Interview
„Ohne den Klimawandel gäbe es weniger Konflikte in der Arktis“

Satellitenbild von der Insel Grönland, Island und dem kanadischen Arktischen Archipel. Bild: NASA / Ames Research Center (gemeinfrei/Wikipedia)
Nach 30 Jahren friedlicher Koexistenz nehmen die Spannungen in der Arktis zu. Welche strategischen Ziele verfolgen die Akteure im Norden? Wie blickt das Deutsche Arktisbüro auf die Lage in Grönland? Und welche Chancen bietet die Wissenschaft in der Diplomatie? Ein Interview mit dem Arktis-Experten Volker Rachold, AWI.
Volker Rachold ist Leiter des Deutschen Arktisbüros am Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung. Das Büro berät die Bundespolitik in Fragen zur Arktis und vermittelt Informationen aus der Forschung. Geochemiker Rachold unterstützt außerdem das Auswärtige Amt, das Deutschland als Beobachter im Arktischen Rat vertritt.
Herr Rachold, woher kommt das Interesse an Grönland, was macht das Land geopolitisch so bedeutsam?
Das Interesse an Grönland und der Arktis speist sich aus einer Mischung aus strategischen, wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Interessen, die durch den Klimawandel verstärkt werden, da schmelzendes Eis neue Seewege und Rohstoffzugänge eröffnet und geopolitische Spannungen verstärkt. Donald Trump argumentiert damit, dass er Grönland nach einer Übernahme militärisch besser schützen könnte. Aber er darf dort schon jetzt nahezu alles tun, was er will: Truppen verstärken, Militärbasen eröffnen, die Bewegungen von Schiffen und Flugzeugen kontrollieren. Diese Rechte sichert ihm das Thulesag-Abkommen von 1951 zwischen den USA und Dänemark zu. Das Argument der Sicherheit ist also wahrscheinlich nur vorgeschoben, genauso wie seine Warnung, chinesische und russische Schiffe würden vor der Insel kreuzen und einen Angriff planen: Das stimmt nicht. Wenn, dann fahren diese Schiffe eher vor Alaska. Denn auch an diesem Punkt ist seine Argumentation sehr schwach: Trump sagt, er müsse verhindern, dass Russland sein Nachbar werde, und sich deshalb Grönland sichern. Ein Blick auf die Weltkarte zeigt doch aber, wie nah ihm Russland bereits seit mehr als 150 Jahren ist – über die Beringstraße kann man ja fast bis nach Alaska hinüber schwimmen.
Was sind dann seine wahren Interessen?
Ein wichtiger Punkt dürften die Ressourcen auf Grönland sein, vor allem die Seltenen Erden. Auf die hätte Trump sicherlich gerne Zugriff, denn derzeit beherrscht China den Weltmarkt mit diesem wichtigen Rohstoff. Und natürlich ist er interessiert am Öl, das dort unterirdisch lagert.
Wäre deren Abbau denn so einfach auf Grönland möglich?
Nein, ganz und gar nicht. Zum einen, weil auf der Insel die Infrastruktur dafür fehlt – Straßen, Häfen und so weiter. Zum anderen ist der Abbau aber auch technisch extrem aufwendig. Wir reden immer noch über die Arktis. Vor allem aber lehnen die Grönländer selbst solche Pläne ab. 2021 untersagte die Regierung dort sämtliche Förderung von Öl und Gas – um Umwelt und Klima zu schonen. Naturschutz ist den Menschen auf Grönland sehr wichtig. Die meisten von ihnen gehören zur indigenen Bevölkerung, die über Jahrtausende gelernt hat, mit der Natur zu leben.
Was hören Sie von diesen Menschen, überwiegt bei ihnen die Sorge oder die Wut?
Ich erlebe beides, vor allem aber auch eine große Verwunderung über das plötzliche Interesse an ihrer Insel. Die Menschen dort sind auch mit Dänemark nicht uneingeschränkt glücklich, was vor allem an der zum Teil bitteren Kolonialgeschichte liegt. Sie wären am liebsten unabhängig. Umfragen zeigen aber ganz klar: Im Zweifelsfall wollen 85 Prozent der Menschen lieber bei Dänemark bleiben als zu den USA zu gehören.
Volker Rachold ist Leiter des Deutschen Arktisbüros am Alfred-Wegener-Institut. Bild: Jan Pauls
Die Lage in Grönland, aber auch insgesamt in der Arktis ist sehr angespannt – und das nach Jahren, in denen es gelang, die Region weitgehend abzuschotten gegen globale Konflikte.
Das stimmt: Die Arktis war über viele Jahre eine Region, die beispielhaft stand für die friedliche Zusammenarbeit verschiedener Länder. Dafür gibt es sogar einen Begriff: Arctic Exceptionalism. Aber das ist seit dem russischen Angriff auf die Ukraine Geschichte. Heute sind wir zurück in einer Lage, die jener im Kalten Krieg ähnelt. Damals versteckten sich unter dem Eis der Arktis die Atom-U-Boote der Sowjetunion und der USA. Geändert hat das erst Gorbatschow mit seiner berühmten Murmansk-Rede von 1987. Darin schlug er für die Arktis eine Zusammenarbeit in drei zentrale Themen vor: Abrüstung, Umweltschutz und Forschung. Auf diese Rede geht auch die Gründung des Arktischen Rats zurück, heute das wichtigste Forum für die Zusammenarbeit in der Arktis im Hinblick auf Umweltschutz und nachhaltige Entwicklung. Außerdem bildete sich das International Arctic Science Committee, eine der zentralen Institutionen in der internationalen Polarforschung. Auch die ursprünglich eher auf die Antarktis ausgerichtete Forschung des AWI konzentrierte sich danach immer stärker auch auf die Arktis. Das Deutsche Arktisbüro am AWI wurde 2017 als Schnittstelle zwischen Forschung und Politik etabliert.
Auch China engagiert sich in der Arktisforschung. Wie sehr hängt dieses Engagement davon ab, dass das Land die nördlichen Handelsrouten erkunden will, die durch den Rückgang des Eises künftig passierbar sein werden?
Die Seewege in der Arktis sind für alle großen Handelsnationen bedeutsam, zuallererst natürlich für Russland. Die Passage entlang der Nordküste des Landes verkürzt für Frachtschiffe die Fahrt zwischen Europa und Asien stark. Doch derzeit wird die Route viel weniger genutzt als erwartet, auch aufgrund der Sanktionen. Heute sind vor allem Schiffe aus Russland und China dort unterwegs. Und zweifellos ist dieser Seeweg auch ein Grund, weshalb sich China so in der Arktisforschung engagiert. 2009 hat sich China ja sogar zum Nah-Arktisstaat erklärt, obwohl das Land rund 1.500 Kilometer weit von der Arktis entfernt liegt.
Aber eine direkte Bedrohung Grönlands sehen Sie nicht?
Überhaupt nicht, auch von russischer Seite nicht. China hat versucht, Einfluss auf der Insel zu gewinnen: Das Land würde gerne an die Ressourcen auf Grönland gelangen. Aber die Verhandlungen dazu sind gescheitert, die Grönländer wollen das nicht. Aussagen wie in den vergangenen Wochen von Trump gibt es weder von Russland noch von China.
Trotzdem schauen wir wie gebannt auf diesen Konflikt. Droht damit das zentrale Problem der Arktis in Vergessenheit zu geraten, der Klimawandel?
Andere Themen treten zumindest stark in den Vordergrund, auch in der deutschen Arktispolitik. Das zeigt sich bei den deutschen Arktisleitlinien. Die frühere Version, von 2019, konzentrierte sich ganz stark auf den Umwelt- und Klimaschutz. Die aktuelle Version von 2024 widmet sich dagegen vor allem der Sicherheitspolitik. International wächst auch das Interesse an den Ressourcen dort: Norwegen etwa weist neue Ölfelder in der Arktis aus, in Alaska hat Trumps Vorgänger Joe Biden stark umstrittene Bohrungen genehmigt. Genauso wie Russland spielen die Länder damit eine zwiespältige Rolle: Sie sind Mitglieder im Arktischen Rats, der sich dem Schutz der Arktis verschrieben hat. Gleichzeitig gewinnen sie aber Öl und Gas in der Region. Diese Aktivitäten schaden nicht nur dem Klima, sondern sind auch ein großes Risiko für die Umwelt. Denn in der Arktis hätte ein Ölunfall noch verheerendere Auswirkungen als anderswo, weil sich ausgelaufenes Öl dort durch das Eis nicht mit Barrieren einfangen lässt. Durch die kalten Temperaturen wird es zudem nur sehr langsam abgebaut.
Das heißt, wir müssen uns nicht nur um die Sicherheit in der Arktis sorgen, sondern verstärkt auch um die Umwelt?
Diese Aspekte lassen sich kaum trennen: Ohne den Klimawandel gäbe es weniger Konflikte, weil die Rohstoffe der Arktis kaum erreichbar, die meisten Seewege nicht passierbar wären. Das macht Trumps Argumentation ja umso bemerkenswerter: Er leugnet zwar den Klimawandel, will aber gleichzeitig an die Rohstoffe gelangen, weil er weiß, dass sie durch den Klimawandel überhaupt erst erreichbar sind.
Kann die Arktisforschung in dieser Situation womöglich wieder zum Symbol für ein friedliches Miteinander werden?
Das hoffe ich. Aber dazu brauchen wir einen langen Atem. Möglicherweise kann das nächste Internationale Polarjahr 2032/33 dafür einen Impuls geben. Diese internationalen Forschungsprogramme finden im Abstand von vielen Jahren statt und hatten in der Vergangenheit immer auch Auswirkungen auf die Politik. Als Erfolg des dritten Internationalen Polarjahres 1957/58 gelang so zum Beispiel die Einigung auf den Antarktisvertrag, der für die friedliche Zusammenarbeit am Südpol sorgt. Doch für solche Schritte müsste der politische Wille bei allen Beteiligten vorhanden sein – und das sehe ich derzeit leider eher nicht. Dabei ist es erst sechs Jahre her, dass die Arktisländer gemeinsam eine gewaltige Expedition unterstützt haben, MOSAiC. Damals trieb unser Forschungseisbrecher, die Polarstern, ein Jahr lang durch das Eis der Arktis. Das AWI leitete diese Expedition zwar – möglich war sie aber nur, weil sich zahlreiche andere Länder beteiligten: Russland vor allem, aber auch China. So etwas wäre heute nicht mehr denkbar. Wir hatten damals durch die Corona-Einschränkungen unerwartet große Schwierigkeiten, zwischenzeitlich war sogar unklar, ob wir die Expedition abbrechen müssen. Doch dann kam uns Russland mit seinen Eisbrechern zu Hilfe. Das ist erst sechs Jahre her, wirkt aber weit weg. Die Frage ist: Kommen wir da wieder hin? Oder ist diese Form der Zusammenarbeit Geschichte?
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