Interview
„Wir sollten auch Indigenes Wissen mit einbinden“

Der Glaziologe Prof. Hajo Eicken ist wissenschaftlicher Leiter des Alfred-Wegener-Instituts (AWI). (Foto: Alfred-Wegener-Institut / University of Alaska Fairbanks)
Hajo Eicken wird neuer Leiter des Alfred-Wegener-Instituts in Bremerhaven – und kommt dafür nach fast drei Jahrzehnten aus Alaska nach Deutschland zurück. Ein Gespräch über seine Erfahrungen im Meereseis, über den Blick aus seinem Fenster in Alaska – und über seine Vision von einer ganzheitlichen Polarforschung.
Herr Professor Eicken, soviel näher als von Ihrem vorherigen Arbeitsplatz in Alaska kann ein Glaziologe eigentlich gar nicht am Eis sein, oder?
Das stimmt, wir hatten das Eis von Fairbanks aus sozusagen in Pendelentfernung: Wenn ich morgens losgeflogen bin, stand ich am Nachmittag am Rande des arktischen Ozeans auf Meereis.
Was hat Sie dann nach Bremerhaven gelockt?
Vor fast 30 Jahren habe ich sehr bewusst die entgegengesetzte Richtung gewählt: Ich wollte näher am Eis sein. Aber die Forschung hat sich in der Zwischenzeit weiterentwickelt: Die Eisbedeckung der Meere und ihre gewichtige Rolle ist tief ins öffentliche Bewusstsein gedrungen, das war früher anders. Es ist bekannt, wie wichtig das Meereis für die Ökosysteme, für die Gesellschaft, für wirtschaftliche Unternehmungen ist. Mich haben die Zusammenhänge stärker zu interessieren begonnen, und am Alfred-Wegener-Institut möchte ich ganzheitliche Polarforschung umsetzen.
Was nehmen Sie mit aus Ihrer Zeit so nah am Eis?
In Alaska habe ich sehr früh gemerkt, wie rapide sich die Verhältnisse verschieben, wie rasant das Eis schmilzt. Und das aus unmittelbarer Nähe: Wir sind üblicherweise im November rausgegangen auf das Eis, um unsere Instrumente dort einzufrieren. Sie messen über Monate hinweg die Basisdaten – also Temperatur, Salzgehalt des Eises, Eisdicke, Wachstums- und Schmelzgeschwindigkeit und so weiter. Im November war das Eis, das fest am Land anfriert, zwischen 30 und 50 Zentimeter dick und konnte uns und die verschiedenen Instrumente problemlos tragen. Mitte Juni sind wir wieder hingegangen und haben die Instrumente rausgeholt. 1999 war ich zum ersten Mal dabei, aber ab 2004 konnten wir nicht mehr im November raus - teilweise mussten wir bis Januar auf stabiles Eis warten.
Woher kommt eigentlich Ihr Faible für das Eis?
Ich habe mich schon als Junge für die Natur interessiert. Mein Großvater hat in einem kleinen Dorf in der Nähe von Bremerhaven gewohnt. Bei ihm habe ich viel Zeit verbracht und dort ein besseres Naturverständnis entwickelt. Im Urlaub in den Alpen war ich dann fasziniert von Mineralien – und von da aus ist es ja nur noch ein kleiner Schritt zum Eis, das ich als Gestein sehe, das sich einfach nur sehr nahe am Gefrier- oder Schmelzpunkt befindet.
Für Ihre Diplomarbeit waren Sie dann aber zunächst in Brasilien…
…da ging es um Lagerstättenkunde, richtig. Während eines Besuchs zu Hause habe ich in Bremerhaven im Schwimmverein meinen späteren Doktorvater Manfred Lange kennengelernt, das war in den Anfangsjahren des AWI in den 1980er Jahren. Er war damals auf der Suche nach einem Hiwi, der bei Dünnschnitten im Eis hilft, und so kam ich zur Glaziologie - und übrigens auch zu meiner ersten Expedition.
Erzählen Sie!
1986 hat das AWI die erste Winter-Expedition in richtig großem Umfang vorbereitet, da war auch die Crème de la Crème der Meeresbiologie dabei. Aber sie brauchten eben auch jemanden, der ihnen die Eisbohrkerne aufschneidet, Dünnschnitte herstellt und Basismessungen macht. Einer sagte: ‚Mensch, da können wir euch den Hajo mitschicken!‘ – Ich war der einzige Vordiploms-Student, der damals auf der Polarstern dabei war. Das war unheimlich prägend.
Jetzt kommen Sie viele Jahre später wieder zurück ans AWI. Was haben Sie Neues gelernt über das Institut?
Als Meereisforscher kannte ich die Arbeit des AWI in diesem Bereich natürlich. Dennoch war Vieles war für mich eine absolute Neuentdeckung. Es war beeindruckend, sowohl die Bandbreite des AWI zu sehen als auch das hohe Niveau der Arbeiten.
Welche eigenen Akzente möchten Sie setzen?
Ich habe in den vergangenen Jahren sehr viel über Team Science gelernt, wie wir das in den USA genannt haben: darüber, wie interdisziplinäre Teams in der Wissenschaft zusammengesetzt sein sollten und wie stark sie die Forschung vorantreiben können. Vor allem in den Polarregionen war das ja schon immer wichtig gewesen, weil die Expeditionen hochkomplex sind und ganz unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichen Schwerpunkten auf engem Raum zusammenbringen. Diese Erfahrung möchte ich mit ans AWI bringen: Wir sollten uns Gedanken darüber machen, wie wir die Leute noch besser unterstützen können, ihre Forschung voranzutreiben, aber gleichzeitig auch die Effizienz des Teams zu erhöhen.
Werden Sie gern konkreter!
Das AWI ist historisch als naturwissenschaftliches Forschungsinstitut konzipiert, aber es gibt eine kleine, feine Gruppe an Sozialwissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern. Meine Vorstellung ist es, dass wir das AWI – mit externen Partnern – als führendes, ganzheitliches Polarforschungsinstitut etablieren. Wir müssen die Grundlagen des Erdsystems verstehen, aber wir müssen auch nach den Zusammenhängen und Auswirkungen für die Gesellschaften fragen, die Teil dieses Erdsystems sind. Um das gut machen zu können, brauchen wir noch bessere Ansätze und auch ein breiteres Methodenspektrum.
Haben Sie da KI und Big Data im Blick?
Es wird immer über Big Data geredet, aber die Arktis ist in gewisser Weise Small Data with Big Impact. Als Fridtjof Nansen 1893 für drei Jahre in die Arktis gefahren ist, hat er die Temperatur des Wassers und den Salzgehalt gemessen – das wird im Prinzip auch heute noch so gemacht. Klar, wir haben autonome Sensorsysteme, verknüpfen Satellitenfernerkundung mit boden- und wassergestützter Messung. Es geht aber nicht immer darum, mit einem Satelliten Millionen von Datenpunkten auszuwerten: Schon einzelne, klug gewählte Messpunkte können das Bild vervollständigen. Wir sollten aber auch stärker das Indigene Wissen mit einbinden, es gibt uns ganz andere Möglichkeiten und auch Perspektiven. Das ist es, was ich mit ganzheitlicher Polarforschung meine.
Wie wird es eigentlich für Sie, wenn Sie jetzt nach fast drei Jahrzehnten nach Deutschland zurückkommen?
(lacht) Sicher wird schon das normale Leben ein Abenteuer. In Alaska schaue ich auf meinen eigenen Wald, und wenn ich aus dem Fenster gucke, sehe ich da hinten einen Elch liegen. Dort konnte ich tun und lassen, wozu ich lustig war – das wird im dicht besiedelten Deutschland sicher nicht so einfach.
Was wird denn Ihre erste Amtshandlung?
Ich freue mich drauf, neue Leute kennenzulernen und erst einmal besser zu verstehen, was am AWI mit seinen verschiedenen Forschungsstationen so alles gemacht wird. Das hat höchste Priorität. Und gerade gestern hat mir ein alter Freund eine Nachricht geschrieben, ob wir nicht mal wieder gemeinsam auf Geeste und Weser paddeln wollen. Da freue ich mich drauf: die Seehunde und die Zugvögel zu sehen – wieder zurück zu sein an den tollen Gewässern, die wir da rund um Bremerhaven haben.
Hajo Eicken ist seit dem 20. März neuer Leiter des Alfred-Wegener-Instituts (AWI) in Bremerhaven. Der Glaziologe arbeitete seit 1998 an der University of Alaska in Fairbanks. Zuletzt leitete er dort als Direktor das International Arctic Research Center (IARC). Nach seinem Studium der Mineralogie an der TU Clausthal promovierte er an der Universität Bremen und arbeitete mehrere Jahre lang im Bereich der ozeanischen und atmosphärischen Physik am AWI.
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