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Interview

„Wir sollten die Chancen im Morgen erkennen“

(Bild: Unsplash/Yeo Khee)

Die Energiewende stellt uns nicht nur vor immense technologische Herausforderungen, sondern ist auch aus ökonomischer Sicht eine Mammutaufgabe. Im Interview benennt Erik Grawel die wichtigsten Aufgaben und Lösungsansätze der künftigen Energiepolitik.

Der Umweltökonom Erik Gawel leitet das Department Ökonomie am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung – UFZ und ist Direktor des Instituts für Infrastruktur und Ressourcenmanagement an der Universität Leipzig. (Bild: Sebastian Wiedling)

Herr Gawel, was muss aus ökonomischer Sicht getan werden, damit die Energiewende erfolgreich ist?

Wir müssen die Energiewende zügig vollenden, um so die Voraussetzung für die möglichst vollständige Dekarbonisierung in den energiebasierten Sektoren Strom, Verkehr, Wärme und Industrie bis 2045 zu schaffen. Insbesondere der Ausbau der erneuerbaren Stromversorgung muss beschleunigt vorangetrieben werden. Dabei geht es keineswegs immer um die Bereitstellung zusätzlicher Staatsmittel, sondern vielmehr um verbesserte Rahmenbedingungen für private Investments. Dazu gehören unter anderem finanzielle Anreize oder Flächenbereitstellung für die Windkraft, aber auch Anpassungen bei Genehmigungsverfahren und beim Ausschreibungsdesign. Die Energiewende muss vor allem über massive private Investitionen bewältigt werden. Wichtig ist dafür ein starker und berechenbarer CO2-Preis. Staatliche Investitionen in ausgewählten Bereichen runden dieses Szenario ab. Wir brauchen rasch ein tragfähiges grünes Investitionsprogramm durch die neue Bundesregierung.

Wie sehen die wichtigsten Aufgaben dabei aus?

Zentral sind der beschleunigte Ausbau erneuerbarer Energien zur Stromerzeugung, die Verbesserung der Energieeffizienz von Gebäuden und die Dekarbonisierung des Verkehrssektors, aber auch der energieintensiven Industrie. Die neue Regierung muss wegweisende Rahmenbedingungen setzen. Es muss die klare Ansage geben, dass der CO2-Preis weiter steigen wird. Gleichzeitig brauchen wir ein langfristig angelegtes grünes Investitionsprogramm und einen energiewendefreundlichen Regulierungsrahmen. Analog zur bestehenden Strom- und Gasnetzregulierung wird auch der Einsatz von Wasserstoff gestaltet werden müssen. Zuallererst gilt es aber, umwelt- und klimaschädlicher Subventionen abzubauen, um grüne Investitionen nicht zu konterkarieren: Es ist unsinnig, auf der einen Seite grüne Energie zu fördern und auf der anderen Seite fossile Strukturen mit Milliarden von Euros zu begünstigen. In Bereichen wie Güter- oder Luftverkehr, in denen viel technologisches Potential für die Dekarbonisierung steckt, sollte der Bund durch Forschungs- und Entwicklungsförderung Innovationen vorantreiben.

Welche Lösungsansätze gibt es bereits für diese Aufgaben?

Für die meisten dieser Aufgaben liegen Konzepte und Instrumente längst auf dem Tisch, etwa zur Elektrifizierung des motorisierten Individualverkehrs. Jetzt geht es an die Umsetzung. Andere Bereiche sind technologisch noch offener, etwa eine nachhaltige Antriebsenergie für Flugzeuge oder Güterverkehr. Die Herausforderung der Speicherung volatilen grünen Stroms – auch über Jahreszeiten hinweg – muss rasch gelöst werden. Ökonomisch ist hier immer ein Mix aus Anreizen, klaren Rahmenbedingungen und Zielvorgaben sowie öffentlichen Ausgaben und Einnahmen zielführend. Zu viel Mikromanagement und Förderaktionismus sind nicht hilfreich. Subventionen in Form von Kfz-Kaufprämien empfehlen sich im Rahmen einer rationalen Wirtschaftspolitik nur in sehr engen Grenzen: Subventionen für Hochpreisfahrzeuge sowie Antriebstechnologien mit zweifelhaftem Klimaschutzbeitrag wie Plug-in-Hybride weisen in die falsche Richtung.

Was sollte Ihrer Meinung nach getan werden, um soziale Verwerfungen abzumildern?

Es ist wichtig, die Lasten des Überganges so gering wie möglich zu halten und gerecht zu verteilen. Deswegen sprechen sich Ökonomen für Instrumente wie den Emissionshandel oder Abgaben aus. Diese sorgen dafür, dass die gesamtwirtschaftlichen Lasten eines gegebenen Emissionsziels so gering wie möglich ausfallen. Ergänzend führen Pro-Kopf-Rückzahlungen aus diesen Einnahmen dazu, dass Geringverdiener mit geringerem CO2-Fußabdruck per Saldo sogar profitieren können. Soziale Verwerfungen müssen aber auch belegt und nicht nur behauptet werden. So ist fraglich, ob eine künftige Beschränkung der in der Vergangenheit ständig erweiterten Entfernungspauschale, die Gutverdienern in Euro betrachtet mehr einbringt, wirklich eine solche „Verwerfung“ darstellt. Auch haben Preise ihren guten Sinn, etwa energiesparendes Verhalten anzureizen. Diese Instrumente sollten grundsätzlich für alle erhalten bleiben.

Bedeutet die Energiewende aus ökonomischer Sicht immer nur Verzicht?

Energiewende bedeutet in erster Linie Veränderung. Vieles davon geht ohne Verzicht und führt sogar zu einem Zugewinn. Ein konkretes Beispiel dafür ist eine dauerhaft umweltgerechte und langfristig sogar kostengünstigere Energieversorgung aus der Region ohne die heutigen Importabhängigkeiten. Auf dem Weg dorthin fallen Kosten für die Veränderung an. Aufgabe des Bundes ist es, diese Lasten der Energiewende im vernünftigen Rahmen zu halten und gerecht zu verteilen. Langfristig werden wir durch das Zeitalter der Erneuerbaren Energien jedoch nicht ärmer, sondern reicher. Schließlich gilt: Der Verzicht auf Altes zugunsten des Neuen ist nicht immer ein Verlust. In der neuen LED-Welt verzichten wir wohl alle gern auf veraltete, ineffiziente, zum Teil gefährliche Leuchtmittel der Vergangenheit. Wir sollten vor allem die Chancen im Morgen erkennen und uns von den Mühen des Übergangs nicht entmutigen lassen.

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