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Alzheimer

„Wir sind einen großen Schritt vorangekommen“

Foto: freshidea - Fotolia

Der Biochemiker Christian Haass erforscht Alzheimer. Für ihn ist glasklar, dass das Protein Amyloid die Demenz-Erkrankung auslöst. Jetzt geht es ihm darum, die Krankheit rechtzeitig diagnostizieren zu können. Denn nur im Frühstadium sind Antikörper in der Behandlung wirksam.

Herr Haass, Demenz-Erkrankungen wie Alzheimer gelten derzeit als große Herausforderung für die Wissenschaft. Wieso?

Da ist zum einen die hohe Zahl an Betroffenen. Wir gehen von derzeit rund 1,6 Millionen Demenz-Erkrankten in Deutschland aus, von denen der überwiegende Anteil an Alzheimer leidet. Allein in der Pflege, aber auch im psycho-sozialen Bereich stellt das unsere Gesellschaft vor große Herausforderungen. Das Problem wird immer größer werden, denn die Menschen werden immer älter. Zum anderen können wir diese Krankheit noch nicht heilen. Wir brauchen dringend wirksame Mittel.

Was ist denn derzeit über die Entstehung von Alzheimer bekannt?

In der Erforschung dieser Krankheit sind wir in den letzten 20 Jahren einen großen Schritt vorangekommen. Entgegen der Meinung einiger Skeptiker ist die Ursache der Alzheimer-Krankheit aus unserer Sicht kristallklar: Sie entsteht, vereinfacht gesagt, durch Amyloid-Ablagerungen im Gehirn. Bei Alzheimer-Patienten wird dieses Protein mit dem Stoffwechsel nicht abtransportiert, sondern lagert sich im Gehirn ab, stört dort die Signalübertragung und führt zum Tod von Nervenzellen. Dadurch verlieren die Patienten das Gedächtnis. Die Amyloid-Plaques verursachen also die Alzheimer-Krankheit.

Amyloid ist die Ursache, die Sie bekämpfen wollen?

Ja. Amyloid ist der Trigger für die Erkrankung. Das Protein ist nicht allein ursächlich, spielt aber eine entscheidende Rolle. Die Forschung ist da definitiv auf dem richtigen Weg, wenn sie versucht, die Amyloid-Verklumpungen an den Nervenzellen aufzulösen. Wir alle produzieren während des gesamten Lebens Amyloid. Dies ist die Ursache für das extrem hohe Risiko im Alter, da dann das Amyloid offenbar nicht mehr richtig abgeräumt wird und akkumuliert. Auf Island und in Finnland gibt es Familien, deren Mitglieder seit Generationen sehr alt werden - ohne Alzheimer oder eine andere Demenz zu entwickeln. Diese Menschen haben eine Genveränderung, die die Entstehung des Amyloids während der gesamten Lebenszeit reduziert. Dies zeigt nicht nur, dass Amyloid die Ursache der Erkrankung ist, sondern, auch, dass eine Therapie, die auf eine langfristige Reduktion des Amyloids zielt, erfolgreich sein wird. Übrigens, beim familiär vererbten Alzheimer geschieht genau das Gegenteil: Es wird mehr Amyloid produziert und dieses verklumpt auch noch schneller. Das hat zur Folge, dass die Erkrankung bereits in jungen Jahren ausbricht.

Es ist aber auch immer wieder von Tau-Proteinen die Rede. Gibt es andere Ursachen im Hirn, die verursachend für Alzheimer sein könnten?

Ja, die gibt es, aber sie hängen unmittelbar mit Amyloid zusammen. Wir gehen von einer Kaskade aus: Ursächlich ist zunächst das Amyloid, das die Krankheit auslöst. Dann kommen die Tau-Proteine, die durch das Amyloid freigesetzt werden und die Zellen schädigen.

Es gibt also zwei Ursachen für die Alzheimer-Krankheit?

Nun ja, alles zusammen ist die Ursache. Die Tau-Ablagerungen im Alzheimer-Hirn können nicht ohne das Amyloid entstehen. Zuerst ist das Amyloid da, dann kommen die Tau-Proteine. Wenn die Tau-Proteine jedoch einmal durch das Amyloid angefangen haben zu verklumpen, brauchen sie dieses nicht mehr und können auch allein tödlich auf die Zellen wirken. Die Tau-Proteine breiten sich dann sogar im Gehirn aus. Sie wandern von einer Zelle zur nächsten. Wenn man also einen Antikörper gegen die Amyloid-Ablagerungen findet, hat man ein sehr wirksames Mittel gegen beide Ursachen. Das Gleiche gilt aber auch für Tau-Antikörper.

Warum gibt es denn nach so vielen Jahren Forschung noch kein Mittel gegen Alzheimer?

Es gibt einige vielversprechende Wirkstoffe. Allerdings ist die Krankheit besonders tückisch. Sie wird mindestens zehn bis zwanzig Jahre vor der Sichtbarkeit der ersten Symptome beim Patienten angelegt. In den meisten Fällen kommen die Patienten also viel zu spät in eine Behandlung. Dann können die Amyloid-Plaques zwar oft noch beseitigt werden, die Zellen an den betroffenen Stellen sind aber meist bereits abgestorben und nicht mehr regenerierbar. Auch mit Impfungen ist die Krankheit in diesem Stadium nicht mehr zu stoppen. Eine aktuelle Studie in der Fachzeitschrift Nature hat gerade gezeigt, dass man in einem sehr frühen Stadium der Erkrankung Amyloid fast komplett beseitigen und sogar das Gedächtnis stabilisieren kann. Darauf setzen wir alle große Hoffnung.

Wieso kann man die Krankheit nicht rechtzeitig erkennen?

Das geht zwar mit bildgebenden Verfahren, die die Plaques sichtbar machen. Da die Patienten jedoch noch keine Symptome zeigen, kommen sie natürlich nicht rechtzeitig zu entsprechenden Untersuchungen. Und wenn sie dann kommen, ist es für eine wirksame Behandlung eben oft zu spät.

An welchen Symptomen könnten Patienten ein solches ganz frühes Stadium der Erkrankung erkennen?

Das ist derzeit immer noch schwierig. Im Alltag ist Alzheimer in der Frühphase durch den Patienten kaum zu diagnostizieren. Dass wir zum Einkaufen in den Supermarkt fahren und nach dem Einkauf vergessen haben, wo wir unser Auto abgestellt haben, ist zum Beispiel etwas, das jedem passiert. Das ist noch längst kein Anzeichen für eine Demenz-Erkrankung wie Alzheimer. Wenn man allerdings jeden Tag zum selben Geschäft fährt, sein Auto an derselben Stelle parkt und sich dann nicht daran erinnern kann, wo man es abgestellt hat, könnte das ein erstes Anzeichen sein. Aber dann ist die Erkrankung unter Umständen auch schon fortgeschritten. Uns fehlen entsprechende Biomarker, die ein frühes Stadium der Erkrankung beim Patienten anzeigen.

Gibt es andere Wirkstoffe, die im Kampf gegen Alzheimer Hoffnung machen?

Die besten Wirkstoffe, die derzeit getestet werden, sind solche, die sich gegen das Amyloid richten. Dazu gehört auch die therapeutische Inhibition der beta-Sekretase. Das ist ein Enzym, das den ersten Schnitt setzt, mit dem das Amyloid freigesetzt wird. Ganz groß wird derzeit auch eine Doppelbehandlung diskutiert. Das bedeutet, dass man impft und anschließend Beta-Sekretase-Hemmer gibt, um die Konzentration des Amyloids dauerhaft gering zu halten. Eine präklinische Studie an Tieren, die vor einigen Wochen auf einer Konferenz präsentiert wurde, ist sehr vielversprechend. Ich glaube, dass dieser Weg auch für den Menschen Hoffnung macht.

Wann gibt es aus Ihrer Sicht eine flächendeckende Therapie?

Die Immuntherapie befindet sich derzeit in der klinischen Phase III. Da ist man also schon ein gutes Stück vorangekommen. Doch wie lange es dauert, bis wir ein Medikament haben, ist leider überhaupt nicht vorhersagbar. Diese Studien sind sehr langwierig und in der Phase III werden üblicherwWeise erst mögliche Nebenwirkungen sichtbar. Einen Zeitpunkt können wir deshalb nicht angeben. Immerhin wissen wir aber, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Und selbst wenn Nebenwirkungen auftreten, heißt dies natürlich nicht, dass eine Amyloid-basierte Therapie falsch ist oder gar Amyloid nichts mit der Erkrankung zu tun hat.

Nun werden immer wieder Beispiele von Nonnen genannt, die sehr alt geworden sind, deren Gehirn voll mit Amyloid-Plaques waren und die dennoch nicht an Alzheimer erkrankt sind. Wie ist das aus Ihrer Sicht zu erklären?

Ja, dieses Beispiel wird immer wieder gegen die Amyloid-Forschung angebracht. Wir sehen darin jedoch keinen Widerspruch. Aus unserer Sicht waren sie auf dem Weg dahin, Alzheimer zu entwickeln. Ihr Gehirn hatte allerdings genügend Reservekapazität, um die Auswirkungen der Krankheit zu kaschieren. Abhängig von dieser Reservekapazität bricht die Krankheit beim einen Patienten früher, beim anderen später aus. Nonnen, die wahrscheinlich körperlich und geistig gesund gelebt haben, hatten davon offensichtlich genug.

Körperliche und geistige Fitness kann den Verlauf der Krankheit also verlangsamen?

Ja, unbedingt. Wie bei so vielen Erkrankungen spielt die Lebensweise auch bei Alzheimer eine Rolle. Wer körperlich und geistig aktiv ist, schafft sich für Demenzerkrankungen eine bessere Reserve als jemand, der das nicht tut. Das heilt die Krankheit aber nicht, man kann die Symptome nur über einen gewissen Zeitraum etwas eindämmen.

Foto: Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München

1960 in Mannheim geboren, studierte Christian Haass in Heidelberg Biologie. Nach einer Station als Postdoc und Assistant Professor an der Harvard Medical School kehrte er 1995 nach Deutschland zurück, zunächst an das Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim. 1999 erhielt er einen Ruf an Ludwig-Maximilians-Universität München. Dort ist er heute Institutsleiter am Biomedizinischen Zentrum und vertritt als Standortsprecher auch das Deutsche Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE). Haass ist vielfach für seine wissenschaftlichen Leistungen ausgezeichnet: Unter anderem erhielt er 2002 den Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Preis, 2006 und 2015 den MetLife Award, 2013 einen ERC-Grant und 2014 das Bundesverdienstkreuz.

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