Interview
„Kooperation ist der Katalysator für Innovation“

Professor Dr. Jan S. Hesthaven ist seit dem 1. Oktober 2024 Präsident des KIT. Bild: KIT
Jan Hesthaven ist seit dem 1. Januar 2026 Vizepräsident der Helmholtz-Gemeinschaft für den Forschungsbereich Energie. Im Interview spricht er über den Ausbau strategischer Allianzen und darüber, warum Transfer und Kommunikation über den Erfolg der Energiewende entscheiden.
Sie haben umfangreiche Managementerfahrung an renommierten Universitäten in den USA und der Schweiz gesammelt. Seit etwa einem Jahr sind Sie nun Präsident des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT). Welche Erfahrungen aus Ihrer bisherigen Karriere möchten Sie in Ihre Arbeit bei Helmholtz Energy besonders einbringen?
Für mich ist es von zentraler Bedeutung, dass Forschung einen „Impact“ erzeugt – in der Lehre, in der Gesellschaft, in der Wirtschaft und in der Politik. In meinen fast 30 Jahren im Ausland habe ich gelernt, dass wir das nur mit starken und umfassenden interdisziplinären Kooperationen erreichen können. Sie sind der Katalysator für Innovation und Technologietransfer. Als angewandter Mathematiker schätze ich diese Arbeitsweise besonders. Ich bin überzeugt, dass Lösungen für komplexe Probleme nur durch Zusammenarbeit und Austausch gefunden werden.
Im vergangenen Jahr haben Sie eine Vision für das Karlsruher Institut für Technologie (KIT) unter dem Motto ‚Science for Impact‘ entwickelt. Wie möchten Sie dieses Leitmotiv in Ihrer neuen Rolle als Helmholtz-Vizepräsident Energie umsetzen und in die Kultur von Helmholtz Energy integrieren?
Für mich bedeutet „Science for Impact“ vor allem, den gesellschaftlichen Nutzen unserer Forschung und Lehre konsequent in den Mittelpunkt zu stellen. Gleichzeitig dürfen wir nicht vergessen, dass Grundlageforschung die Basis für die Innovationen und Lösungen von morgen ist. Die neugiergetriebene Forschung muss nachdrücklich unterstützt werden. Als Helmholtz-Vizepräsident Energie sind mir drei Schwerpunkte besonders wichtig: Erstens sollte sich unsere Forschung an den großen Herausforderungen wie Energiewende, Klimaschutz und neuen Materialien orientieren. Meine Erfahrung in strategischer Ausrichtung und internationaler Vernetzung möchte ich einbringen, um gemeinsam Wege zu finden, Forschungsergebnisse schneller in die Praxis zu überführen und die interdisziplinäre Zusammenarbeit weiter zu stärken.
Zweitens muss Forschung den Transfer in marktfähige Lösungen erleichtern. Im engen Austausch mit den Vorständen möchte ich dazu beitragen, Helmholtz Energy als starken Partner für praxisnahe Energieforschung sichtbarer zu machen und unsere Forschenden auch in den Bereichen Innovation und Technologietransfer als führend zu positionieren.
Als dritten Punkt möchte ist die Internationale Vernetzung nennen: Globale und offene Kooperationen sind entscheidend, um Spitzenforschung zu betreiben und in internationalen Märkten wettbewerbsfähig zu bleiben. Ich möchte meine Erfahrung im Aufbau internationaler Netzwerke nutzen, um gemeinsam mit dem Management Board die Helmholtz-Energieforschung als verlässlichen Partner für Forschung und Industrie im internationalen Kontext noch stärker zu positionieren und dazu beitragen, dass unsere Arbeit die Anerkennung und Sichtbarkeit erhält, die sie verdient.
Die Hightech Agenda Deutschland der Bundesregierung legt den Fokus auf Technologietransfer und die Stärkung der Zusammenarbeit zwischen Forschung und Industrie im Rahmen des Innovationsstandorts Deutschland. Wie möchten Sie diese Kooperation konkret fördern?
Helmholtz Energy arbeitet bereits intensiv mit der Industrie zusammen, doch wir müssen diese Kooperation weiter ausbauen. Ein Schlüsselelement sind unsere Alleinstellungsmerkmale: die großen Infrastrukturen und Reallabore innerhalb Helmholtz und unsere Unterstützung für langfristige, missionsorientierte Forschung und Entwicklung. Hier möchte ich zwei Beispiele nennen:
Im Modellabor „Energy Lab“ erforschen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT), des Forschungszentrums Jülich (FZJ) und des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) in enger Zusammenarbeit mit der Industrie das Energiesystem der Zukunft. Ein weiteres Beispiel ist das Synchrotron BESSY am Helmholtz-Zentrum Berlin, wo Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus mehreren Zentren innovative Materialien für z.B. Solarzellen oder Batterien zusammen mit der Industrie entwickeln.
Diese enge Verzahnung von exzellenter Forschung, einzigartigen Infrastrukturen und industrieller Anwendung ist eine große Stärke von Helmholtz Energy – und sie bietet noch erhebliches Ausbaupotenzial.
Die Hightech Agenda Deutschland betont auch die Bedeutung der Zusammenarbeit zwischen Politik und Wissenschaft. Welche Relevanz hat diese Aufgabe für Sie, und wie wollen Sie sicherstellen, dass Forschungsergebnisse in politische Entscheidungen einfließen und die Energieforschung auf der politischen Agenda sichtbar bleibt?
Kommunikation mit politischen Entscheidungsträgern gewinnt angesichts der komplexen Herausforderungen unserer Zeit, vom Klimawandel bis zur Energiewende und geopolitischen Sicherheit, immer mehr an Bedeutung. Wir brauchen eine klare und faktenbasierte Kommunikation, damit politische Entscheidungen auf wissenschaftlicher Evidenz beruhen. Ebenso wichtig ist Transparenz, denn sie schafft Vertrauen in Wissenschaft und Politik, und sie schützt vor Desinformation, der mit Fakten entschieden entgegengewirkt werden muss. Und nicht zuletzt ist es unsere Verantwortung, Forschungsergebnisse wirksam in die gesellschaftliche Transformation einzubringen – schließlich wird unsere Arbeit durch öffentliche Mittel finanziert. Helmholtz Energy arbeitet an dieser Stelle bereits intensiv, um die wissenschaftlichen Erkenntnisse wirksam in die Politik einbringen und die Expertise in der Energieforschung sichtbarer zu machen. Die moderne Wissenschaft und Technologie ist so komplex, dass es für Politiker oft schwierig ist, die Details vor wichtigen Entscheidungen zu verstehen. Wir müssen uns als Quelle für vertrauenswürdiges Wissen und Fachkompetenz in Bezug auf Schlüsseltechnologien positionieren.
Welche großen Herausforderungen sehen Sie für Helmholtz Energy, den Helmholtz-Forschungsbereich Energie, in den kommenden Jahren – und wie möchten Sie ihn darauf vorbereiten?
Unsere Forschung muss konkrete Lösungen für Klimaneutralität und Versorgungssicherheit zu liefern. Unser Ziel ist es, die Dekarbonisierung und Energiewende zu beschleunigen und dadurch die Energiesouveränität zu erhöhen und den Wirtschaftsstandort Deutschland zu sichern. Zugleich eröffnet die rasante Entwicklung der künstlichen Intelligenz neue Möglichkeiten zur für effizientere und kostengünstigere Energiesysteme. Diese Chancen gehen jedoch mit Herausforderungen in Bezug auf Transparenz, Erklärbarkeit und Robustheit einher. Es ist nicht ratsam, diese neue Entwicklung zu ignorieren. Jedoch ist insbesondere im Zusammenhang mit kritischen Infrastrukturen Vorsicht geboten. Ein weiterer Schwerpunkt bleibt der Technologietransfer: Forschungsergebnisse sollen schneller den Weg in industrielle Anwendungen finden – durch Pilotprojekte, Partnerschaften und Innovationsplattformen. Gleichzeitig ist es wichtig, die internationale Wettbewerbsfähigkeit zu stärken, Talente zu gewinnen und globale Kooperationen auszubauen, um Helmholtz Energy als führenden Akteur zu positionieren und um unsere Sichtbarkeit zu erhöhen.
Um diese Ziele zu erreichen, sollten wir – die Vorstände – gemeinsam mit der Politik daran arbeiten, unsere verlässliche Grundfinanzierung auszubauen und Drittmittel zu sichern, um strategische Investitionen in Schlüsseltechnologien wie Wasserstoff, Speicher, Netzintegration und Resilienz zu ermöglichen.
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