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Interview

„Wir wollen unsere narrativen blinden Flecken hinterfragen“

Wie sieht das Energiesystem der Zukunft aus? Bild: denisismagilov/Fotolia

Wissenschaftler am Karlsruher Institut für Technologie erforschen das Energiesystem der Zukunft. Um ihre wissenschaftlichen Modelle objektiver zu machen, arbeiten sie mit Literaturwissenschaftlern zusammen. Ein Gespräch über die einzigartige Kooperation.

Prof. Dr. Veit Hagenmeyer ist Direktor des Instituts für angewandte Informatik am KIT.

Wie kam es zu der ungewöhnlichen Kooperation?

Hagenmeyer: Den Germanisten Robert Matthias Erdbeer (WWU) kenne ich seit den 1990er-Jahren, als wir beide in Berkeley forschten. Schon dort verband uns ein Interesse an vielem – von Sprache und Literatur bis zu Systemwissenschaft und Kybernetik. Später trafen wir uns in der Gesellschaft für Modellforschung mit Sitz in Berlin wieder. Aus dem Interesse für Modelle, Modellbildungs-verfahren und -theorien haben wir mit weiteren Kollegen ein Projekt entwickelt, das unsere sonst getrennten wissenschaftlichen Welten zusammenführt.

Der Öffentlichkeit sind Modelle aus der Volkswirtschaft bekannt; oder aus der Modellierung von Zukunftsszenarien, zum Klimawandel etwa. Aus den Literaturwissenschaften aber erst einmal nicht.

Hagenmeyer: Modelliert wird in allen Disziplinen; ohne Modelle können wir die Welt weder interpretieren  noch mit ihr interagieren. Jedes dargestellte Atom ist ein Modell. Und wenn sich ein Literaturwissenschaftler fragt, wie ein Roman im 19. Jahrhundert auszusehen hatte, orientiert er sich an Epochen. Damit ist auch gesagt: Jedes Modell geht mit einer Vereinfachung einher.

Ein Modell bildet nie die Wirklichkeit ab, sondern ist eben immer ein Modell?

Hagenmayer: Ja. Jede Modellierung führt zu einer Komplexitätsreduktion. Eine Landkarte zeigt nie das Land, das sie abbildet, sondern ein Modell, mit dessen Hilfe Menschen sich orientieren können. Selbst wenn Sie wollten, könnten Sie eine Landschaft nicht so abbilden, wie sie ist. Jedes Modell hat seinen Eigensinn, und: In jedes fließen gesellschaftliche Erwartungen, Prägungen, und Narrative ein. Das ist der Punkt, an dem unser wissenschaftliches Interesse einsetzt.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Hagenmayer: Nehmen Sie die Energiewende. Jedes Institut, das eine Studie erstellt, beruft sich auf wissenschaftliche Modelle. Dennoch kommen sie zu ganz unterschiedlichen Ergebnissen, häufig zu solchen, die in etwa erwartet werden: Die Grünen wissen ebenso gut, wen sie beauftragen wie die CDU. Kaum jemand weiß das besser als Armin Grunwald, Leiter des Büros für Technikfolgenabschätzung beim Deutschen Bundestag (TAB), das in Kenntnis solcher Studien das Parlament berät und das ebenfalls zum KIT gehört. Herr Grunwald hat deshalb die hermeneutische Wende in der Technikfolgenabschätzung eingeläutet: Wenn die mit Modellen erstellten Zukünfte den ganzen Möglichkeitsraum ausfüllen – dann sagen modellierte Zukünfte etwas darüber aus, wie wir uns heute sehen. Wir wollen besser verstehen, welche Narrative in unsere Modelle einfließen, indem wir diese zunächst sichtbar machen.

Wie machen Sie das?

Hagenmeyer: Die Literaturwissenschaftler kommen mit einer von ihnen entwickelten Modelltheorie in das Energy Lab 2.0, an dem KIT-Forscher an Energiesystemen forschen. Sie beobachten uns; wir stehen ihnen Rede und Antwort, wie wir zu dieser oder jener Grundannahme kommen. So wird sichtbar, mit welchen nicht wirklichkeits-, sondern annahmenbasierten Bildern wir operieren. Das liefert uns wertvolle Hinweise dazu, welche Narrative unseren Blick und den der Gesellschaft in die Zukunft prägen.

Warum sind ihre Partner Literarturwissenschaftler?

Hagenmayer: Als Informatiker und Ingenieure haben wir kein Werkzeug, um uns selbst zu unseren narrativen blinden Flecken zu befragen. Narrative beforscht man mit Mitteln der Literaturwissenschaft – in unserem Fall am besten mit einer literarischen Modelltheorie. Unsere Hoffnung ist zudem, dass wir so zu einer übertragbaren Theorie kommen, die nicht nur eine Brücke zwischen Natur- und Geisteswissenschaften schlägt. Sondern die in der Zukunft auch Beratern in gesellschaftlich und politisch relevanten Fragen ein Werkzeug an die Hand gibt.

Projekt zur Modelltheorie

Modellierung gibt es in jeder wissenschaftlichen Disziplin. Modelle bilden die Grundlage für viele politische und gesellschaftliche Entscheidungen. Außer Zahlen und Fakten fließen dabei oft auch Ideologien und Haltungen ein. In dem interdisziplinären Projekt arbeiten Literatur- und Technikwissenschaftler gemeinsam an der Entwicklung einer allgemeinen Modelltheorie. Die VolkswagenStiftung fördert das Projekt mit 940.000 Euro.

Weitere Informationen zum Projekt

Zum Weiterlesen:

Themenseite Energiewende

"Wo stehen wir mit der Energiewende" - Resonator-Podcast mit Holger Hanselka

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