Portrait

„Ich bin kein Apokalyptiker“

Armin Grunwald leitet das Institut für Technikfolgenabschätzung

Der Physiker und Philosoph Armin Grunwald hinterfragt Forschung und Fortschritt. Um den Blick nach vorn richten zu können, muss er immer wieder auch zurücksehen und fragen, was wir aus technischen Neuerungen gelernt haben.

Am 4. Dezember hält Armin Grunwald im Rahmen unserer Vortragsreihe "20 Jahre - 20 Vorträge" einen Vortrag mit dem Titel: „Energiewende als sozio-technische Transformation". Mehr Informationen und weitere Termine der Vortragsreihe unter: www.helmholtz.de/20vortraege

In die Zukunft schauen zu können, ist von alters her ein Wunsch der Menschen. Für Armin Grunwald ist dies Beruf und Berufung. Doch im Gespräch stellt er schnell klar: „Ich spreche lieber von Zukünften. Alles andere klingt so, als stehe die Zukunft schon fest.“ Wer über die Zukunft nachdenkt, sollte in Möglichkeitsräumen denken, so sein Credo. „Wir wollen doch gestalten!“

Solch ein Satz ist typisch für den Technikphilosophen. Seine Aufgabe ist es, Forschung und Fortschritt zu hinterfragen und einzuordnen. Armin Grunwald leitet das Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS) am Karlsruher Institut für Technologie in der Helmholtz-Gemeinschaft. Zu den wichtigsten Eigenschaften in seiner Funktion, sagt er, zähle eine klare Sprache – denn er will gehört werden. „Schließlich geht es doch darum, die Vorteile einer neuen Technologie zu nutzen und die Nachteile zu vermeiden.“ Diese spezielle Expertise ist ausgesprochen gefragt: Als er 1999 die Leitung des ITAS übernahm, hatte er 35 Mitarbeiter. Heute sind es schon 120.

Zur Philosophie kam Grunwald auf Umwegen. Seine Karriere begann er mit einer Promotion in der Festkörperphysik. Dann, in den 1980er Jahren, boomte die EDV-Branche, und so stieg der junge Wissenschaftler dort ein. Die Softwareentwicklung blieb für ihn aber nur ein Brotjob, manchmal habe er sich sogar eingesperrt gefühlt, erinnert er sich. „Das Gehirn braucht Futter“, sagt er. Und so entschloss er sich, neben der Arbeit Philosophie zu studieren. Nun forderten ihn Adorno, Habermas und Marx in den frühen Morgenstunden und an den Wochenenden heraus; immer dann, wenn er nicht programmierte. 1991 konnte Armin Grunwald beides kombinieren, Naturwissenschaften und Philosophie: Als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt hatte er die Aufgabe, zwischen Ingenieuren und Philosophen zu vermitteln. Technikfolgenabschätzung der bemannten Raumfahrt war damals das Thema. Der Marburger Philosoph Peter Janich wurde bei dem Projekt sein Mentor, aus der Arbeit erwuchs eine Habilitation.

Die Philosophie des Armin Grunwald ist ganz praktischer Natur. Er sitzt an runden Tischen mit Ingenieuren und führt Gespräche mit Bürgern. Dort sammelt er Informationen, aber auch Emotionen. Daneben schaut er auf Publikations- und Patentstatistiken und immer auch auf den Horizont: „Horizon Scanning“ heißt die Methode, die kleinste Anzeichen für neue Trends entdecken soll. Wichtig ist für Grunwalds Arbeit aber auch der Blick zurück. Was ist an einer Technik wirklich neu? Was lässt sich aus vergangenen und gegenwärtigen Erfolgs- oder Misserfolgsgeschichten lernen, etwa aus dem Scheitern des Transrapid oder dem Erfolg der E-Bikes? „Als Philosoph bin ich immer neugierig. Oft habe ich erst einmal gar keine Meinung.“ Es sei wichtig, unvoreingenommen an die Dinge heranzugehen.

Seit 2002 leitet Grunwald auch das Büro für Technikfolgen- Abschätzung beim Deutschen Bundestag (TAB). Der 55-Jährige versteht die Arbeit dort als Beitrag zur Demokratie. Das Parlament bestimmt die Themen, das TAB macht wissenschaftliche Projekte daraus. In den vergangenen Jahren wurden beispielsweise Studien zum Climate Engineering, zu den Folgen eines längerfristigen und überregionalen Blackouts in der Stromversorgung und zur Synthetischen Biologie beauftragt. Insgesamt sitzt Grunwald in mehr als zehn Gremien. Die Endlagerkommission liegt ihm derzeit wohl am meisten am Herzen. „Das ist der Versuch, an richtiger Stelle in einem verhärteten Konflikt zu einer konstruktiven Lösung beizutragen.“ Deutschland hätte hier die einmalige zweite Chance, sagt er, mit einem Problem wie dem Atommüll besser umzugehen.

Die eigentliche Forschung musste er mehr und mehr seinen Mitarbeitern überlassen. Daher wurde es 2015 Zeit für ein Sabbatical. In Österreich, Russland und den USA hat er sich mit Kollegen getroffen und sich mit der Theorie der Technikfolgenabschätzung beschäftigt – vor allem mit der Frage, was man unter bestimmten Bedingungen überhaupt über zukünftige Technikfolgen wissen könne. Neben all der beratenden Tätigkeit müsse sich ein Philosoph auch um sein „Rückgrat“ kümmern, sagt Grunwald. „Sonst verfällt man am Ende noch in Stammtischreden.“

Im Gespräch mit Armin Grunwald ist man dann schließlich doch irgendwann versucht, die Frage nach der Zukunft zu stellen. „Ich mache mir gelegentlich meine Sorgen, aber ich bin kein Apokalyptiker“, sagt Grunwald. Den Menschen falle es schwer, schon heute die Konsequenzen aus Problemen zu ziehen, die erst in 100 Jahren auftreten könnten. Allerdings sei diese Anforderung auch neu und vielleicht müsse erst ein kollektiver Lerneffekt eintreten. „Wir Menschen sind aber anpassungsfähig und vor allem sehr kreativ – wir wollen gestalten“, sagt er. Und das stimmt optimistisch.

03.12.2015 , Susann Beetz
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