Standpunkt

„Verbesserter Schutz des Trinkwassers gegen PFAS ist gut, aber nicht ausreichend.“

Bild: UFZ / Sebastian Wiedling

Seit Januar gelten neue Grenzwerte für PFAS im Trinkwasser. Warum das nicht reicht und warum wir die Verwendung von PFAS grundsätzlich stärker einschränken müssen, erklärt der Chemiker Thorsten Reemtsma vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung – UFZ.

Seit 12. Januar 2026 gelten neue, niedrigere Grenzwerte für die Konzentration von PFAS im Trinkwasser. PFAS, kurz für per- und polyfluorierte Alkylverbindungen, sind enorm stabile Chemikalien. Die in der Umwelt oft anzutreffenden Carbon- und Sulfonsäuren (zum Teil als Abbauprodukte anderer PFAS) haben Halbwertzeiten von über 100 Jahren. Man könnte es durchaus als fahrlässig bezeichnen, derartig persistente Verbindungen in großen Mengen in den Wirtschaftskreislauf und in den globalen Stoffkreislauf gebracht zu haben. Als Konsequenz davon tragen wir alle PFAS in unseren Körpern: wir Menschen, aber auch alle Wildtiere, insbesondere die Carnivoren. Manche PFAS⁠ können Effekte auf Stoffwechsel, Hormonhaushalt, Fortpflanzung und Immunsystem haben und stehen im Verdacht, krebserregend zu sein.

Insofern ist es gut, dass es neue, verschärfte Grenzwerte für die Trinkwasserversorgung gibt. Sie sichern die Qualität des Trinkwassers und begrenzen die Exposition mit PFAS über diesen Pfad. Die Erkenntnis, dass PFAS ein gesundheitliches Risiko sind, hat in den letzten Jahren Forschungsaktivitäten zur Verbesserung von Verfahren zur PFAS-Entfernung aus Wässern stark anwachsen lassen. Auch das ist gut. Denn insbesondere für kürzerkettige PFAS sind die etablierten Adsorptionsverfahren wenig wirksam. Wegen ihrer besseren Wasserlöslichkeit sind gerade diese kürzerkettigen Substanzen aber im Wasser in höheren Konzentrationen zu erwarten.

Doch Trinkwasser spielt als Expositionspfad für Menschen nur in Ausnahmefällen eine größere Rolle. PFAS finden sich heutzutage in einer sehr großen Vielfalt an Produkten und kommen damit auf sehr unterschiedlichen Wegen in die Umwelt und zu uns Menschen. Eine jüngst veröffentlichte Studie listet 325 verschiedene Anwendungen auf. Im Trinkwasser traten höhere Werte in der Vergangenheit meist dann auf, wenn es unentdeckte lokale hohe PFAS-Kontaminationen im Grundwasser gab: aus Produktionsanlagen, unsachgemäßer Entsorgung oder aus Feuerlöschaktivitäten.

Generell bedeutsamer als Trinkwasser sind andere Quellen, insbesondere tierische Lebensmittel (Anreicherung über die Nahrungskette) und die Vielfalt an Produkten und Stoffen, mit denen wir im Alltag in unserem Lebensumfeld umgehen: Lebensmittelverpackungen, Textilien, Kosmetika, Beschichtungen von Verbrauchsgütern, Zusätze in Schmierstoffen und vieles andere mehr, einschließlich des Staubs in unseren Wohnungen, den wir teilweise inhalieren. Auch Belastungen an Arbeitsplätzen spielen eine Rolle. Es hat den Anschein, dass PFAS aufgrund ihrer attraktiven Anwendungseigenschaften langsam, aber sicher in immer weitere Bereiche unserer Produkte „eingesickert“ sind.

Statt nur das Trinkwasser zu regulieren, sollten wir deswegen an die Quellen gehen und die weitere Verwendung von PFAS insgesamt sowohl hinsichtlich der Mengen als auch hinsichtlich der Breite der Anwendungen drastisch vermindern. Darauf zielt auch der vor drei Jahren vorgebrachte sogenannte „Restriktionsvorschlag“ einiger EU-Staaten, inklusive Deutschlands. Die politische Unterstützung dieses Vorschlags scheint derzeit zu bröckeln. Aus wissenschaftlicher Sicht bleibt es aber dringend erforderlich, PFAS aus der großen Zahl an Konsumgütern und aus offenen Systemen zu verbannen, die direkt die Umwelt bzw. den Menschen belasten.

Um die Forschungsleistung anzustoßen und die Innovationskraft zu mobilisieren, die es braucht, um PFAS in den vielen Anwendungsbereichen zu ersetzen und ihren Einsatz auf das unverzichtbare Maß (die „essential uses“) zurückzudrängen, braucht es eine breite Regulation auf EU-Ebene und möglichst darüber hinaus. Alternativ kann erheblicher Druck vonseiten der Verbraucher:innen in diese Richtung wirken.

Dies wäre der richtige Weg im Sinne einer nachhaltigen Chemie und eines nachhaltigen, zirkulären Wirtschaftens. Neue Grenzwerte in der Trinkwasserverordnung reichen, leider, nicht aus.

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