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Körperabwehr

Salz in die Wunde

Bild: Shutterstock

Salz scheint das Immunsystem der Haut anzuregen. Eine entsprechende Salbe soll nun klinisch getestet werden. Weil sie lokal aufgetragen würde, gebe es keine negativen Wirkungen auf das Herz-Kreislauf-System.

Streuen wir Salz in die Wunde. Was heute noch im übertragenen Sinne heißt, ein Problem oder einen Schwachpunkt extra zu betonen, könnte in Zukunft auch einfach bedeuten: Aktivieren wir das Immunsystem! Das legen zumindest eine Reihe neuer Studien von Forschern unter anderem aus der Universität Erlangen-Nürnberg und dem Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin nahe.

Angefangen hatte es mit einer Simulation eines Fluges zum Mars. Sechs Freiwillige verbrachten 520 Tage – so lange dauert in etwa ein Hin- und Rückflug zum Mars – in einem Simulationskomplex in der Nähe von Moskau. Für den Nephrologen Professor Jens Titze von Vanderbilt University im USA-amerikanischen Nashville und der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen waren das einmalige Bedingungen: Er forschte schon lange daran, wie Salz beim Menschen gespeichert wird. Weil nun in der Mars-Simulation die Ernährung genauestens bekannt war, konnte er nicht nur detailliert verfolgen, wie viel Salz die Menschen zu sich nahmen. Über einen langen Zeitraum wurde auch jeder Tropfen Urin der Probeastronauten aufgefangen und analysiert - in Kombination mit anderen Tests ließ sich damit genau beobachten, was mit dem aufgenommenen Salz geschah. Schließlich konnte Titze unter anderem mit Friedrich Luft vom Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin zeigen, dass überschüssiges Salz in der Haut nach einem bestimmten Rhythmus eingelagert wird. Aber warum?

Diese Frage hatten sich Titze und der Mikrobiologe Jonathan Jantsch, damals noch an der Universität Erlangen-Nürnberg, schon lange gestellt. „Als wir dann die diätunabhängige Salzspeicherung in der Haut bei Mäusen mit Hautinfektionen beobachteten, fanden wir den ersten entscheidenden Hinweis, dass die Salzeinlagerung etwas mit Infektionen zu tun haben könnte“, sagt Jonathan Jantsch. Analysen des Natriumionengehalts bei Patienten mit bakteriellen Hautinfektionen bestätigten den Befund: Auch hier war in infiziertem Hautareal die Salzeinlagerung deutlich größer.

Schließlich fanden die Forscher heraus, welche Rolle das eingelagerte Salz für die Infektionen und ihre Bekämpfung spielt: Fresszellen, eine bestimmte Art von Zellen des menschlichen Immunsystems, werden offenbar aktiver, wenn die Salzkonzentration in der Umgebung höher ist. „Wir wollten dann natürlich wissen, ob wir das Immunsystem mit Salz womöglich sogar stärken und verbessern können“, sagt Jonathan Jantsch, der vor kurzem an die Universität Regensburg gewechselt ist. Nach einer Reihe weiterer Experimente infizierten sie schließlich zwei Gruppen von Mäusen jeweils die Fußsohlen mit einem Keim. Eine Gruppe erhielt stark gesalzenes Futter, eine andere wurde salzarm ernährt. Das Ergebnis nach mehr als 70 Tagen: Die Wundheilung bei den Mäusen mit stark gesalzenem Futter war weitaus besser, die Bakterienzahl deutlich geringer.

Ausgerechnet Salz, das bekanntermaßen Bluthochdruck auslöst und für Herz-Kreislauf-Krankheiten mitverantwortlich ist, scheint also das Immunsystem merklich zu stärken. Ist Salz womöglich doch besser als sein Ruf? Der Mediziner Heribert Brück vom Bundesverband Niedergelassener Kardiologen hat eine klare Antwort: „Die negativen Wirkungen überwiegen eindeutig. Es gibt inzwischen mehrere große und relevante Studien, die zeigen konnten, dass vermehrter Salzkonsum beim Bluthochdruck eine entscheidende Rolle spielt.“

Das sieht Jantsch genauso. Die Belastungen des Herz-Kreislauf-Systems durch übermäßigen Salzkonsum wögen viel schwerer als die wahrscheinlich nur geringen positiven Effekte auf das Immunsystem. Etwas anderes aber kann er sich durchaus vorstellen: Eine Art Salzcreme für verletzte Haut, um die Wundheilung zu fördern und Infektionen einzudämmen. „Das würden wir gerne bald klinisch testen“, sagt Jantsch. Vor Schmerzen beim Auftragen der Creme bräuchten sich die Patienten dabei nicht zu fürchten. Eine wirkungsvolle Konzentration sei vermutlich immer noch so gering, dass es zu keinem Brennen kommen würde. Bewährt sich eine solche Creme in den klinischen Tests, könnte es in nicht allzu ferner Zukunft einmal heißen: Salz in die Wunde – ja, bitte!

Salz bringt das Immunsystem auf Trab (Pressemeldung des MDC)

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