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Kommentar

„Streitet Euch!“

Bildrechte: © garmoncheg - Fotolia.com

Alarmisten gegen Klimaskeptiker – in kaum einem Gebiet der Wissenschaft sind die Fronten so verhärtet wie in der Klimaforschung. Wissenschaftler sollten die Debatte öffentlich führen und auch Unsicherheiten klar benennen. Das fordert Angelika Hillmer vom Hamburger Abendblatt in einem Kommentar

Ende September veröffentlichte die UNO den fünften Weltklimabericht. Jetzt, Ende November, ringen die 195 Vertragsstaaten der Klimarahmenkonvention um einen neuen Vertrag, der in erster Linie den Ausstoß von Treibhausgasen reglementieren soll. Bei beiden politischen Großereignissen lieferten Klimaforscher die wissenschaftliche Basis. Doch sie sprechen nicht mit einer Stimme. Die Gruppe der Warner präsentiert engagiert ihre düsteren Zukunftsszenarien. Andere sind skeptischer, was die Tragfähigkeit solcher Vorhersagen angeht. Und wieder andere lassen sich dafür bezahlen, dass sie die Glaubwürdigkeit ihrer Kollegen torpedieren. Welchen Einfluss haben wir Menschen denn nun auf das Weltklima? Informierte Zeitgenossen ahnen, dass jeder einzelne von ihnen zumindest ein Rädchen im Klimagetriebe ist, wenn auch nur ein sehr kleines.

Tatsächlich ist die Gemengelage unübersichtlich: Der Klimawandel und dessen Folgen sind schleichende, langfristige Veränderungen und bleiben in ihrem tatsächlichen Umfang abstrakt. Das Klimasystem selbst ist so komplex, dass auch die weit gediehene Forschung noch Lücken aufweist und manche Detailfrage kaum (oder gar nicht) beantworten kann. Um mögliche zukünftige Entwicklungen aufzeigen zu können, entwerfen Modellierer unterschiedliche Szenarien und stellen dabei Annahmen zu Bevölkerungswachstum, Wirtschaftsentwicklung, Klimapolitik. Die daraus resultierenden Aussagen können nur unsicher sein. Hinweise auf solche Unsicherheiten fehlen aber bei vielen Alarmrufen. Zu Recht weisen kritische Wissenschaftler auf diese Widersprüche hin. Hans von Storch etwa warnt davor, dass sich einige seiner Kollegen zu allwissenden Missionaren hochstilisieren - oder von anderen dazu gemacht werden. Wissenschaft, darauf weisen diese Skeptiker hin, lebt vom Diskurs, vom Streiten um die besten Ideen, die klügsten Forschungsansätze, die stichhaltigsten Ergebnisse.

Angelika Hillmer ist Wissenschaftsredakteurin beim Hamburger Abendblatt und berichtet seit 1994 über Umwelt- und Klimathemen. Bild: privat

Doch es gibt auch die anderen. Jene, die zum Teil dafür bezahlt werden, dass sie den menschlichen Einfluss auf das Klima - also den Treibhauseffekt - negieren. Ein Urgestein dieser Spezies ist der US-amerikanische Atmosphärenphysiker Fred Singer. Der heute 88-Jährige streitet seit Jahrzehnten gegen Aussagen zum Treibhauseffekt und ließ sich nachweislich auch schon von den Ölkonzernen ExxonMobil, Shell und Texaco honorieren. Leute wie Fred Singer bedeuten für die ernsthaften Klimaskeptiker ein enormes Glaubwürdigkeitsproblem. Wenn man sich Mahner wie Skeptiker in ihrer jeweiligen Widersprüchlichkeit anschaut, muss die Frage erlaubt sein: Sollten sich Wissenschaftler lieber ganz aus der Politik heraushalten? Tatsächlich geht manchem Forscher mittlerweile die Art und Weise, wie ihre Kollegen arg zugespitzte Erkenntnisse lauthals in die Welt posaunen, zu weit. Sie pflegen lieber das klassische Bild eines Wissenschaftlers, der seine Ergebnisse in Fachpublikationen veröffentlicht und andere die Schlüsse daraus ziehen lässt.

Die Lösung aber wäre auch das nicht. Schließlich ist es nachvollziehbar, dass Forscher, die täglich damit konfrontiert werden, dass der Wandel ohne energisches Gegensteuern schwere Folgen haben wird, im Lichte dieser Erkenntnisse Alarm schlagen. Immerhin sind ihre Arbeiten größtenteils staatlich finanziert - warum also nicht die Gesellschaft direkt informieren und die Erkenntnisse zur Diskussion stellen?

Dabei aber sollten die Warner sowohl die stillen als auch die schrillen Gegenstimmen würdigen und sich mit ihnen auseinandersetzen - immer wieder. Denn für ungeübte Ohren klingen viele Argumente von Treibhausleugnern (oder Wirtschaftslobbyisten) plausibel. Forscher, die, darauf angesprochen, nur müde abwinken, laufen Gefahr, arrogant, wenn nicht unbelehrbar zu wirken. Die wissenschaftliche Auseinandersetzung muss auch im Rampenlicht der Öffentlichkeit geschehen. Selbst wenn's manchmal fast weh tut.

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