Nationale Dekade gegen postinfektiöse Erkrankungen
Wenn die Infektion vorbei ist – und die Krankheit erst beginnt

Entnahmesets für biologische Proben von Studienteilnehmern im NAKO-Studienzentrum in Hannover. Bild: Holger Hollemann/dpa
Long Covid, ME/CFS und andere postinfektiöse Erkrankungen stellen Medizin und Gesellschaft vor neue Fragen. Mit den Langzeitdaten aus der NAKO-Gesundheitsstudie will Deutschland nun systematisch klären, warum manche Infektionen dauerhafte Spuren hinterlassen – und wie sich Betroffenen besser helfen lässt.
- Postinfektiöse Erkrankungen nehmen zu, nach Infektionen wie Covid-19 können Monate oder sogar Jahre später chronische Erkrankungen wie Long Covid oder ME/CFS entstehen, von denen in Deutschland Hunderttausende Menschen betroffen sind.
- Das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) investiert im Rahmen der Nationalen Dekade gegen postinfektiöse Erkrankungen über einen Zeitraum von zehn Jahren rund 500 Millionen Euro, um Ursachen, Krankheitsmechanismen, Diagnostik und Therapien systematisch zu erforschen und die Versorgung zu verbessern.
- Die NAKO-Gesundheitsstudie mit 200.000 Teilnehmenden liefert entscheidende Langzeitdaten und ermöglicht einen seltenen Vorher-Nachher-Vergleich mit Daten und Bioproben von vor, während und nach einer Infektion.
- Ziel der Forschung ist es, die tatsächliche Verbreitung postinfektiöser Erkrankungen genauer zu bestimmen, zugrunde liegende biologische Prozesse besser zu verstehen und Betroffenen künftig gezielter helfen zu können.
Das Problem beginnt manchmal erst dann, wenn die Gefahr bereits abgewehrt und besiegt ist. Man infiziert sich mit Viren oder manchmal auch anderen Mikroorganismen, das eigene Immunsystem wird aktiv, man hat vielleicht Fieber und ist etwas geschwächt, während der Kampf im Innern tobt. Schließlich sind die Eindringlinge besiegt, die Infektion ist weitgehend überwunden, es müsste eigentlich aufwärts gehen. Doch stattdessen – manchmal auch erst nach einer Pause von wenigen Tagen bis vielen Jahren, je nach Erkrankung – entsteht eine neue Erkrankung, die vermutlich durch die Turbulenzen während der Infektion hervorgerufen wurde. Eine solche Erkrankung wird als postinfektiöse Erkrankung bezeichnet.
Eine bestimmte Form ist seit der Corona-Pandemie in aller Munde und hat ein neues Ausmaß erreicht: Long Covid, gekennzeichnet durch Müdigkeit, verminderte Belastbarkeit, kognitive Störungen („Brain Fog“) und Kurzatmigkeit Wochen bis Monate nach einer SARS-CoV-2-Infektion. Auch die Häufigkeit der Myalgischen Enzephalomyelitis bzw. des Chronischen Fatigue-Syndroms (ME/CFS) ist in die Höhe geschnellt. ME/CFS bezeichnet eine schwere, chronische Multisystemerkrankung, die häufig nach einer Infektion auftritt und vor allem durch eine ausgeprägte, sich nach Belastung deutlich verschlechternde Erschöpfung gekennzeichnet ist. Expertenschätzungen zufolge lebten Ende 2024 hierzulande rund 870.000 Menschen mit Long Covid und 650.000 Menschen mit CFS.
Zehn Jahre Forschung gegen die Spätfolgen von Infektionen
So werden postinfektiöse Erkrankungen seit der Pandemie nicht nur medizinisch, sondern auch gesellschaftlich zu einem immer wichtigeren Thema – mit weitreichenden Folgen für Betroffene und das Gesundheitssystem. Um hier gegenzusteuern, hat das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt gemeinsam mit dem Bundesministerium für Gesundheit und weiteren Partnern seit Anfang dieses Jahres die „Nationale Dekade gegen Postinfektiöse Erkrankungen“ ausgerufen. Ziel ist es, über einen Zeitraum von zehn Jahren Ursachen, Krankheitsmechanismen, Diagnostik und Therapie postinfektiöser Erkrankungen wie Long COVID oder ME/CFS systematisch zu erforschen und neue Versorgungswege zu entwickeln. Dafür stehen insgesamt rund 500 Millionen Euro bereit, etwa 50 Millionen pro Jahr, die in interdisziplinäre Projekte, Dateninfrastrukturen und klinische Studien fließen sollen.
„Je besser wir die Ursachen und die Krankheitsmechanismen verstehen, desto besser können wir vorsorgen und behandeln. Das gilt bei postinfektiösen Erkrankungen ganz besonders: Ihre Krankheitsmechanismen sind bislang nur wenig verstanden, hier gibt es eine Menge zu tun – und zu entdecken“, erklärt Annette Peters, Vorstandvorsitzende der NAKO-Gesundheitsstudie und Direktorin des Instituts für Epidemiologie bei Helmholtz Munich.
Die NAKO-Gesundheitsstudie ist mit mehreren wichtigen Projekten beteiligt an der Nationalen Dekade gegen Postinfektiöse Erkrankungen. Kein Wunder, kann die NAKO ihre Stärken hier doch besonders ausspielen. Es ist die bislang größte bevölkerungsbasierte Langzeitstudie Deutschlands. Seit 2014 werden bundesweit rund 200.000 Männer und Frauen im Alter zwischen 20 und 69 Jahren medizinisch untersucht und regelmäßig zu ihrem Gesundheitszustand, ihren Lebensgewohnheiten und Umweltfaktoren befragt.
Ein wertvoller Vorher-Nachher-Blick
„Um postinfektiöse Erkrankungen besser zu verstehen, ist es ideal, wenn man einen Vorher-Nachher-Vergleich machen kann. Genau das ermöglicht die NAKO: Wir haben Daten und Bioproben wie Blutproben unserer Teilnehmer von vor, während und nach der Pandemie“, erläutert Peters. Genau diesen Vorteil spielt EpiPAIS (Epidemiologie postakuter Infektionssyndrome) aus, ein zentrales Projekt der Dekade, angesiedelt an der NAKO. In EpiPAIS werden rund 4.500 NAKO-Teilnehmende vertieft untersucht, bei denen sich ein Vorher-Nachher-Vergleich besonders gut ziehen lässt.
Dabei versuchen die Forschenden, die Vergleiche möglichst breit zu halten. Denn welche Mechanismen genau dazu führen, dass eine überstandene Infektion in eine chronische Erkrankung mündet, ist bislang nicht abschließend geklärt. Diskutiert werden unter anderem eine anhaltende Fehlregulation des Immunsystems mit chronischer Entzündungsaktivität, Autoimmunreaktionen gegen körpereigene Strukturen sowie Virusbestandteile, die auch nach der Infektion noch im Körper sind und das Immunsystem weiter stimulieren. Auch Störungen der Gefäßfunktion, Mikrothromben, Veränderungen des autonomen Nervensystems oder metabolische und mitochondriale Dysfunktionen stehen im Verdacht, zu Symptomen wie Erschöpfung, kognitiven Beeinträchtigungen oder Kurzatmigkeit beizutragen. „Wahrscheinlich handelt es sich nicht um einen einzelnen Auslöser, sondern um ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren, das je nach Infektion und individueller Veranlagung unterschiedlich ausgeprägt ist“, sagt Peters.
Annette Peters, Vorstandvorsitzende der NAKO-Gesundheitsstudie und Direktorin des Instituts für Epidemiologie bei Helmholtz Munich. Bild: Helmholtz Munich
Es gilt erst einmal zu klären, wie viele von Long Covid überhaupt betroffen sind
In den allermeisten Fällen scheint das körpereigene Immunsystem aber eine wichtige Rolle zu spielen. Im Fokus von EpiPAIS stehen daher unter anderem Veränderungen, die das komplexe körpereigene Abwehrsystem betreffen. So wird untersucht, ob sich etwa die Zahl bestimmter Leukozyten – also weißer Blutkörperchen – bei Menschen mit postinfektiösen Erkrankungen verändert hat und ob sich epigenetische Muster der Immunzellen verschoben haben, also chemische Markierungen auf dem Erbgut, die steuern, welche Gene in einer Zelle aktiv oder inaktiv sind, ohne die DNA-Sequenz selbst zu verändern. Gleichzeitig suchen die Forschenden gezielt nach protektiven Faktoren, also biologischen oder lebensstilbedingten Merkmalen, die vor schweren Verläufen schützen. „Auch das kann helfen, Therapien zu finden“, sagt Peters. Mit den Analysen wurde bereits begonnen, Peters ist zuversichtlich, dass bereits nächstes Jahr eine Reihe von Erkenntnissen vorliegen werden.
Und dann will die NAKO noch eine ganz grundlegende Frage klären: Wie viele Menschen in Deutschland leiden überhaupt an bestimmten postinfektiösen Erkrankungen? „Long Covid etwa wird noch immer nicht einheitlich erfasst – entsprechend wissen wir gar nicht, wie viele Menschen hierzulande darunter leiden“, sagt Peters. Weil die NAKO den 200.000 Teilnehmern recht engmaschig folgt, könnte sie auch in Bezug auf die Verbreitung postinfektiöser Erkrankungen wichtige Erkenntnisse liefern.
Wie verbreitet sind die unsichtbaren Spuren vergangener Infektionen?
Ein weiteres NAKO-Forschungsprojekt im Rahmen der Nationalen Dekade gegen postinfektiöse Erkrankungen befasst sich mit Antikörpern gegen verschiedene Erreger und wie verbreitet diese in der Bevölkerung sind. So soll bei mehreren tausend NAKO-Teilnehmenden analysiert werden, wie viele Menschen Antikörper gegen unterschiedliche Erreger tragen, wie stark diese Antikörper ausgeprägt sind und wie sich diese Marker über die Zeit verändern. Solche serologischen Analysen geben Hinweise darauf, wie das Immunsystem auf vergangene Infektionen reagiert hat und welche Profile mit einem geringeren oder höheren Risiko für postinfektiöse Erkrankungen zusammenhängen könnten.
Mit diesen Daten lassen sich nicht nur Rückschlüsse auf die Verteilung von Immunantworten in der Bevölkerung ziehen, sondern auch Zusammenhänge zwischen früheren Infektionen, immunologischen Reaktionen und langfristigen Gesundheitsfolgen untersuchen – etwa, ob bestimmte Antikörperkonstellationen mit einem geringeren Risiko für schwerwiegende postinfektiöse Verläufe verbunden sind. Auch diese Erkenntnisse können helfen, Schutzfaktoren zu identifizieren und Immunantworten besser zu verstehen, was wiederum in die Entwicklung von Präventions- oder Therapieansätzen einfließen kann.
„Welche Virusinfektionen gehen mit welchen postinfektiösen Erkrankungen einher? Welche Faktoren erhöhen oder senken das Risiko – und warum? Was spielt eine Rolle dabei, eine postinfektiöse Erkrankung wieder loszuwerden? Anhand dieser Fragen sieht man schon, dass wir beim Verständnis noch recht am Anfang stehen und noch einige Grundlagen zu klären sind“, sagt Peters. Die Biodaten und Projekte der NAKO könnten schon bald helfen, einige dieser offenen Fragen davon zu beantworten – und damit der Nationalen Dekade gegen postinfektiöse Erkrankungen erste und umfassende Erfolge bescheren.
Leser:innenkommentare