Weltwassertag

„Wasser hat eine demokratische Dimension“

Prof. Dr. Dietrich BorchardtLeitender Wissenschaftler UFZ und Sprecher Helmholtz-Forschungskampagne „Water Safety and Security“. Bild: UFZ

Ein UN-Bericht hat jüngst vor einem „globalen Wasserbankrott“ gewarnt. Im Interview erläutert der UFZ-Hydrobiologe Dietrich Borchardt, wie es weltweit um die Situation des Wasserhaushalts bestellt ist und was die Herausforderungen sind. 

Damit will die UN die Dringlichkeit des Themas verdeutlichen und zeigen, dass einige Schäden mittlerweile unumkehrbar sind. Ich stehe dieser Wortwahl eher skeptisch gegenüber, weil ich mich frage, ob der Begriff weiterhilft. Der Bericht benennt reale und zum Teil gravierende Probleme bei der Wasserverfügbarkeit und der Wasserqualität, aber sie sind nicht neu – sie werden nur neu benannt. Was mir fehlt, ist die Lösungsperspektive mit einem analytischen Blick auf Erfolgsfaktoren für ein gelungenes Wasser- und Gewässermanagement, denn dafür gibt es regional in vielen Ländern der Welt gute Beispiele. 

Wasser war schon immer eine Schlüsselressource – im 21. Jahrhundert ist es das mehr denn je. Das gilt für Deutschland, für Europa und für die ganze Welt. Dabei ist der Wasserhaushalt durch große regionale Unterschiede geprägt: Zum einen, weil die naturräumlichen Voraussetzungen der Niederschlagsverteilung und Wasserspeicherung sehr unterschiedlich sind, zum anderen, weil Wasser durch die Menschen in unterschiedlicher Weise und für unterschiedliche Zwecke immer intensiver genutzt wird.

In vielen Entwicklungs- und Schwellenländern beispielsweise wird die gesellschaftliche und ökonomische Entwicklung bereits gegenwärtig oder in naher Zukunft eingeschränkt, weil nicht genügend Wasser vorhanden ist. Und auch in Europa und anderen hoch entwickelten Regionen der Welt sind mittel- bis langfristig weder der Schutz vor unvorhergesehenen Gefahren wie Extremereignissen, noch die Nutzungssicherheit, insbesondere in Bezug auf Trinkwasser, noch hinreichend gesunde Gewässerökosysteme mit entsprechender Biodiversität gegeben. Alle diese Entwicklungen werden durch die Auswirkungen des Klimawandels auf den Wasserkreislauf beeinflusst und in vielen Regionen der Welt verschärft. 

Wir sind in Deutschland bislang daran gewöhnt, dass Grund- und Oberflächenwasser jederzeit in hoher Qualität und beliebiger Menge verfügbar sind. Aber die Ressource Wasser ist auch bei uns zunehmenden Gefährdungen ausgesetzt. Eine Ursache dafür ist die Klimakrise, die flächendeckend, allerdings regional unterschiedlich ausgeprägt, Auswirkungen auf den Wasserhaushalt hat. Klimaszenarien prognostizieren weiter steigende Temperaturen und veränderte Niederschlagsverhältnisse. Klimamodellierungen, die auf Vorsorge ausgerichtet sind, zeigen heißere und trockenere Sommer, eine stärker schwankende oder abnehmende Bodenfeuchte und mittel- bis langfristig gesehen sich ähnlich verhaltende Grundwasserspiegel, vor allem für Regionen, die – unter der Berücksichtigung menschlicher Eingriffe in den Wasserhaushalt – bereits jetzt sinkende Grundwasserstände verzeichnen. Darunter leiden landwirtschaftliche Kulturen und Grünland ebenso wie der Wald und andere Ökosysteme, insbesondere wasserbasierte Landökosysteme mit geschützten Arten und Lebensräumen. Gleichzeitig werden Starkregen und Überflutungen häufiger, im Winter fällt seltener Schnee. Eine weitere Gefährdung und zugleich umweltpolitische Herausforderung stellen die Belastungen der Gewässer durch die Nährstoffe Stickstoff und Phosphor dar sowie eine Vielzahl anderer Stoffe, etwa Spurenstoffe, und Einträge wie Mikroplastik.

Allein die volkswirtschaftliche Dimension der hydrologischen Klimawandelfolgen sind erheblich und eng mit den Schäden durch Hitze, Dürre und Hochwasser verbunden. Die extremwetterbedingten Schäden werden laut einer Prognos-Studie für Deutschland von 2000 bis 2021 auf fast 145 Mrd. Euro geschätzt, inklusive geschätzter indirekter Schäden von mehr als 30 Mrd. Euro.

Hinzu kommen die Schäden durch Extremereignisse wie das Hochwasser im Ahrtal im Jahr 2021, die in diesen Zahlen noch nicht eingerechnet sind. An erster Stelle sind aber die humanitären Auswirkungen zu nennen. So hat das Ahrtal-Hochwasser mindestens 135 Menschenleben gefordert. Nach aktuellen Zahlen belaufen sich die monetären Schäden im Ahrtal auf über 40 Milliarden Euro, deren Bewältigung ein Sondervermögen im Bundeshaushalt, hohe Zahlungen der Versicherungswirtschaft und private Investitionen in erheblichen Größenordnungen erfordert haben. Diese Schadensdimensionen bringen selbst starke Volkswirtschaften wie Deutschland an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit.

Ja, er hat sich am Ende gelohnt: In mittlerweile drei Kabinetten und Koalitionsverträgen geben der „Nationale Wasserdialog“ und die „Nationale Wasserstrategie“ seit 2018 den Rahmen für das Handeln auf politischer Ebene vor, weil sie mit breiter zivilgesellschaftlicher Legitimation entwickelt und schließlich zwischen allen maßgeblichen ministeriellen Ressorts abgestimmt wurden.

Die Nationale Wasserstrategie ist mit einem Aktionsprogramm von 78 Maßnahmenpaketen gekoppelt, die schrittweise bis 2030 gemeinsam von Ländern, Kommunen, verschiedenen Stakeholdern der Wasserwirtschaft und einschließlich eines wissenschaftlichen Reviews umgesetzt werden sollen. Diese Umsetzung wurde eng verzahnt mit dem Aktionsprogramm „Natürlicher Klimaschutz“, das die Bundesregierung mit einem Budget von über 4 Milliarden Euro bis 2029 ausgestattet hat. Es ist vorgesehen, davon entsprechende Anteile für klimabezogene Maßnahmen in der Wasserwirtschaft, zur Gewässerentwicklung und für Maßnahmen der wassersensiblen Stadtentwicklung einzusetzen.

Mit der im Januar 2026 gestarteten und vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung - UFZ koordinierten Kampagne zur Wassersicherheit wollen wir Konzepte für ein integriertes Wassermanagement, neue Ansätze für einen klimaresilienten Wasserhaushalt in ganzen Flusslandschaften und in Städten sowie Lösungen für den Umgang mit Wasserextremen entwickeln, die weltweit zum Einsatz kommen können. Wir, das sind 13 Forschungszentren der Helmholtz-Gemeinschaft, die mit ihrer Forschungsexpertise in einzigartiger Weise den gesamten Wasserkreislauf abdecken – vom globalen und terrestrischen System bis hin zur molekularen Ebene. Wir fokussieren uns auf drei Reallabore mit jeweils typischen Problemstellungen – die Einzugsgebiete der Flüsse Elbe und Rur sowie die Stadt Leipzig – und arbeiten von Beginn an in engem Austausch mit den Wasserwirtschafts- und Umweltverwaltungen, der Wasserver- und entsorgung sowie mit Vertreter:innen des Naturschutzes, der Stadtentwicklung, der Landwirtschaft, der Industrie, und nicht zuletzt Bürger:innen. Damit wollen wir innovative Technologien und Know-how aus der Wissenschaft schneller als bislang in die Praxis überführen. 

Langversion des Interviews

Helmholtz Wasserinitiative

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