Ursprung von Halloween: Halloween stammt urpsrünglich aus Irland. Dort feierten die Kelten schon vor über 2000 Jahren am 31. Oktober "Samhain", die Feier zum Ende der Erntezeit. Das Fest wurde später durch irische Einwanderer in die USA gebracht. Bild: neonbrand/unsplash

Nervenkitzel

Darum gruseln wir uns gerne

Mit Vergnügen Horrorfilme schauen und an Halloween als furchteinflößende Gestalten verkleiden - warum wir Menschen uns so gerne gruseln, erklärt Hirnforscher Simon Eickhoff.

Herr Eickhoff, Halloween steht an. Gruseln Sie sich, wenn bei Ihnen am 31. Oktober Vampire, Zombies und unheimliche Clowns an der Tür stehen und „Süßes, sonst gibt's Saures" rufen?

Nein, aber es hängt natürlich auch immer davon ab, wer vor meiner Haustür ist. Stehen da zwei fünfjährige Kinder mit ihren Eltern, grusel ich mich nicht. Sind es jedoch 15 Jugendliche, wäre es mir wahrscheinlich schon etwas unheimlich. 

Woher kommt diese Angst?

Grundsätzlich ist es eine aus Unsicherheit geborene Angst. Das ist der Halloween-Effekt, also eine Situation, die ich nicht einordnen kann. Wenn ich nicht weiß, ob das jetzt ein gefährlicher Moment ist, sollte ich mich besser auf alle Eventualitäten vorbereiten. Wir wissen in solchen Situationen allerdings auch, dass entgegen der etwas anderes nahelegenden Sinneseindrücke eigentlich nichts passieren sollte. Diese Ambivalenz der angstauslösenden Eindrücke bei gleichzeitig bekannter Sicherheit ist genau das, was sich  beim Gruseln bemerkbar macht.

Woran erkennt man das?

Typische Angstsymptome sind Herzrasen, schnellere Atmung oder Schwitzen, verursacht durch das Adrenalin, das in den Körper rauscht. Motorisch kann es verschiedene Folgen haben: Entweder wird man sehr unruhig oder man erstarrt vor Angst. Neurobiologisch gesehen ist dies ein evolutionär sehr alter Mechanismus, der den Menschen auf die beiden einzigen Möglichkeiten vorbereitet, die er in einer bedrohlichen, potenziell gefährlichen Situation hat: Kämpfen oder fliehen?

Welche Vorgänge laufen dabei im Gehirn ab?

Eine entscheidende Rolle spielt der sogenannte Mandelkern, die Amygdala. Sie ist Teil des limbischen Systems und signalisiert, „Achtung, hier ist etwas Wichtiges, auf das man seine Aufmerksamkeit legen sollte“. Zudem gibt es entwicklungsgeschichtlich neuere Hirnregionen, vor allem im Stirnlappen, die das Geschehen einzuordnen versuchen. Das ist ein Zusammenspiel zwischen den alten, emotionalen Hirnarealen, die Relevanz beziehungsweise potenzielle Gefahr signalisieren, und den kognitiven, höheren Gehirnarealen, die die Szene rational bewerten. Sie können Entwarnung geben, also etwa: „Nein, das sind nur die Nachbarskinder, die machen nichts“. Eine der beiden Hirnregionen wird die Oberhand gewinnen.

Wovon hängt es ab, welches Hirnareal triumphieren wird?

Das hängt zum einen von der Situation und deren weiteren Verlauf ab, zum anderen aber auch von der Entwicklung der Hirnareale und damit vom Alter. Ganz kleine Kinder kennen das Gruseln, welches aus genau diesem Tauziehen resultiert, nicht. Sie haben entweder Angst oder nicht. Je älter sie werden und je weiter der Stirnlappen ausgereift ist, umso mehr können sie über die Kognition gegenregulieren. Mit zunehmendem Alter bauen sich Kinder ein Bild von der Welt auf, lernen mit Dingen in ihrer Umwelt umzugehen und können diese dann einordnen. Bleibt jedoch eine Ambivalenz, gruseln sie sich. Das ist zum Beispiel dann der Fall, wenn sie etwas Fremdes sehen, das abschreckend aussieht, die Situation insgesamt aber beherrschbar wirkt.

Warum ist dieser Aspekt der Beherrschbarkeit wichtig?

Gibt es keinen Anhalt dafür, dass es doch nicht so schlimm sein könnte, gruseln wir uns nicht, sondern dann haben wir Angst oder geraten gar in Panik. Je mehr Erfahrungen die Kinder zum Beispiel mit Halloween machen, umso besser können sie eine Situation einordnen und damit die automatische Angst regulieren. Mit dem Ende der Pubertät sind die kognitiven höheren Gehirnareale in der Regel vollständig ausgereift. Halloween wird dann immer mehr zum Spiel und zum Nervenkitzel.

Viele Menschen gruseln sich gerne. Woran liegt das?

Diese Alarmbereitschaft, die der Körper erlebt und die mit einem Schub von Adrenalin und Cortison verbunden sind, kommt einher mit einem gewissen Hochgefühl. Entwicklungsgeschichtlich macht das auch Sinn:  In einer Kampf- oder Fluchtsituation sollte man möglichst positiv gestimmt sein und sich nicht mit Zweifeln und Sorgen beschäftigen: Standen unseren Urahnen einem Säbelzahntiger gegenüber, sollten sich nicht damit beschäftigen, ob in der Höhle das Abendessen anbrennt. Das merkt man zum Beispiel bei der Fahrt mit der Achterbahn, das ist schon auch ein Nervenkitzel. Dies gilt aber nur, wenn es gleichzeitig genug Anhaltspunkte dafür gibt, dass keine echte Gefahr vorliegt – ich stehe an Halloween an meiner Wohnung oder sitze in den Gurten der Achterbahn Der Nervenkitzel stellt sich dann ein aus der Mischung der automatischen Reaktion des Gehirns und des Körpers einerseits und der (Rest-) Kontrolle andererseits. Dann bleibt das Hochgefühl.

Ist das Gruseln bei Halloween oder einem Horrorfilm eigentlich identisch mit der Reaktion, sich zu erschrecken?

Das Gruseln beruht auf der Ambivalenz zwischen bedrohlichen Sinneseindrücken und dem kognitiven Wissen, dass eigentlich nichts passieren kann. Das Erschrecken hingegen funktioniert etwas anders. Hier kommt es erst zu einer starken Angst- und Aufmerksamkeitsreaktion, dann im Nachgang zur Entwarnung und zur Neubewertung der Situation. Beim Gruseln genießen wir das Nebeneinander von Anspannung und eigentlich gegebener Sicherheit, beim Erschrecken folgt auf einen Moment des Schocks die Entwarnung. Diese Auflösung genießen wir.

30.10.2019 , Benjamin Haerdle

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