Longevity

Wie lange können wir leben?

Telomere, die Schutzkappen auf den Enden der Chromosomen, verkürzen sich mit dem Alter und mit jeder Zellteilung. Bild: picture alliance / Science Photo Library | KATERYNA KON

Viele Longevity-Versprechen halten der Wissenschaft nicht stand. Doch es gibt Hebel, die die gesunde Lebensspanne beeinflussen können – wenn man den ganzen Körper in den Blick nimmt.

122 Jahre und 164 Tage. So alt wurde Jeanne Calment aus Frankreich, der älteste Mensch, dessen Alter je verlässlich dokumentiert wurde. Ein unfassbar langes Leben. Und doch endete auch dieses Leben irgendwann. Das Alter dauerhaft besiegen kann niemand. Die Longevity-Bewegung versucht diese Grenze weiter hinauszuschieben. Fastenkuren, Nahrungsergänzungsmittel, Eisbäder oder Infusionen versprechen ein längeres Leben. Doch was davon hält einer wissenschaftlichen Überprüfung tatsächlich stand?

„Es geht nicht in erster Linie darum, das Leben zu verlängern. Es geht darum, die Anzahl der gesunden Lebensjahre zu erhöhen“, sagt Monique Breteler, Direktorin für Populationsbezogene Gesundheitsforschung am Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) und Leiterin der Rheinland-Studie, um die es hier noch gehen wird. Genau hier setzt die moderne Longevity-Forschung an. Sie sucht nicht nach einer einzelnen Wunderpille gegen das Altern. Stattdessen versucht sie zu verstehen, welche biologischen Prozesse den Körper altern lassen – und an welchen Stellen sich tatsächlich eingreifen lässt.

Monique M. B. Breteler, Direktorin für Populationsbezogene Gesundheitsforschung am Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE), Bild: DZNE

Das der Weg komplexer ist als viele Longevity-Versprechen vermuten lassen, zeigt auch die Forschung von Martin Hrabě de Angelis an, Direktor des Instituts für Experimentelle Genetik am Helmholtz Munich und Inhaber des Lehrstuhls für Experimentelle Genetik an der TU München. In einer Studie untersuchte sein Team gemeinsam mit Forschenden des DZNE und des Deutschen Zentrums für Diabetesforschung (DZD) drei Ansätze, die als mögliche Hebel gelten: erstens das inzwischen weithin bekannte intermittierende Fasten. Zweitens Eingriffe in einen Zellstoffwechselweg, der eine wichtige Rolle bei der Zellalterung zu spielen scheint. Drittens eine Signalkette rund um Wachstumshormone, die in Tiermodellen mit Langlebigkeit in Verbindung gebracht wird. Das Ergebnis: „Einzelne altersabhängige Messwerte – etwa beim Bewegungsverhalten, im Stoffwechsel oder im Immunsystem – wirkten zwar günstiger. Der Alterungsprozess insgesamt wurde dadurch aber nicht erkennbar verlangsamt“, sagt Hrabě de Angelis.

Die Studie macht deutlich: Altern ist kein einzelner biologischer Vorgang, den sich mit einem einzigen Eingriff aufhalten lässt. Verschiedene Organe und Körpersysteme altern unterschiedlich schnell und beeinflussen sich gegenseitig. Grundsätzlich gilt laut Hrabě de Angelis: „Man darf Altern nicht nur daran messen, ob ein Organismus länger lebt Wir müssen den ganzen Körper anschauen – wie bei einem großen Gesundheitscheck. Erst wenn viele Bereiche der Physiologie zusammen betrachtet werden, sieht man, ob eine Intervention wirklich in den Alterungsprozess eingreift oder nur einzelne gesundheitsfördernde Effekte erzeugt.“

Das klingt erst einmal ernüchternd: Der eine Schalter, der das Leben zuverlässig verlängert, ist bislang nicht gefunden. Doch die Forschung bestätigt, dass wir mit einem gesunden Lebensstil das Altern verzögern können: Viel Bewegung, die richtige Ernährung, möglichst wenig Stress und ausreichend Schlaf. 

Wie groß die Wirkung von Bewegung ist, nicht auf Mäuse, sondern auf Menschen über viele Jahre, das ist sehr aufwändig herauszufinden. Sie wirkt im Körper äußerst komplex: auf Muskeln und Gefäße, Stoffwechsel, Immunsystem und Gehirn zugleich. Eine der wenigen Studien weltweit, die Derartiges schaffen kann, ist die sogenannte Rheinland-Studie am Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen. Sie läuft seit 2016 im Raum Bonn, mehr als 15.000 Menschen nehmen bereits teil, langfristig sollen es etwa 20.000 werden. Ihr Ziel ist es, mehr über genetische und umweltbedingte Faktoren zu lernen, die Menschen gesund altern lassen und daraus Strategien zur Vorbeugung von altersbedingten Erkrankungen zu entwickeln.

Martin Hrabě de Angelis . Bild: Helmholtz Munich

Das Besondere: Die Teilnehmenden werden nicht einmal untersucht, sie kommen alle paar Jahre erneut in die Studienzentren. Dort werden Blut, Urin, Herz-Kreislauf-Werte, körperliche Fitness, Lebensstil, Ernährung, Hören, Sehen, Gedächtnisleistung, Gehirnstruktur und mehr erfasst. „Die Studie ist darauf angelegt, über Jahrzehnte zu laufen“, sagt Monique Breteler, die die Rheinland-Studie leitet.

Bei Bewegung zeigt sich bereits ein Zusammenhang: In einer Auswertung von mehr als 3.500 Teilnehmenden waren Menschen mit mehr körperlicher Aktivität epigenetisch jünger. Epigenetik beschreibt chemische Markierungen am Erbgut, die die DNA selbst nicht verändern, aber beeinflussen können, welche Gene stärker oder schwächer abgelesen werden. Bestimmte Muster solcher Markierungen verändern sich mit dem Alter so verlässlich, dass Forschende daraus biologische Altersuhren ableiten. In der Rheinland-Studie zeigte sich: Bewegung war mit einem jüngeren Profil dieser Altersuhren verbunden. Ein Teil dieses Zusammenhangs ließ sich statistisch dadurch erklären, dass körperlich aktivere Menschen zugleich günstigere Immun- und Herz-Kreislauf-Werte hatten – also weniger Zeichen jener Prozesse, die das Altern offenbar mit antreiben

Für Breteler ist das ein Beispiel dafür, wie Prävention künftig genauer werden könnte. Allgemeine Empfehlungen bleiben wichtig – niemand profitiert davon, sich gar nicht zu bewegen. Doch die Forschung soll darüber hinausgehen. „Wir wollen nicht nur sagen: Steh vom Sofa auf und geh spazieren“, sagt Breteler. „Wir wollen verstehen, welche Mechanismen dahinterstehen – und daraus gezieltere Empfehlungen und Therapien ableiten.“

Konkret könnte das etwa bedeuten: Wenn bei einem Menschen vor allem Gefäße, Blutdruck oder Entzündungswerte auffällig sind, könnte Bewegung gezielter auf Ausdauer und Stoffwechsel ausgerichtet werden; bei anderen, bei denen eher Gehirn- oder Gedächtnisfunktionen im Vordergrund stehen, könnten andere Formen von Aktivität, Ernährung oder Hör- und Sehgesundheit stärker ins Gewicht fallen.

Genauso wichtig wie Bewegung scheint die richtige Ernährung zu sein. In der Rheinland-Studie wurden etwa verschiedene gesunde Ernährungsweisen untersucht, darunter mediterrane Ernährung, DASH- und MIND-Diät. DASH steht für „Dietary Approaches to Stop Hypertension“, also Ernährungsansätze gegen Bluthochdruck; MIND steht für „Mediterranean-DASH Intervention for Neurodegenerative Delay“, eine Kombination aus mediterraner und DASH-Ernährung, die besonders auf die Gehirngesundheit zielt.

Bild: Karpenkov Denis/Shutterstock

Die mediterrane Ernährung setzt vor allem auf fünf Bausteine: viel Gemüse und Obst, Vollkornprodukte und Hülsenfrüchte, Nüsse, Olivenöl sowie regelmäßig Fisch. Die DASH-Diät wurde ursprünglich gegen Bluthochdruck entwickelt; sie ergänzt die mediterrane Ernährung mit fettarmen Milchprodukten und Geflügel – bei möglichst wenig Salz, Zucker, rotem Fleisch und stark verarbeiteten Lebensmitteln. Die MIND-Diät kombiniert Elemente der mediterranen Ernährung und der DASH-Diät mit besonderem Fokus auf das Gehirn; zusätzlich explizit empfohlen werden unter anderem grünes Blattgemüse und Beeren.  

Die empfohlenen Ernährungsweisen ähneln also einander und sind alle mit langsamerem biologischem Altern verbunden. Und doch sind diese Ernährungsstile nicht einfach austauschbar. Offenbar führen sie zu verschiedenen epigenetischen Veränderungen, denn chemische Veränderungen beeinflussen die genetische Aktivität. Die MIND-Diät scheint eher Prozesse zu beeinflussen, die mit der Gehirnfunktion zusammenhängen, die DASH-Diät stärker gefäßbezogene Mechanismen. „Das könnte künftig helfen, Empfehlungen genauer auf einzelne Menschen zuzuschneiden – je nachdem, wo ihre persönlichen Risiken liegen“, so Breteler.

So verschiebt sich der Blick auf Longevity. Es geht nicht darum, dem Körper ein einzelnes Anti-Aging-Signal zu geben. Es geht darum, die vielen Systeme zu verstehen, die gemeinsam beeinflussen, ob ein Mensch nur älter wird – und individuell entsprechende Impulse zu geben, die beim jeweiligen Menschen eher größere Hebel haben. 

Neben Bewegung und Ernährung können deshalb auch andere Faktoren individuell zu größeren Hebeln werden: Stress zum Beispiel. Ein möglicher Mechanismus führt zu den Telomeren, den Schutzkappen am Ende der Chromosomen. Sie verkürzen sich bei Zellteilungen natürlicherweise; wenn dieser Prozess beschleunigt abläuft, gilt das als Hinweis auf biologische Alterung.

In der sogenannten KORA-Studie, die von Helmholtz Munich federführend geleitet wird, zeigte sich bei rund 3.000 Teilnehmenden: Menschen mit posttraumatischen Belastungssymptomen hatten im Durchschnitt kürzere Telomere. Das ist ein Hinweis darauf, dass schwerer Stress bis auf die molekulare Ebene reichen kann. Entsprechend kann ein Schutz vor Stress bei entsprechend Betroffenen womöglich ein wichtiger Impuls sein. 

Auch Schlaf ist mehr als Erholung im Alltag. Forschende des Forschungszentrums Jülich ließen junge Erwachsene mehr als 24 Stunden wach bleiben und bestimmten danach per MRT und Algorithmus das biologische Alter ihres Gehirns. Nach einer Nacht ohne Schlaf sah das Gehirn vorübergehend ein bis zwei Jahre älter aus; nach erholsamem Schlaf verschwand der Effekt wieder.

Klar, nach ein bis zwei Jahren sieht das Gehirn dann trotz gutem Schlaf womöglich entsprechend älter aus. Aber das gehört zum Altern hinzu. Ebenso wie – und das ist die gute Seite – ein gewisses Maß an Weisheit, gespeist auch durch Lebenserfahrung. Dem schwedischen Regisseur Ingmar Bergman wird folgendes Zitat zugeschrieben: „Alt werden ist wie auf einen Berg steigen. Je höher man kommt, desto mehr Kräfte sind verbraucht, aber umso weiter sieht man.“

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