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Standpunkt

Macht mehr draus!

Foto: Matthias Heyde (CC-BY-SA 3.0)

Gemeinsame Berufungen sind eine großartige Sache – die Berufenen sollten ihre Möglichkeiten aber auch nutzen. Ein Kommentar von Johann Osel

Das Konzept klingt fantastisch – man teilt sich einen Professor. Ein Forscher auf einem außeruniversitären Leitungsposten wird zugleich an der Universität berufen. Solche gemeinsamen Berufungen liegen im Trend. Von gut 1000 Stellen spricht die Gemeinsame Wissenschaftskonferenz, schon zwei Prozent aller Professuren. Alle großen Player machen mit, auch die Helmholtz-Gemeinschaft. Doch unabhängig von vertraglichen Finessen ist das heikel: Es lässt sich nicht, wie beim Teilen eines Kuchens, möglichst fair in der Mitte durchschneiden. Es geht schließlich um agierende Menschen, um Persönlichkeiten, nicht um Dinge. Und es geht, um im Bild zu bleiben, nicht um identische Kuchenhälften.

Im Idealfall ist eine gemeinsame Berufung eine Win-win- Situation: Die Universität erhält einen exzellenten Hochschullehrer und den Zugang zu Forschungsressourcen, sie kann ihr Profil schärfen; der Partner kommt in Kontakt mit Forschernachwuchs und verlässt ein bisschen seinen oft sehr fachlichen Beritt. Beide Partner profitieren von Synergien, es entsteht wissenschaftlicher Mehrwert (siehe Exzellenzinitiative). Und man dämpft die Dauerdebatte, warum sich Deutschland überhaupt eine universitäre und eine außeruniversitäre Forschung leistet. Aber: Die Zusammenarbeit muss gelebt, ja zelebriert werden. Allein ein neues Modell hebt nicht das alte Denken von zwei getrennten Forschungswelten auf.

<b>Johann Osel (31)</b> ist bildungspolitischer Redakteur bei der <i>Süddeutschen<br />Zeitung</i><br /> Illustration: Jindrich Novotny

An manchen Universitäten werden gemeinsam Berufene als Externe gesehen – weil sie sich auch so verhalten. Die Lehrdeputate sind zwar verständlicherweise reduziert, jedoch oft ausschließlich für Masterarbeiten und Doktoranden gedacht. Warum nicht mal ein Seminar im Bachelor, zumindest für Leistungsstarke? Studierende sind generell potenzieller Forschernachwuchs und wenn sie schon in den ersten Semestern Blut lecken – umso besser. Die Universitäten könnten zudem ein bisher wenig beackertes Feld bestellen: Differenzierung im Bachelor, Angebote für die Spitzen. Und außeruniversitär Berufene könnten sehr früh ihre Fühler ausstrecken und sich als Teil der Hochschule präsentieren. Sonst könnte, auch wegen der Unwucht bei der Finanzierung von Universitären und Außeruniversitären, dieser Eindruck entstehen: Der reiche Onkel schaut ab und zu vorbei, pickt sich die Rosinen in der Lehre heraus, drückt sich aber um die Kärrnerarbeit.

Letztlich muss man natürlich die praktischen Grenzen des Doppel-Jobs sehen. Doch schon symbolisch kann sich etwas tun. Warum laden die Forscher ihre Studienanfänger nicht einfach einmal zum Rundgang ins außeruniversitäre Institut ein? Warum zeigen sie nicht mehr Präsenz etwa in Ringvorlesungen? Das passiert zu selten. Meist sehen sich die Professoren nur denen verpflichtet, die ohnehin an der Eintrittspforte zur Forschung stehen. Und nicht „ihrer“ ganzen Hochschule.

Gleichzeitig sind die Universitäten gefragt, sie müssen einladender werden. Die Akzeptanz dieser Berufungen gleicht vielerorts einer Pyramide: Das Rektorat denkt nicht mehr in alten Gräben, ebenso die Dekane, anders kann es im Mittelbau und in der Verwaltung aussehen. Denkbar wären Beauftragte für gemeinsame Berufungen, angesiedelt beim Rektor. Diese Personen könnten nicht nur intern Marketing betreiben für das Modell, sondern auch Wegweiser sein – gegen das Verheddern im akademischen Großbetrieb. Ein Professor aus Brandenburg sagt, er hätte nicht geglaubt, „mit wie vielen Institutionen man innerhalb der Universität zum Teil kommunizieren muss, um aufkommende Probleme zu lösen. Da ist ein Forschungsinstitut deutlich schlanker aufgestellt“.

Der Trend zur gemeinsamen Berufung dürfte anhalten, niemand kann die Vorteile leugnen. Für die künftige Exzellenzinitiative sind Förderlinien im Gespräch, in denen es noch mehr auf Kooperation ankommt, zum Beispiel die Kür ganzer Regionen. In der Praxis tatsächlich gelebte gemeinsame Berufungen würden beweisen: Der Grundgedanke ist goldrichtig.

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