Ja, das würde man bei so einem Wissenschaftler vielleicht nicht erwarten, aber tatsächlich habenja auch Philosophie und Kunst für ihn eine große Rolle gespielt. Er hatte von Haus aus viel Kontakt mit Philosophen – sein Konzept von der Unzerstörbarkeit der Energie hatte er ja beispielsweise aus der Philosophie abgeleitet. Und genau das ist etwas, was mich auch heute noch an ihm beeindruckt: diese Breite und Tiefe seiner Themen. Und ich bin beeindruckt von der Spanne zwischen dem, was man heute in Grundlagenforschung und Anwendung unterteilen würde.

Wir war die Beziehung zwischen ihren beiden Urururgroßvätern – Werner von Siemens und Hermann von Helmholtz?

Sie pflegten einen engen Kontakt und später auch eine sehr gute Freundschaft – übrigens auch mit Johann Georg Halske, mit dem Werner von Siemens den Grundstein für die heutige Siemens AG legte. Die drei brachten gemeinsam Ideen von der Theorie über das Experiment bis hin zur Anwendung. Hermann von Helmholtz war vor allem ein Mann der Wissenschaft und Lehre, der häufig stundenlang allein gearbeitet, publiziert und experimentiert hat. Johann Georg Halske war der umsetzungsstarke Techniker in dem Trio und Werner von Siemens extrem gut darin, seine Erfindungen und die Technologie ins praktische Leben zu übersetzen. Dieser Brückenschlag von der Grundlagenforschung zur konkreten Anwendung ist etwas, wovon wir heute noch viel lernen können.

Kommen wir zum zweiten Punkt, den Sie erwähnten: zu den Gegenständen, die bei Ihnen in der Familie an Hermann vom Helmholtz erinnern. Was zum Beispiel?

Mich beeindruckt am meisten das, was wir als „Gerda-Buch“ bezeichnen: Ellen von Siemens-Helmholtz hat es geschrieben. Sie war die Tochter von Anna und Hermann und heiratete Werner Siemens’ Sohn Arnold. Ellen verfasst das Buch zum Gedenken an ihre Tochter Gerda, die schon mit 17 Jahren verstarb. Es sind zwei außerordentlich schöne, geradezu luxuriös ausgestattete Bände, die Gerdas Leben von der Geburt bis zu ihrem Tod auf einer Ägyptenreise darstellen. Da stehen viele Anekdoten drin und Zeichnungen, die das Leben beschreiben, das die Familie damals geführt hatte. Ein einzigartiges Dokument und ein natürlich auch sehr trauriges Artefakt. Und dann gibt es auch noch die Anekdote, die sich um die Statue vor der Humboldt-Universität rankt, die Sie ja schon erwähnten.

Erzählen Sie mal!

Die Statue wurde ja erst nach seinem Tod errichtet, aber schon zu seinen Lebzeiten gestaltet. Er selbst wollte sitzend gezeigt werden, aber Kaiser Friedrich Wilhelm wünschte ihn sich im Stehen – er wurde ja als „Reichskanzler der Physik“ bezeichnet und sollte als entsprechend beeindruckende Persönlichkeit dargestellt werden. Auf diesen Wunsch des Kaisers hat man sich dann natürlich geeinigt, aber schließlich echauffierte sich seine Witwe Anna über das Standbild: Warum habe man seine Statue direkt vor den Eingang der Universität gestellt, wo nun jeder um ihn herumgehen müsse? Der Kaiser selbst antwortete ihr – und sagte, es sei doch gut, wenn die Leute um ihn herum gingen und sich dabei vielleicht Gedanken machten, warum er da stehe. Von meinen Verwandten übrigens wurde ich immer wieder mal dort hingeführt, zu dieser Statue.

Mit welchen Augen betrachten Sie dieses Standbild: So wie auch eine Goethe-Büste, eine Humboldt-Statue – oder doch irgendwie anders?

Es ist schon eine emotionale Bindung, und deshalb spielt Hermann von Helmholtz ja auch bei uns in der Familie, bei unseren Familientreffen, immer eine zentrale Rolle.

Ihre Familie hat gerade der Helmholtz-Gemeinschaft ein Notizbuch von Hermann von Helmholtz überlassen. Was ist das für ein Büchlein?

Als ich es in die Hände bekommen habe, zeichnete es sich für mich vor allem dadurch aus, dass es sehr unleserlich ist (lacht). Es handelt sich wohl um ein Manuskript, das im Zusammenhang mit seinen Vorlesungen stand. Es hat den Krieg im Haus meiner Urgroßeltern an der Rehwiese in Nikolassee überstanden, war dann in der Bibliothek meiner Großeltern in Hamburg und wurde vor drei Jahren aus ihrem Nachlass der Helmholtz-Gemeinschaft übereignet.

Was würden Sie sich mit Blick auf das Vorbild Hermann von Helmholtz’ für die heutige Wissenschaft wünschen?

Wir befinden uns heute in einem Modus, wo es vor allem um inkrementelle Verbesserungen geht: Da werden drei Prozent mehr Output oder ein drei Prozent saubererer Motor als Ziele ausgegeben – und das macht risikoavers. Es fehlt der Mut zum großen Wurf. Das ist ein Thema, das mich sehr bewegt, weil ja wir auf eine Generation von Erfindern und Wissenschaftlern  zurückschauen, die sehr, sehr Großes bewegt haben und dazu großen Mut beweisen mussten. Diese Risikobereitschaft ist etwas, wovon wir heute lernen können.

Fassen Sie das doch gern konkreter: Was wünschen Sie sich in Deutschland für die Innovationslandschaft? Das Paradoxe ist: Es ist in Deutschland eigentlich alles da, was man braucht. Es gibt tolle Forschungseinrichtungen, wahnsinnig viele sehr kluge und hart arbeitende Forscher, tolle Unternehmen. Und trotzdem sehen wir, dass viele der Dinge, die in den vergangenen Jahren die Welt geprägt haben, nicht von hier stammen. Oder, mindestens genauso schlimm: sogar hier ihre Wurzeln haben und dann anderswo zum Erfolg gemacht wurden. Ich würde mir wünschen, dass wir zu einer Kultur des Unternehmertums zurückfinden, in der auch unternehmerische Fehlschläge erlaubt sind und nicht mehr automatisch das Ende einer Karriere bedeuten. Sie selbst möchten mit Ihrem Unternehmen eine Operation so sicher machen wie einen Flug – das ist ein Schlagwort, mit dem Sie oft werben. Was hat es damit auf sich? Unser Ziel ist es, die Chirurgie sicherer und effizienter zu machen – diese beiden Aspekte hängen eng zusammen. Wir nutzen dazu ein stark empirisches Vorgehen: Wir sammeln die Daten aus mehreren Millionen chirurgischer Eingriffe im Jahr und werten sie gemeinsam mit den Kliniken oder anderen Partnern aus. Darüber möchten wir zu Verbesserungen in den Abläufen kommen und das Risiko minimieren, dass es zu Fehlern kommt.

Hermann von Helmholtz war Arzt, Ihre Mutter ist Ärztin und Sie sind Unternehmer im Gesundheitsbereich – das ist schon fast zur Familientradition geworden, oder?

Ich wollte eigentlich auch Intensivmediziner werden wie meine Mutter und halte das immer noch für den motivierendsten Beruf überhaupt. Aber mich faszinierte auch dieser eine Gedanke, den Hermann von Helmholtz gelebt hatte – das Über-den-Tellerrand-Hinaus-Schauen. Als Unternehmer hat man die Möglichkeit, sich aus unterschiedlichen Branchen und wissenschaftlichen Disziplinen, aus der Kunst und der Philosophie zu bedienen, um Fortschritt zu ermöglichen. Mich hat übrigens auch seine Frau Anna stark inspiriert: Sie war ja die Grande Dame der Berliner Salons und hat ein großartiges Netzwerk geknüpft. Bei ihr waren die Größen der Zeit zu Gast, von Cosima Wagner über Max Liebermann bis zu Rudolf von Virchow. Bei den Treffen dieses internationalen Netzwerks kamen immer wieder neue Ideen auf. In diesem Sinne sehe ich uns auch als Ideenschmiede: Wir bringen Impulse aus unterschiedlichen Bereichen zusammen – aus der Luftfahrt, aus dem Mannschaftssport, aus der Medizintechnik und so weiter -, um damit Fortschritte für die Medizin zu erzielen.

In Ihrer Firma bringen Sie die beiden Welten Ihrer beiden berühmten Ahnherren zusammen: das Unternehmerische von Werner von Siemens, das Wissenschaftliche von Hermann von Helmholtz. Welche dieser Welten ist Ihnen persönlich näher?

Wer kann sich mit diesen beiden Größen vergleichen oder in der Dimension ihres Wirkens Vergleichbares leisten? Ich hoffe aber, dass wir mit dem, was wir hier machen, Dinge unternehmerisch in Bewegung bringen können, die auf neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhen. Ich selbst bin auf jeden Fall wohl dem Geschäftlichen näher als der Wissenschaft – das würde ich ganz klar so sehen, und manchmal bereue ich es, dass ich nicht doch noch etwas Naturwissenschaftliches studiert habe.

Nun ist die Hightech-Medizin, für die Ihr Unternehmen steht, meilenwert entfernt von jener Heilkunde, die Hermann von Helmholtz damals während seines Medizinstudiums kennenlernte. Denken Sie, Sie hätten sich etwas zu sagen, wenn er heute hier mit Ihnen durch Ihre Büros ginge?

In seiner Forschung kam Hermann von Helmholtz ja von der Muskelkraft auf die Maschinenkraft und hat allgemein sehr viel aus der menschlichen Physiologie für die Physik abgeleitet. Bei uns ist es heute umgekehrt: Wir schauen in den Bereich von industriellen Anwendungen der Automatisierung und auf Systeme mit künstlicher Intelligenz, die für Vorhersagen genutzt werden, und wenden sie dann in der Medizin an. Ich bin mir sicher, dass er sich sehr für unsere Arbeit interessieren und sie auch schnell verstehen würde. Was wir machen, ist ja eigentlich nichts anderes als die skalierte Aufnahme und Analyse von Daten – auf diese Methode hatte er ja bei seinen Beobachtungen auch gesetzt, nur dass wir das heute in der Größenordnung von Big Data tun. Ich bin mir sicher, dass wir uns gut austauschen könnten.

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13.01.2021 , Interview: Kilian Kirchgeßner
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