Direkt zum Seiteninhalt springen

Forschungsschiffe

Wissenschaft an Bord

<b>Mobiler Arbeitsplatz</b> Die FS Elisabeth Mann Borgese gehört zu Deutschlands kleinen Forschungsschiffen und befährt vor allem die Ostsee. Bild: Jolan Kieschke

Um den Meeren ihre Geheimnisse zu entlocken, sind Forschungsschiffe unentbehrlich. Die deutsche Flotte gilt international als vorbildlich. Doch einige ihrer Exemplare sind mittlerweile in die Jahre gekommen.

Bis zur Nase hat Michael Naumann seinen warmen Jackenkragen hochgeschlagen. Das Meer ist rau an diesem Januarmorgen, und auf dem hinteren Deck der FS Elisabeth Mann Borgese muss man einen festen Stand haben, um nicht von Wind und Seegang aus dem Gleichgewicht geworfen zu werden. Gespannt warten die Wissenschaftler an Bord des Forschungsschiffs auf die ersten Sedimentproben des Tages. Ein kleines Tauchgerät hat sie auf dem Grund der Ostsee gesammelt. Kaum ist es schwankend wieder an Deck gehoben, werden dem Instrument die schmalen Plastikrohre entnommen, die gefüllt sind mit braun-grauem Schlick. In den schiffseigenen Laboren wollen die Forscher daraus Informationen über geochemische Prozesse und die Schadstoffbelastung gewinnen.

Michael Naumann arbeitet am Leibniz- Institut für Ostseeforschung in Warnemünde. Das Leben auf dem Wasser ist für ihn zur Routine geworden: Mit seinen Kollegen fährt er regelmäßig auf die Ostsee, um zu untersuchen, wie es um das kleine Meer steht. Denn die Ostsee ist ein Sorgenkind. Dem Binnenmeer geht in den tiefen Bereichen der Sauerstoff aus, weil die zulaufenden Flüsse vermehrt Dünger ins Meer spülen. Dadurch breiten sich Algen immer weiter aus, die irgendwann absterben und zu Boden sinken. Dort werden sie von Mikroorganismen zersetzt, die dafür viel vom lebenswichtigen Sauerstoff verbrauchen. Für andere Organismen bleibt dann nicht mehr genug übrig. Im vergangenen Dezember gab es jedoch Anlass zur Hoffnung: Sehr viel frisches Salzwasser ist über die schmalen Straßen der Beltsee zwischen Dänemark und Schweden, den einzigen Verbindungen der Ostsee zum offenen Meer, eingeströmt und hat viel Sauerstoff mitgeführt. Die Wissenschaftler wollen nun herausfinden, wie es sich in der Ostsee ausbreitet und auf den Lebensraum auswirkt.

Die Elisabeth Mann Borgese, die überwiegend auf der Ostsee unterwegs ist, zählt zu den fünf regional operierenden Schiffen der deutschen Forschungsflotte: Sie misst 56 Meter und kann bis zu zwei Wochen auf dem offenen Meer sein. Unter deutscher Flagge stehen zudem drei große Forschungsschiffe, die weltweit in allen Ozeanen operieren können – die Polarstern, die Meteor und die Sonne. Letztere ist erst im Herbst 2014 in Dienst gegangen und somit das jüngste dieser Schiffe.

„Die deutsche Forschungsflotte ist im internationalen Vergleich sehr gut aufgestellt“, sagt der wissenschaftliche Koordinator Rainer Knust vom Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz- Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) in Bremerhaven. Das zeigten allein schon die drei großen Forschungsschiffe, die global operieren: Die Polarstern ist vor allem in den Gewässern der Arktis und Antarktis unterwegs, die Sonne bringt Wissenschaftler in den Pazifik oder den Indischen Ozean und die Meteor fährt vor allem im Atlantik, im Mittelmeer und im Indischen Ozean.

„Mit der heutigen Flotte sind unsere Wissenschaftler in der Lage, die Meere umfassend zu untersuchen“, sagt Klas Lackschewitz vom GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel. Auf ihren Expeditionen erkunden die Schiffe die biologischen, physikalischen, geologischen und chemischen Prozesse im Meer. „So können wir zum Beispiel die Folgen des Klimawandels verstehen, Modelle für die nachhaltige Nutzung der Meere entwickeln oder uns besser gegen die Gefahren wappnen, die von ihnen für uns ausgehen“, sagt Lackschewitz. Und da sei noch viel zu tun. So sei heute noch nicht einmal bekannt, wie viele Tierarten eigentlich in den Meeren leben.

Die acht Forschungsschiffe seien längst nicht alle, die zur Aufklärung beitragen. „Zahlreiche kleinere Schiffe, Kutter oder Barkassen erkunden die Küsten. Tauchboote, Unterwasserfahrzeuge oder autonome Tiefseedrohnen erkunden die Meere, und am Meeresboden sind Systeme zur Langzeiterfassung chemischer und physikalischer Daten verankert“, sagt Lackschewitz. „Zwei Drittel der Erdoberfläche sind von Meeren bedeckt. Wir haben aber erst einen Bruchteil davon erforscht.“

Deutschlands größtes Forschungsschiff zeigt allerdings inzwischen erste Zeichen der Altersschwäche. „Die Polarstern hat mittlerweile ein Dienstalter von 33 Jahren, und das merkt man ihr allmählich an“, sagt Rainer Knust. Anfang 2015 erst musste eine Antarktis-Expedition abgebrochen werden, weil es Probleme mit dem Antriebssystem gab. Und so sind die Tage der Polarstern gezählt. Die Ausschreibung für ein Nachfolgeschiff hat bereits begonnen, in fünf Jahren soll es der Wissenschaft übergeben werden. „Auch die Poseidon und die Meteor sind in die Jahre gekommen“, sagt Knust. „Bei diesen Schiffen stehen als nächstes Entscheidungen dazu an, wie es weitergehen soll.“

Doch die Finanzierung liegt nicht in der Hand der Wissenschaftler. In der Regel bezahlen Bund und Länder den Bau der Schiffe. Rainer Knust hofft deshalb, dass sich die zuständigen Minister schnell einigen. Die Flotte dürfe nicht zu alt werden, sonst würden die Kosten für die Reparaturen und die Ausfallzeiten für die Wissenschaft überproportional steigen. „Es geht ja nicht darum, auf Luxusschiffen zu fahren, sondern verlässliche Bedingungen für die Forschung zu haben“, sagt er.

Von der Ostsee-Reise der Elisabeth Mann Borgese im Januar gibt es mittlerweile erste Ergebnisse. „Wir sind immer noch im Einstrom- Fieber“, sagt Michael Naumann. „Schon im Januar hatte sich das zum Jahresende 2014 eingeströmte Salzwasser bis in das Bornholm-Becken ausgebreitet und das Tiefenwasser komplett belüftet.“ Nach den Berechnungen der Wissenschaftler ist es das größte Einstromereignis seit 1951 und immerhin das drittgrößte in der historischen Datenreihe seit 1880. Es wird die Umweltbedingungen in den tieferen Becken der Ostsee für die kommenden Jahre maßgeblich verbessern. „Im April wurde das östliche Gotland-Becken in der zentralen Ostsee mit erheblichen Mengen von sauerstoffreichem Wasser versorgt“, sagt Naumann. Gute Nachrichten für den Mann aus Warnemünde. Ausruhen wird er jetzt aber nicht. Die nächste Tour ist bereits geplant. Die Einströmungen in der Ostsee bieten noch viele Geheimnisse, die es zu lüften gilt.

Wie kommen die Forscher an ihre Tickets?

Wissenschaftler, die an öffentlich finanzierten Forschungseinrichtungen arbeiten, können die deutschen Forschungsschiffe für ihre Experimente nutzen. Dazu müssen sie Fahrtvorschläge beim Portal deutsche Forschungsschiffe einreichen. Dort wird nach einer Begutachtung entschieden, wer an den Fahrten teilnehmen kann.

www.portal-forschungsschiffe.de

Weitere Infos:

www.awi.de

www.geomar.de

www.deutsche-meeresforschung.de/de/organisationforschungsschiffe

Leser:innenkommentare

So neugierig wie wir? Entdecken Sie mehr.